Zeitarbeit

Adecco-Aktie auch nach Klärung in schwieriger Lage

01. Juni 2004 Schöne Nachricht für die Aktionäre von Adecco: Die Aktie des Konzerns steigt zu Wochenbeginn an den europäischen Börsen deutlich. Der Grund: Adecco muß entgegen früheren Befürchtungen die Ergebnisse vorangegangener Jahre nicht neu bilanzieren. Das Thema „Bilanzfälschung“ ist also vom Tisch. So legt der Titel an der Börse in Paris 6,8 Prozent auf 41,80 Euro.

Damit ist er aber deutlich von der Region entfernt, in der er sich bewegte, bevor die unvorteilhaften Gerüchte im Umlauf kamen. Und daß er rasch wieder Anschluß findet, erscheint unwahrscheinlich. Denn die Bewertung ist lediglich neutral, und der Chart läßt auch nicht auf einen steilen Aufstieg schließen. Nicht zuletzt dürften die für dieses Jahr angekündigten „deutlichen“ Belastungen ein Abheben des Kurses verhindern.

Aktionäre müssen größeren Teil der Zeche zahlen

Der Schweizer Zeitarbeitskonzern hat am Dienstag nach monatelangen Verzögerungen seinen Abschluß für 2003 vorgelegt und bei einem leicht ermäßigten Umsatz von 16,3 Milliarden Euro eine Gewinnsteigerung um 26 Prozent auf 305 Millionen Franken gemeldet. Eine rund 100 Millionen Euro teure Prüfung fand keine Bestätigung für die vom Unternehmen durch eine laut Reuters „ungeschickte Kommunikationspolitik selbst mitgeschürten Spekulationen und Sorgen“ wegen möglicher Fehlbuchungen oder gar Betrugsfällen.

„Also außer Spesen nichts gewesen?", so die Frage eines Aktienhändlers. Die Spesen sind allerdings gewaltig und gehen in die Milliarden. Da sind einmal die außerordentlichen Kosten der Berater-Honorare für die Prüfung des Abschlusses. Immerhin rund ein Drittel des Gewinns des Jahres 2003, wie Reuters weiter anmerkt. Davon werden sechs Millionen Euro der Jahresrechnung belastet, der Rest fällt im laufenden Jahr an.

Eine größere Zeche zahlen mußten die Adecco-Aktionäre. Als Adecco im Januar Buchhaltungs-Unstimmigkeiten im Nordamerika-Geschäft bekannt machte, wurde sehr schnell Assoziationen zum italienischen Skandal-Konzern Parmalat wach. Die Aktie brach an einem Tag fast 50 Prozent auf 42,70 Franken oder 34 Euro ein. Daß der Konzern, wohl unter dem Druck der Anwälte, praktisch keine weiteren Informationen preisgab und die Veröffentlichung des Jahresabschlusses zwei Mal verschob, öffnete den Spekulationen Tür und Tor. Erst als sich abzeichnete, daß sich der Schaden in Grenzen halten würde, begann sich die Aktie zu erholen. Der Finanzchef und ein weiterer Spitzenmanager mußten den Konzern verlassen.

Dividende wird um 17 Prozent erhöht

"Die Arbeit ist abgeschlossen", sagte ein Adecco-Sprecher. Weder die Buchprüfer von Ernst & Young noch eine unabhängige Untersuchung durch die New Yorker Rechtsanwaltskanzlei Paul, Weiß hätten Unregelmässigkeiten zu Tage gefördert. Was genau bei Adecco passiert ist, ist allerdings immer noch nicht klar. Doch auch wenn Adecco mit der Veröffentlichung des Abschlusses nun einen Schlußstrich unter Monate der Spekulationen und der Ungewißheit ziehen will, bleibt nach Ansicht von Analysten der Eindruck einer unglücklichen Informationspolitik und eine angeschlagene Glaubwürdigkeit des Managements des weltgrößten Personaldienstleisters.

Der Abschluß des Jahres 2003 lag grob im Rahmen der Erwartungen. Die Dividende soll um 17 Prozent auf 0,70 Franken je Aktie erhöht werden. Am Freitag will Adecco Angaben zum ersten Quartal dieses Jahres vorlegen. Für das laufende Jahr rechnet Adcesso mit einem Umsatz, der dank der anziehenden Nachfrage nach Personaldienstleistungen über Vorjahr liegen sollte. Kurzfristig dürften die Margen aber marktbedingt und wegen eines veränderten Geschäftsmix etwas unter Druck geraten, hieß es weiter. Mittelfristig bleibt Adecco in Bezug auf die Ertragsaussichten jedoch zuversichtlich. Die tiefere Kostenbasis und die höhere Produktivität dürften dazu führen, daß hohes Umsatzwachstum in steigende Gewinn umgesetzt werden könne.

Risiko durch Sammelklagen in Amerika

Die Bank Vontobel meint laut Reuters, operativ scheine Adecco gut gerüstet, um von dem sich abzeichnenden Aufschwung im Temporärarbeitsmarkt zu profitieren. Bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) hieß es, der Umsatz 2003 liege im Rahmen der Erwartungen und der Gewinn leicht darunter. Ein gewisses Risiko geht nach Ansicht der ZKB noch von möglichen Sammelklagen in Amerika aus. Dort ist Adecco mit rund einem Dutzend Sammelklagen von Anlegern konfrontiert. Diese werfen dem Konzern und einzelnen Spitzenmanagern irreführende Angaben vor. Die Kläger, denen Adecco mit aller Kraft entgegentreten will, fordern einen nicht bezifferten Schadenersatz.

Mithin liegen weiter Schatten über der Aktie von Adecco, die sich binnen Jahresfrist zwar um fast 22 Prozent verteuert hat, aber hinter dem Dax und dem französischen Leitindex CAC 40 zurückgeblieben ist. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,4 ist das Papier neutral bewertet. Charttechnisch sieht es nicht sonderlich vorteilhaft aus. Der lang- und der kurzfristige Trend sind negativ. Um weitere ermutigende Signale zu senden, müßte der Titel auch über den Widerstand bei 42,85 Euro springen und aus dem kurzfristigen Abwärtstrend laufen. Die nächsten Hürden stehen bei 45,16 Euro und bei 46,50 Euro, wobei diese Marke gleichsam das Jahreshoch darstellt. Erst der Sprung über diese Region wäre ein deutliches Kaufsignal.


Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @thwi mit Reuters

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