Aktienmarkt-Analyse

An den erfolgsverwöhnten Ostbörsen hat sich der Wind gedreht

28. Januar 2008 Die Volkswirtschaften in Osteuropa dürften auch in diesem Jahr im Durchschnitt wieder schneller wachsen als die Länder in Westeuropa. Selbst in den am stärksten entwickelten mittelosteuropäischen Ländern dürfte das der Fall sein. So hat die Bank Austria in einer am Jahresende veröffentlichten Studie für Ungarn ein Wirtschaftwachstum von 3,1 Prozent, für Tschechien von 4,8 Prozent und für Polen von 5,2 Prozent vorhergesagt. Die EZB prognostiziert bisher für die Länder der Euro-Zone dagegen nur ein BIP-Plus von zwei Prozent.

Trotz dieser recht zuversichtlichen konjunkturellen Einschätzung für den Osten hat sich in den vergangenen Monaten etwas anderes bereits geändert. Und zwar haben die Börsen in Mittel- und Osteuropa ihre zuvor jahrelang anhaltende Outperformance eingebüsst (eine in dem Beitrag An den Börsen in Osteuropa wird das Geldverdienen schwieriger geäußerte entsprechende Vermutung hat sich somit mehr als bewahrheitet). So hat der CECE Overall Index, der ausschließlich hoch kapitalisierte und liquide Standardwerte aus den drei zuvor genannten Staaten enthält, seit dem Jahreswechsel in der Spitze fast 18 Prozent eingebüßt und gegenüber dem Ende Oktober markierten Rekordhoch beträgt das Minus sogar fast 25 Prozent.

Doch das ist noch harmlos gemessen daran, was an einigen Randbörsen los ist. So ist beispielsweise der ROTX Index, der die meist gehandelten Aktien an der Bukarester Börse beinhaltet, seit August 2007 um sage und schreibe 42 Prozent eingebrochen. Ein Desaster stellt auch die Performance des bulgarischen BG 40 Index dar, der seit Ende Oktober um rund 36 Prozent zusammengefaltet wurde. Erschreckend daran ist aber nicht nur das Ausmaß der Verluste, sondern auch wie dadurch inzwischen viele Chartbilder aussehen sowie die vereinzelt trotzdem immer noch hoch anmutenden Bewertungen.

Bei Investments muss starker differenziert werden als früher

Bleiben wir bei den weiteren Betrachtungen zunächst bei der bulgarischen Börse, dann zeigt sich, dass die Indexcharts eine Art V-Formation ausgebildet haben, die erschreckend stark an die Charts nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 erinnern. Wie tief es danach nach unten ging, daran dürften sich alle Börsianer noch immer mit Grauen erinnern. Vergleichbar mit der damaligen Situation war auch das völlig überhitzte Sentiment. Am bis vor kurzem noch exzellent gelaufenen Aktienmarkt in Sofia erweckte das Verhalten der Anleger teilweise den Eindruck, als kennten die Kurse immer nur eine Richtung - und zwar die nach oben. Deutlich wurde das auch an der euphorischen Zeichnung vieler Neuemissionen, auf die sich manche Anleger fast schon wie Aasgeier stürzten. Dabei waren die Bewertungen schon lange viel zu hoch und sind es im Grunde genommen auch jetzt noch immer. So weist der bulgarische Sofix Index den Angaben auf der Internetseite der Börse ein KGV von 21 auf und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 4,0. Das sind Kennziffern, die in Zeiten stark gestiegener Risikoaversion einfach nicht mehr toleriert werden. Als unverändert hoch müssen auch die Bewertungen in manchen anderen Randmärkten wie etwa in Serbien bezeichnet werden. Für den Belex 15 Index beziffert die Belgrader Börse das KGV auf 35 und das Kurs-Buchwert-Verhältnis auf 2,5.

Über einen Kamm geschert werden dürfen die Börsen in Osteuropa aber nicht. So beziffert Raiffeisen Research die KGVs für den ungarischen BUX und den polnischen WIG 20 Index auf lediglich rund zehn für 2008. Als nicht viel teurer gelten auch die Märkte in Russland und der Türkei. Aber trotzdem sind diese Börsen in den vergangenen Tagen ebenfalls schwer unter die Räder geraten. So hat der russische RTS Index trotz der erfolgten kleinen Zwischenerholung seit Jahresanfang bisher 13 Prozent verloren oder der türkische ISE National 100 Index sogar 21 Prozent. Erstaunlich ist das insbesondere im Falle der Moskauer Börse. Schließlich strotzt Russland derzeit in vielerlei Hinsicht vor Kraft (das Land ist praktisch schuldenfrei, weist einen Haushaltsüberschuss und ein strammes Wachstum auf sowie enorme Devisen- und Goldreserven). Analysten können sich kaum vorstellen, dass der Ölpreis wirklich so weit absackte, als dass sich an dem vorteilhaften Ausgangsszenario tatsächlich etwas änderte.

Unter dem Strich dürften die Börsen in Osteuropa differenzierter als in den vergangenen Jahren gesehen werden müssen. Um Selbstläufer handelt es sich inzwischen nicht mehr. Die in manchen Ländern viel versprechenden fundamentalen Daten kommen wohl erst dann wieder zum Tragen, wenn sich allgemein die Stimmung an den Weltbörsen wieder gebessert hat. In jenen Ländern, die unter einer hohen Inflation in Verbindung mit enormen Leistungsbilanzdefiziten zu leiden haben, dürfte es selbst dann holprig bleiben. Bei Investment im Osten muss deshalb viel mehr differenziert werden als bisher.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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