Aktienmarkt-Analyse

Die Minibörse in Sarajevo fristet weiter ein Eigenleben

27. Juli 2007 Wie alle anderen Börsen in den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens ist auch der Aktienmarkt in Sarajevo spätestens seit Mitte Juni stark im Aufwind. Im Gleichschritt mit der Entwicklung in den Nachbarländern sind die Kurse dann in den vergangenen Wochen auf Korrekturkurs eingeschwenkt. Dadurch sanken die Kurse im Juni im Schnitt angeführt von den Aktien der BH Telekom in etwa um sechs Prozent.

Doch die Phase des Verschnaufens scheint nun auch in Sarajevo schon wieder auszulaufen. Mit aktuell 4.789,7 hat der SASX10-Index ebenso wie der aus den Privatisierungsfonds bestehende BIFX (8.413,3 Punkte) seinen jüngsten kurzfristigen Abwärtstrend schon wieder überwunden. Seit Jahresanfang kann sich die Bilanz des SASX10-Index mit einem Plus von fast 67 Prozent ebenso sehen lassen wie das Vorjahresplus von 77 Prozent.

Bewertungen sind deutlich gestiegen

Wie in den anderen Märkten in der Region stehen die Chancen gut für langfristig weiter steigende Kurse. Dafür sorgt neben der EU-Beitrittsperspektive und den steigenden Unternehmensgewinnen auch die relativ gut laufende Konjunktur. Doch Investoren sollten trotzdem auch die Probleme beachten. Diese bestehen zum einen wie fast generell üblich in der Region Südosteuropa in deutlich gestiegenen Bewertungen. So befindet sich unter den vom Broker Fima International Sarajevo beobachteten 19 Aktien nur ein Wert, dessen Kurs-Gewinn-Verhältnis sich auf Basis der historischen Geschäftszahlen für 2006 im einstelligen Bereich bewegt. Und nur zwei Werte weisen einen Börsenwert unter dem Buchwert auf. Die Marktkapitalisierung von 8,5 Milliarden Euro entspricht gemessen am Bruttoinlandsprodukt 159 Prozent, was ebenfalls nicht wenig ist. Deshalb lässt sich getrost konstatieren, dass die Bewertungen längst nicht mehr richtig lukrativ sind.

Zum anderen gibt es an der Börse in Sarajevo auch hausgemachte Schwierigkeiten. Allen voran ist dabei das überaus langsame Reformtempo zu nennen. Die Zerstrittenheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verhindert Konsenslösungen, die es ermöglichen würden, bestimmte Projekte voranzutreiben. Der einzig nennenswerte Erfolg war die Einführung einer Umsatzsteuer. Bei den für die Annäherung des Landes an die EU maßgeblichen Schlüsselbereichen Polizeireform und Verfassungsreform gab es dagegen praktisch nur Misserfolge zu verzeichnen. Die beiden Reformen und die Zusammenarbeit mit dem UNO-Tribunal für Ex-Jugoslawien sind aber die entscheidenden Fragen, wenn es darum geht. wenn das Land mit seinen Nachbarn Schritt halten will auf dem Weg nach Europa, wie EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn erst kürzlich wieder betonte.

Pluspunkt: Unabhängigkeit von den Weltbörsen

Die politische Atmosphäre in dem zwischen den Führern von (muslimischen) Bosniaken, Serben und Kroaten zerriebenen Dreivölkerstaat ist derzeit aber so schlecht wie in den ersten Jahren nach Kriegsende 1995 nicht mehr. Die seit dem Vertreibungskrieg und dem an bosnischen Muslimen verübten Genozid in Srebrenica von Serben beherrschte Hälfte Bosniens, die Republika Srpska (RS), wehrt sich gegen eine Stärkung des Gesamtstaates, während in der anderen Hälfte Bosniaken und Kroaten einander blockieren. Unter diesen Umständen kann das Land nicht das Potential abrufen, das in ihm schlummert.

Dafür hat der bosnische Aktienmarkt eine andere Stärke zu bieten. Und zwar den, dass sich die Kurse weitgehend losgelöst von den Entwicklungen an den übrigen Weltbörsen entwickeln. Auch an diesem Freitag war das nicht anderes. Während andere Indizes wie der Dax erneut in die Knie gingen, verbuchte der SASX10 Index ein Tagesplus. Unter Diversifikationsaspekten ist das natürlich ein Punkt, der für den Markt spricht. Die geringe Korrelation hat aber auch mit der geringen Größe zu tun. So belief sich der Umsatz im gesamten Juni an der Börse in Sarajevo lediglich auf 29,5 Millionen Euro. Das ist auch dann noch mickrig, wenn man bedenkt, dass dies im Monatsvergleich ein Minus von 48,3 Prozent war.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: Fima International Sarajevo

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