Banken

Aktie von Northern Rock von neuem unter Druck

Schwer verkäufliches Haus

Schwer verkäufliches Haus

13. Dezember 2007 Es ist nicht eben so, dass sich die britische Hypothekenbank derzeit als Investitionsobjekt anbietet. Die angeschlagene Hypothekenbank lebt nur noch dank Notkrediten der Bank of England, von denen sie mittlerweile bis zu 25 Milliarden Pfund in Anspruch genommen hat und von denen selbst 2010 noch sechs Milliarden Pfund in den Bilanzen stehen dürften.

Die Bank gab am Donnerstag bekannt, mit außerplanmäßigen Abschreibungen in Höhe von 281 Millionen Pfund (rund 390 Millionen Euro) zu rechnen. 150 Millionen entfallen dabei auf strukturierte Produkte, 131 Millionen sind das Ausfallrisiko bei forderungsbesicherten Wertpapieren (CDOs). Im ersten Halbjahr betrugen die Bruttoausleihungen der Bank 19,3 Milliarden Pfund, der Vorsteuergewinn 296,1 Millionen Pfund.

Bieter ziehen sich zurück

Indes sollten die Zahlen noch fast die geringste Sorge der Anleger sein. Viel mehr Anlass sollte die kritische Entwicklung im Verkaufsprozess geben. Britischen Zeitungsberichten zufolge wird der Finanzinvestor Olivant möglicherweise sein Angebot für die Hypothekenbank zurückziehen. Die Investmentgruppe habe der angeschlagenen britischen Bank in einem Brief vorgeworfen, die Versuche der Investmentgruppe hinsichtlich der Verhandlungen über eine Kreditlinie mit der Citigroup und der Deutschen Bank zu verhindern, berichtet „BBC News“ auf ihrer Internetseite.

Zudem wolle Olivant, dass ein Team ihres Unternehmens das Management von Northern Rock mit sofortiger Wirkung übernimmt. Gehe Northern Rock nicht auf diese Forderungen ein, werde sie den Rettungsversuch für die in Schieflage geratene britische Bank einstellen.

BBC zufolge hat das Ultimatum den Board von Northern Rock „schockiert“. Seiner Meinung nach seien Olivant alle wichtigen Informationen mitgeteilt worden, man habe sich bemüht, allen Forderungen nachzukommen.

Das wäre aber dann dem Vernehmen nach bereits der dritte Bieter, der aus dem Verfahren aussteigt. Die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Cerberus soll sich einem Zeitungsbericht zufolge aus dem Bieterwettkampf ebenso zurückgezogen haben, wie schon zuvor J.C. Flowers, der sich nicht in der Lage sehen soll, ein überarbeitetes Angebot vorzulegen, das den Vorstellungen sowohl der Aktionäre als auch der Regierung entspräche.

Applegarth tritt ab

Und als ob das nicht genug sei, wurde am Donnerstag auch noch überraschend der Rücktritt von Unternehmenschef Adam Applegarth bekannt gegeben. Ursprünglich hatte Applegartth im November angekündigt, seinen Posten im kommenden Februar zu räumen. Neuer Chef wird der 49jährige Andy Kuipers, der zuvor für die Bereiche Sales und Marketing verantwortlich war. Ob die Vorgänge im Zusammenhang stehen, ist nicht zu sagen.

Damit verbliebe im Bieterkreis nur noch die von der britischen Regierung bevorzugte Virgin Group des britischen Milliardärs Richard Branson. Dieser will Northern Rock seiner Finanzgesellschaft Virgin Money einverleiben, sofort 11 Milliarden Pfund der Kredite bei der Bank von England zurückzahlen und bis zur endgültigen Tilgung auf Dividendenzahlungen aus Northern Rock verzichten.

Zudem will das Konsortium 1,3 Milliarden Pfund neues Kapital in die angeschlagene Bank einschießen und formal Virgin Money mit einem angesetzten Wert von 250 Millionen Pfund einbringen. Finanziert werden soll dies alles zur Hälfte vom Konsortium, zur andere Hälfte durch die Emission neuer Aktien.

Abstieg in die Nebenwerte

Ohne Käufer wird Northern Rock nicht überlebensfähig sein. Denn die Europäische Kommission hat die staatliche Finanzhilfe nur bis Anfang März genehmigt. Indes betonte die Bank am Donnerstag, die Gespräche mit der Beteiligungsfirma Olivant und weiteren nicht genannten Interessenten liefen weiter. Es gebe allerdings „keine Gewissheit“ über die Ergebnisse der Gespräche.

Nachdem der Aktienkurs in diesem Jahr von 1.251 auf 95,5 Pence gefallen ist, ist die Marktkapitalisierung auf 402 Millionen Pfund gefallen. Damit ist die Aktie zu klein geworden, um noch im wichtigsten Aktienindex FTSE 100 zu bleiben. Sie wird in den FTSE 250 absteigen und entgeht um Haaresbreite der Erniedrigung, in den noch kleineren FTSE SmallCap abzudriften.

Angesichts eines schrumpfenden Umsatzes, der Aussicht auf Verluste, hoher Schulden und einer deutlichen Verwässerung der Kapitalbasis gehen spekulative Investoren mit einem Kauf von Aktien der Bank hohe Risiken ein.

Britischer Immobilienmarkt in der Krise

Zumal sich die Aussichten auf dem britischen Immobilienmarkt immer mehr verdüstern. Der Index der erwarteten Hauspreise fiel im vergangenen Monat auf den Wert von minus 47 und damit den niedrigsten Stand seit der Beginn der Erhebungen durch das Königliche Institut der eingetragenen Beobachter im Jahr 1998. Im Oktober hatte der Index nur bei minus 35,3 gelegen.

In London liegt der Wert mit minus 21 zum ersten mal seit mehr als zwei Jahren im negativen Bereich, nachdem sich dort die Immobilienpreise im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht haben, die Bauanfragen fallen seit elf Monaten. Auch die Hauspreisindikatoren selbst stehen auf dem niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Die britische Bank HBOS bewertet den Niedergang als den schlimmsten seit 1995.

Vor allem aber ist das Verhältnis von Hauspreise und Einkommen spektakulär gestiegen und notiert auf exorbitant hohen Werten (siehe Infografik). Ohne niedrigere Preise oder höhere Löhne wird sich der Markt nicht erholen.

Möglicherweise aber spekulieren einige Anleger auch darauf, dass die Bank gerettet werden muss. Zwar steht die Regierung eine Verstaatlichung bislang eher zurückhaltend gegenüber, die oppositionellen Liberaldemokraten fordern indes bereits einen entsprechenden Vorratsbeschluss noch vor der Weihnachtspause. Die Konservativen lehnen diese ab und bezeichnen eine mögliche Verstaatlichung als „monumentales Versagen“.

Selbst aber wenn Northern Rock nicht in Konkurs gehen würde, sind die Bewertungsfragen ungeklärt und damit auch die Frage, ob das Unternehmen angesichts der exorbitanten Liquiditätskredite tatsächlich noch 400 Millionen Pfund wert ist.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: AFP, FAZ.NET

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