Gastkommentar

Mehr Treffer als Fehleinschätzungen

Von John Dorfman, Kolumnist für Bloomberg News

12. November 2003 Zweimal im Jahr - jeden Mai und November - blicke ich zurück, um zu sehen, wie meine Aktienempfehlungen abgeschnitten haben. Nun ist es an der Zeit, meine in der zweiten Jahreshälfte 2002 ausgesprochenen Empfehlungen einer Prüfung zu unterziehen. Was waren meine schlimmsten Fehleinschätzungen und meine größten Treffer?

Im Juli 2002 schrieb ich über meine Portfoliomanagement-Fehler in diesem Jahr - beispielsweise habe ich mich dazu hinreißen lassen, immer mehr Titel in meinen Bestand aufzunehmen, die in den vorangegangenen vier Quartalen einen negativen Gewinn (sprich Verlust) verbucht hatten. Als Beispiele seien Corning Inc., Gilat Satellite Networks Ltd., Rohn Industries Inc. und die in Verruf geratene WorldCom Inc.-WorldCom Group genannt.

Corning notierte damals mit 3,60 Dollar je Aktie, konnte sich mittlerweile aber wieder auf 11,91 Dollar verbessern. Ich hätte gut daran getan, an diesem Wert festzuhalten. Die drei anderen Titel setzten dagegen ihre Talfahrt fort. Aktien von Gilat wurden im Juli 2002 noch mit 20,80 Dollar gehandelt, gestern allerdings nur mehr mit 4,90 Dollar das Stück. Rohn - dieses Unternehmen hat sich unter anderem auf den Bau von Mobilfunktürmen spezialisiert - verbilligten sich von 26 Cents auf drei Cents je Aktie, während WorldCom von 25 Cents auf 3,2 Cents je Aktie einbrachen. In diesen drei Fällen war es gut, daß ich zu dem von mir gewählten Zeitpunkt ausgestiegen bin, auch wenn ich dies besser noch früher getan hätte.

Mehr Treffer als Fehleinschätzungen

Im Juli 2002 erschien von mir ebenfalls eine Kolumne, in der ich die Anleger eindringlich bat, sich trotz der furchtbaren Performance nicht vom Aktienmarkt abzuwenden. Ich erwähnte, daß ich in der Abwärtsphase Titel wie AOL Time Warner Inc. (nunmehr Time Warner Inc., Lincoln Electric Holdings Inc., Merck & Co., Monsanto Co. und Powell Industries Inc. erworben hatte. Die einzelnen Positionen trugen mitunter recht unterschiedlich zur Wertentwicklung bei. Monsanto und AOL legten bis einschließlich Freitag um 49 Prozent oder 20 Prozent zu - beides sehr erfreuliche Zugewinne. Merck und Lincoln Electric verbesserten sich um 5,4 Prozent und 4,5 Prozent. Das ist zwar besser als gar nichts, aber eindeutig schlechter als das Plus in Höhe von 17 Prozent des Standard & Poor's 500 Index. Aktien von Powell Ind. büßten indes 2,1 Prozent ein.

Im August 2002 erklärte ich, daß es sich bei der zu beobachtenden Börsenbaisse um die viertlängste und achtgrößte in der Geschichte handelte. Ich prognostizierte damals ihr kurz bevorstehendes Ende, was ja dann auch Wirklichkeit wurde. Nach einem rauen September wurde der Tiefpunkt schließlich Anfang Oktober erreicht. Im September 2002 schrieb ich über ein paar Aktien, die trotz generell fallender Aktienkurse Zugewinne verbuchen konnten. Nach meinem Dafürhalten hatte Arkansas Best Corp. damit allerdings wohl schon ihr Kurspotenzial ausgeschöpft, während ich für Stillwell Financial Inc. - in Janus Capital Group umbenannt - noch weitere Kursgewinne voraussagte (Mit diesen Aktien behalten Sie die Hosen an). Seit dieser Zeit schafften Arkansas Best ein zusätzliches Plus in Höhe von 32 Prozent; die Aktien der in Fondsskandale verstrickten Janus Capital verloren dagegen vier Prozent. Im Oktober 2002 empfahl ich vier Titel, denen das raue Börsenklima im dritten Quartal enorm zugesetzt hatte: Honeywell International Inc., Linens `N Things Inc., Precision Castparts Corp. und American Eagle Outfitters Inc. Seither zogen Precision Castparts um satte 89 Prozent an, Linens `N Things um 69 Prozent, American Eagle Outfitters um 46 Prozent und Honeywell um 37 Prozent. Alle vier Titel schnitten damit (mehr oder weniger) deutlich besser ab als der S&P 500, dessen Plus 27 Prozent betrug.

Dow-Titel mit viel Dynamik

Im November schrieb ich über Titel im Dow Jones Industrial Average, die im Vormonat besonders gut oder schlecht abgeschnitten hatten, als sich der Aktienmarkt mit einem Schlag endlich aus seiner dreieinhalbjährigen Pechsträhne herausreißen konnte. Ich sagte, daß General Motors Corp. auf lange Sicht nicht zu meinen Favoriten zählt. Da der Titel jedoch schon „qualvoll günstig“ war, räumte ich ihm ein gewisses Kursgewinnpotential ein. Die Aktie hat sich mittlerweile um 30 Prozent verteuert.

Ich nannte Boeing Co. bei einem Kursniveau von etwa 31 Dollar eine „solide Fünf-Jahres-Anlage“; gestern schloß die Aktie bei 38,83 Dollar. Von der Coca-Cola-Aktie behauptete ich, daß sie „von ihrem Ruf lebt“. Coke sind seither um 2,6 Prozent gestiegen. Hewlett-Packard Co. war im Oktober 2002 mit einem Plus von 35 Prozent Spitzenreiter im Dow. Dies freute mich insofern, als ich zu diesem Zeitpunkt ein paar Kaufoptionen auf diesen Titel besaß. Damals empfahl ich, Hewlett nur bei einem Kursrückgang zu erwerben. Seit dieser Zeit konnte sich die Aktie um 36 Prozent verbessern, wobei es in der Tat ein paar Rückschläge zu verzeichnen gab.

Aus Fehlern lernt man

International Business Machines Corp. stiegen in der Oktober-Rally ebenfalls um 35 Prozent. In Anbetracht der Tatsache, daß die Bilanz und das Gewinnwachstum des Unternehmens nicht die frühere Stärke zeigten, zeigte ich mich wenig begeistert von der Aktie. IBM konnten seither zwar um 9,1 Prozent zulegen, blieben letztlich aber hinter dem Gesamtmarkt zurück.

Mir gefiel SBC Communications Inc. , da das Unternehmen trotz des großen Kurssprungs im Oktober 2002 nach wie vor vernünftig bewertet erschien. Leider mußten SBC zwölf Prozent abgeben. In vier von sechs Fällen hatte ich also recht, in einem Fall lag ich mit meiner Einschätzung daneben. Hewlett-Packard ist leider schwer zu beurteilen.

Im Dezember - inmitten einer lauen Weihnachtsgeschäftssaison - riet ich den Anlegern zum Kauf von Einzelhandelsaktien. Ich zitierte in diesem Zusammenhang ein altes Börsensprichwort, wonach derjenige, der klug handelt, „seine Strohhüte im Januar kauft“. Ausdrücklich verwies ich dabei auf Wet Seal Inc. und Pier 1 Imports Inc. Seit dieser Zeit haben Einzelhandelstitel im allgemeinen eine recht gute Performance demonstriert. Wet Seal hatten etwas zu kämpfen und schafften daher nur einen Zugewinn in Höhe von 8,5 Prozent. Pier 1 liegen dagegen mit stattlichen 40 Prozent im Plus.

Beim Aktienmarkt sind Fehler leider unvermeidlich. Man ist schon gut, wenn sechs von zehn ausgewählten Titeln besser abschneiden als der Markt. Aus den übrigen vier zieht man eine entsprechende Lehre - und nie läßt man sich durch seine Erfolge oder Mißerfolge in seinem Urteil beeinflussen.

Text: Bloomberg/Bearbeitung: @thwi

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