Aktienstrategie

Sind schlechte Renditen ein gutes Zeichen?

Von Sam Stovall

07. Oktober 2008 Der Grund dafür, dass das Timing am Markt so schwierig ist - zumindest für mich -, ist, dass es zwar verhältnismäßig leicht ist, Aktien abzustoßen, aber sehr schwierig zu wissen, wann man wieder einsteigen sollte. Darüber hinaus beschließe ich normalerweise erst dann, dass es sicher ist, wieder in den Aktienmarkt einzusteigen, wenn der Kurs über den Punkt gestiegen ist, an dem ich ausgestiegen bin.

Also spreche ich momentan viel mit mir selbst. Nein, nicht in der Öffentlichkeit, oder halten Sie mich etwa für verrückt? Ich denke nur darüber nach, wie weit dieser Markt gefallen ist und wie weit und tief er letztlich noch fallen wird.

Kursverluste im S&P entsprechen bisher der historischen Norm

Bis einschließlich Montag, dem 06. Oktober 2008, als der S&P 500 mit 1.056 Zählern schloss, ist der Markt gegenüber dem vorangegangenen Bullenmarkt-Hoch von 1.565 Zählern am 09. Oktober 2007 um 32,5 Prozent gefallen. Während dieser Kursrückgang in etwa dem durchschnittlichen Bärenmarkt-Minus von 32 Prozent seit dem Zweiten Weltkrieg entspricht, liegen die Erträge nach wie vor bei 59 Prozent des vorangegangenen Bullenmarkt-Gewinns. Das ist ermutigend, da die durchschnittlichen Erträge seit 1946 bei 62 Prozent liegen. Mehr noch, der Rückgang von 49 Prozent aus den Jahren 2000 bis 2002 brachte einen Hauch mehr als 60 Prozent des vorangegangenen Bullenmarkt-Vorsprungs.

Das Einzige, das im vergangenen Jahr noch tiefer gesunken war als die Aktienkurse, das waren die Gefühle der Anleger. Seit dem Ende des vorangegangenen Bullenmarkts am 09.10.07 über den Tag, an dem der derzeitige Rückgang offiziell als Bärenmarkt bezeichnet wurde (als der Markt einen Rückgang von 20 Prozent verbuchte) bis heute, haben die Anleger eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt: Sorge, Verdrängung, Angst, Panik und Resignation.

Zum Börsenkurs

Das einzige Gefühl, das uns meiner Meinung nach noch fehlt, ist Verzweiflung. Vor der vergangenen Woche haben mich viele Anleger gefragt: „Ist es Zeit, wieder einzusteigen?“. Nun jedoch bekomme ich zu hören: „Ist es zu spät, um auszusteigen?“ Von einem konträren Standpunkt aus betrachtet ist das möglicherweise eine gute Sache.

Unter Orientierung an den Subsektoren-Indizes des S&P 500 GICS habe ich festgestellt, dass eine extreme Anzahl an Subsektoren, die Negativrenditen über einen gleitenden Sechs-Monats-Zeitraum verzeichnet haben, traditionellerweise auf eine nahe bevorstehende Erholung der Aktienkurse hindeutet.

Der Ausverkauf über die Branchenhinweg kann auf eine Erholung hindeuten

Obwohl das Abschneiden in der Vergangenheit keine Garantie für zukünftige Ergebnisse ist, haben derartige Extreme seit 1989 drei Mal den nahe bevorstehenden Tiefpunkt fallender Aktienkurse signalisiert:

1. im Oktober 1998, nachdem der S&P 500 als Reaktion auf den Zusammenbruch von Long Term Capital Management um mehr als 19 Prozent gefallen ist.

2. Ende September 2001, nachdem die amerikanischen Aktienmärkte nach den Terroranschlägen vom 11. September wieder öffneten, und schließlich

3. nur zwei Wochen, bevor am 09.10.02 der absolute Tiefpunkt von 776.76 für den Bärenmarkt von 2000-2002 - in dem der S&P 500 um 49Prozent fiel - erreicht wurde.

Interessanterweise stieg der S&P 500 nur 13 Wochen nach dem Erreichen solcher „Extrem-Marken“ um befreiende 17,76 Prozent.

Wie sieht es diesmal aus? Bis einschließlich 03. Oktober haben 77 Prozent der Subsektoren im S&P 500 13-wöchige Rückgänge verzeichnet, gegenüber dem Durchschnitt von 42 Prozent und der am 19.07.02 gesetzten Hochwassermarke von 100 Prozent. Auf gleitender 52-Wochen-Basis befinden sich 92 Prozent der Subsektoren im negativen Bereich, gegenüber einem Durchschnitt von 35 Prozent und einem Höchststand von 96 Prozent, der am 07. März 2003 verzeichnet wurde. Auf einer gleitenden 26-Wochen-Basis - das ist diejenige, die am kurzfristigsten das Ende des Bärenmarktes von 2000-2002 signalisierte -, beträgt der derzeitige Wert von 92% mehr als das Doppelte des Durchschnitts von 39 Prozent und erreicht beinahe den Höchststand von 98 Prozent, der Ende September 2002 verzeichnet wurde.

Ist es Zeit zu kaufen? Nur eine unerschrockene Person mit einer disziplinierten, langfristigen Anlageperspektive wird damit prahlen können, genug Mut besessen zu haben, um zu kaufen, als nahezu alle Subsektoren gefallen waren. Werde ich diese Person sein? Ich lasse es Sie wissen.

Sam Stovall ist Chefstratege von S&P Equity Research Services.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET

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