Kurseinbruch an den Märkten

„Der Markt kann noch tiefer gehen“

27. Juni 2008 Die Finanzmärkte sind wieder stark unter Druck gekommen. Der Dax, Leitindex des deutschen Aktienmarktes, hat in der abgelaufenenen Woche bis zu 3Prozent auf zeitweise 6350 Punkte verloren. Damit stand er am Freitag rund 20 Prozent niedriger als vor einem halben Jahr. Vor allem der hohe Ölpreis, aber auch die unsicheren Konjunkturaussichten diesseits und jenseits des Atlantiks belasten die Märkte. Was sollen Anleger jetzt tun? Ein Gespräch mit Markus Stahl, Mit-Geschäftsführer der bankenunabhängigen Vermögensverwaltung Steinhart & Stahl in Stuttgart.

Die Aktienmärkte verzeichnen in diesen Tagen hohe Kursverluste. War es das schon, oder werden die Kurs weiter unter Druck bleiben?

Der Markt ist sehr nervös. Aber gemessen an früheren Einbrüchen ist die Nervosität noch nicht übergroß. Von einer Panik sind wir weit entfernt. Das lässt sich am V-Dax ablesen, der die erwartete Volatilität der deutschen Standardwerte misst. Bei einer Panik und einer Welle massiver Verkäufe müsste er auf 30 oder 35 Punkte steigen. Derzeit liegt er bei knapp 24 Punkten. Viele Anleger aber haben noch nicht ihre Depots geräumt, die meisten Privatanleger nicht, aber auch die Versicherer nicht.

Wie geht es weiter?

Die Anleger müssen sich darauf einstellen, dass der Markt sehr nervös bleibt und dass er noch tiefer gehen kann. Die Versicherer liegen schon mit ihren Anleihendepots im Minus. Bundesanleihen sind im Kurs gesunken, aber auch viele andere normale Anleihen. Deshalb werden sie nun umso stärker versuchen, Kursverluste bei Aktienanlagen durch entsprechende Terminmarktgeschäfte zu begrenzen. Das kann die Aktien insgesamt weiter nach unten ziehen. Der Markt ist kurzfristig psychologisch in einer schwierigen Verfassung und wird vorerst unter Druck bleiben, ganz einfach, weil viele Probleme noch nicht gelöst sind.

Spielen Sie damit auf den hohen Ölpreis an?

Es ist der hohe Ölpreis und die insgesamt zur Schwäche neigende Weltwirtschaft, die den Markt belasten. Aber auch die Finanzmarktkrise ist noch nicht gelöst. Im Gegenteil, sie könnte sogar noch einmal von neuem ausbrechen. Im Mai hatten viele Bankvorstände schon das Ende der Kreditkrise verkündet. Heute wissen wir, dass diese Ankündigungen verfrüht kamen. Viele Probleme im Bankenbereich kommen erst jetzt auf den Tisch. Denken Sie nur an die neuen Milliardenabschreibungen bei der Citigroup oder das Desaster, das Fortis am Donnerstag bekannt geben musste. Die Gemengelage bleibt insgesamt schwierig.

Sehen Sie nicht zu schwarz? Der Prozess, dass der Markt die Probleme verarbeitet, funktioniert doch immerhin.

Normalerweise gilt die Regel, dass der Markt dies in den Kursen verarbeitet hat, wenn die Probleme sichtbar werden. Insofern ist es ein gutes Zeichen, wenn Verwerfungen offenbar werden. Aber diesen Stand haben wir noch nicht erreicht. Dass der Höhepunkt der Krise überschritten wäre, lässt sich an den Kapitalmarktindikatoren nicht ablesen.

Die Notenbanken haben früh auf die Kreditkrise reagiert. Lässt das Sie nicht hoffen, dass die Krise ohne Panik und weitere Verwerfungen überwunden werden kann?

Ich weiß nicht, ob die Notenbanken die Krise in den Griff bekommen haben. Viele Probleme, die im Zuge der Kreditkrise an die Oberfläche gekommen sind, können die Notenbanken gar nicht lösen. Das Problem sinkender Immobilienpreise können sie nicht beheben. Sie können nichts daran ändern, dass die Bankendichte in Deutschland zu groß ist und dass die Ertragsschwäche der deutschen Banken strukturell ist. Auch tun sich im Euro-System zunehmend Spannungen auf.

Was meinen Sie damit?

Das Euro-System steht derzeit unter großer Spannung, ohne dass dies an den Märkten bisher in vollem Umfang gesehen würde. Der steigende Euro-Kurs gegenüber dem amerikanischen Dollar liegt ja nicht an einer fundamentalen Euro-Stärke. Vielmehr ist die interne Preisstabilität im Euro-Raum sehr schlecht. Hinzu kommt eine mangelnde interne Stabilität des Bankensystems: Die spanischen Banken werden bald die Folgen der Immobilienkrise dort zu spüren bekommen. Auch in Deutschland und in Irland ist die Lage kritisch. Und schließlich bauen sich Ungleichgewichte auf. Die Länder des Südgürtels fallen in ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit derzeit extrem zurück. Wir sind davon überzeugt, dass etliche Probleme erst noch vor dem Euro liegen.

Wie sollten sich die Anleger positionieren?

In diesen unruhigen Zeiten muss eine saubere Diversifizierung an oberster Stelle stehen. Um kurz bei den Währungen zu bleiben: Wir raten dazu, tendenziell jetzt sogenannte Währungsrisiken einzugehen. An den Märkten werden sie Risiken genannt. Wir sehen zurzeit vor allem Währungschancen. Wir raten dazu, jetzt in den amerikanischen Dollar zu gehen, in den Schweizer Franken und das britische Pfund. Außerdem sollten Anleger den Schwerpunkt auf hoch liquide und hoch transparente Werte legen. Gleichzeitig raten wir von allen strukturierten Produkten und ganz besonders von Zertifikaten ab.

Was stört Sie an Zertifikaten?

Wenn das Bankensystem tatsächlich so schwach ist, wie wir der Meinung sind, dann wären auch Zertifikate von einem möglichen Zahlungsausfall der Bank betroffen, weil Zertifikate eine Forderung der Anleger gegenüber der Bank sind, von der sie diese Produkte gekauft haben. Bei einem Ausfall der Bank ist die Geldanlage in einem Zertifikat noch nicht einmal durch den Einlagensicherungsfonds der Banken abgesichert. Deshalb lautet unser Rat in diesem unsicheren Umfeld: Lieber die Aktie kaufen als ein Zertifikat auf die Aktie.

Viele Anleger wollen sich jetzt von der Börse zurückziehen und in Liquidität gehen, sprich in Tagesgeld oder Festgeld.

Wir raten davon ab, sich jetzt in Ecken zu begeben, die nur eine vermeintliche Sicherheit verleihen. Festgelder und Tagesgelder liegen auf der Bankbilanz. Angesichts der Schwäche des Bankensystems sollte man nicht sein gesamtes Geld dort hingeben.

Wie lautet somit Ihr Rat?

Vor allem ist es wichtig, sehr diszipliniert vorzugehen und das Portfolio breit zu streuen, also nicht alles in Tagesgeld anzulegen oder nicht das gesamte Geld in Immobilien zu investieren. Dann gilt es bei der Auswahl der Geldanlagen, den liquiden Werten den Vorzug zu geben, also Staatsanleihen zu kaufen und keine strukturierten Anleihen, bei Aktien die großen Standardwerte bevorzugen und schließlich auf dem Devisenmarkt in den großen Währungen zu bleiben und nicht mehr in die Währungen von Schwellenländern zu investieren.

Das Gespräch mit dem Vermögensverwalter Markus Stahl führte Christian von Hiller.



Bildmaterial: Steinhart & Stahl

Tops & Flops+/-Prozent
HYPO REAL ESTATE HOL +1,52 +36,80
COMMERZBANK AG INHAB +1,60 +16,49
INFINEON TECHNOLOGIE +0,40 +14,57
VOLKSWAGEN AG STAMMA -4,95 -1,45
BAYER AG INHABER - A +0,45 +1,09
DEUTSCHE POST AG NAM +0,27 +2,30
NamePunkteProzent
Dax 4.861,26 +6,97
TecDax 572,00 +10,69
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.571,06 +6,16
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 9,30 +5,32
Euro/Dollar 1,36 -0,05
Bund Future 114,63 -0,03
Gold 855,00 +0,90
Öl 76,65 -7,49
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