Finanzmarkt

Amerikanische Aktienstrategen stutzen Kursprognosen für 2004

Die “Bullen“ haben das Sagen

Die "Bullen" haben das Sagen

22. Dezember 2003 Nachdem die Strategen von der Wall Street drei Jahre lang eine Aktienrally voraussagten, die nie kam, lagen sie im auslaufenden Jahr mit ihrer Trendprognose richtig. Der Standard & Poor's 500 Index hat dieses Jahr 24 Prozent zugelegt und liegt momentan bei 1.088 Zählern. Das liegt noch über dem Plus von elf Prozent, das elf Strategen zu Anfang des Jahres in einer Umfrage von Bloomberg News prognostizierten.

Aber für 2004 nehmen die Markt-Auguren ihre Prognosen bereits zurück. Sie erwarten für 2004 beim S&P 500 nur noch einen Anstieg von drei Prozent auf 1.122 Punkte, so eine Umfrage von Bloomberg News in diesem Monat. Die Optimisten - darunter Abby Joseph Cohen von Goldman, Sachs und Subodh Kumar von CIBC World Markets - rechnen mit einem Anziehen des S&P 500 um 15 Prozent auf 1.250 Punkte. Am pessimistischsten gab sich Richard Bernstein von Merrill Lynch. Er sieht den Index am Ende des kommenden Jahres 17 Prozent niedriger bei 900 Punkten.

Aktienstrategen sind realistischer geworden

Die Strategen haben ihre Prognosen zurechtgestutzt, weil viele ihre Lektion gelernt haben, berichtet William Priebe, Präsident von Geneva Capital Management. Nachdem der jüngste Bullenmarkt im Jahr 2000 seinen Gipfel erreichte, waren sie zu optimistisch. Die amerikanischen Aktien gingen auf eine dreijährige Talfahrt, die längste seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch dieses Jahr steuern die drei großen amerikanischen Leitindizes, der Dow Jones Industrial Average, der S&P 500 und der Nasdaq Composite Index, auf ihren ersten Jahresgewinn seit 1999 zu.

Der Kursaufschwung beim S&P 500 in diesem Jahr blieb nur hinter den Prognosen von zwei Strategen zurück. Abby Cohen hatte 1.150 Punkte und Kumar 1.250 Punkte vorhergesagt. Die Aktienkurse profitierten von dem stärksten Wachstum der Unternehmensgewinnen seit 1999 und den niedrigsten Leitzinsen seit 1958. Für das Gesamtjahr 2003 prognostizieren Analysten bei den S&P-500-Werten einen Gewinnzuwachs von 17 Prozent, ergab eine Umfrage von Thomson Financial.

"Die Erfahrung aus der Vergangenheit spricht dagegen, daß wir diese Dynamik bei den Unternehmensgewinnen beibehalten können," erkärt Tobias Levkovich, Stratege bei Citigroup Global Markets in New York. Höhere Zinsen und ein geringeres Gewinnwachstum dürften 2004 den Kursanstieg bei den Aktien bremsen, erwartet Levkovich. Er rechnet beim S&P 500 mit einem Rückgang von 5,8 Prozent auf 1.025 Punkte. Für dieses Jahr gab er die beste Prognose ab. Er sah den Index zum Jahresschluß bei 1.075 Punkten.

Zinssätze sind der Schlüssel zur Bewertung

Optimistischer zeigt sich Priebe, dessen North Track Managed Growth Fund den Leitindex in den vergagenen drei Jahren geschlagen hat. Er setzt auf einen Anstieg von 15 Prozent auf 1.250 Punkte. Die erwartete Verlangsamung beim Gewinnwachstum, zusammen mit möglichen Zinserhöhungen, dürften nur zu einstelligen Kurssteigerungen oder sogar Verlusten im nächsten Jahr führen, sagen hingegen Strategen wie Levkovich und Steven Galbraith. "Die Zinssätze sind der Schlüssel zur Bewertung der Aktien," schrieb Galbraith in einer Studie an Kunden in diesem Monat. Galbraith wurde von Fondsmanagern in einer Umfrage vom Institutional Investor Magazine zum Top-Strategen in diesem Jahr gekürt. Er rechnet damit, daß der S&P 500 im nächsten Jahr auf 1.100 bis 1.125 Punkte vorrückt.

Der Leitindex ist mit dem 27fachen der Gewinne der vergangenen zwölf Monate bewertet, das entspricht in etwa dem zehnjährigen Durchschnitt. Selbst wenn Gewinne und Konjunktur im nächsten Jahr anziehen, werden die steigenden Zinsen die Anleihen attraktiver machen als die Aktien, erläutern die Strategen. Eine "gute Konjunktur und gute Unternehmensgewinne bedeuten nicht unbedingt einen guten Aktienmarkt," konstatiert Levkovich, einer von nur zwei pessimistischen Strategen die 2004 mit einem Rückgang des Leitindex rechnen. Der andere ist Bernstein, der in der Umfrage von Institutional Investor auf Platz zwei landete. Vor einem Jahr prognostizierte er, daß der Index am Jahresende 2003 bei 860 Punkten liegen werde, 21 Prozent unter dem Schlussstand vom Freitag.

Derartige Prognoseirrtümer zeigen, wie schwierig es ist, vorherzusagen, wohin der Markt geht, führen Strategen an. "Hier gibt es viel weniger Genauigkeit als den Investoren lieb ist," bekräftigt Gary Godon. Der Stratege von UBS erwartet einen Anstieg des S&P 500 auf 1.150 Punkte in den nächsten zwölf Monaten. "Auch Wetterfrösche liegen daneben. Das zeigt, mit welch hohen Risiken Prognosen behaftet sind."


Text: Bloomberg
Bildmaterial: Hemmerich/STOCK4B

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