Rüstungsaktien

Vormarsch oder Rückzug?

Von David Bogoslaw

22. April 2008 Angesichts der starken Medienpräsenz des gebeutelten Finanzsektors und der sich abschwächenden Wirtschaft der Vereinigten Staaten könnte man leicht übersehen, dass amerikanische Unternehmen nach wie vor von attraktiven Chancen auf anderen Gebieten profitieren. So fällt etwa die Nachfrage nach Infrastruktur in vielen Volkswirtschaften rund um den Globus recht robust aus, was sich weiterhin positiv auf Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtunternehmen auswirkt.

Nicht nur für Energieunternehmen erweisen sich Ölpreise jenseits der 110 Dollar pro Barrel als Segen, auch die Luft- und Raumfahrtindustrie spürt den Rückenwind steigender Treibstoffkosten, wenn ältere Flugzeuge zusehends durch neue, sparsamere Modelle ersetzt werden.

Der Verteidigungshaushalt ist üppig

Dieser Nachfrageschub fördert zusammen mit den anhaltend hohen Verteidigungsausgaben der Vereinigten Staaten eine optimistische Erwartungshaltung gegenüber den Erstquartalszahlen von Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtunternehmen. Am 22. April läutet Lockheed Martin die Berichtssaison des Sektors ein.

„Die Verteidigungsausgaben liegen mehr oder weniger auf gleichem Niveau - mittleres einstelliges Wachstum mit einigen äußerst respektablen Gewinnzuwächsen“, sagt Howard Rubel, Analyst bei Jefferies in New York.

Gewinnwarnung von Northrop Grumman

Troy Lahr, Analyst bei Stifel Nicolaus in St. Louis, rechnet mit solidem Wachstum und moderaten Verbesserungen bei den Gewinnmargen. „Die Verteidigungsausgaben dürften erst in zwei Jahren ihren Zenit erreicht haben, weshalb die Unternehmen der Branche in den kommenden Quartalen eine ziemlich gute Gewinndynamik aufweisen sollten“, meint Lahr.

Eine Ausnahme stellt indes Northrop Grumman dar, das als bislang einziges Unternehmen eine Gewinnwarnung für das erste Quartal aussprach. Am 15. April warnte der Rüstungskonzern die Anlegergemeinde, dass in seiner Schiffbausparte eine Sonderbelastung vor Steuern zwischen 320 und 340 Millionen Dollar oder 61 bis 69 Cent je Aktie anfallen werde.

Verzögerungen bei „Makin Island“

Als Grund nannte Northrop Verzögerungen und höhere Kosten für das amphibische Angriffsschiff „Makin Island“ sowie geschätzte Mehrkosten und Verzögerungen bei anderen Schiffbauprojekten in den Werften an der Golfküste durch Umlenkung von Ressourcen auf die „Makin Island“.

JP Morgan Chase schrieb in einer Studie, dass eine Belastung von 340 Millionen Dollar zu einer Senkung der für Northrop prognostizierten Gewinne von 5,65 auf 5,00 Dollar je Aktie im laufenden Jahr führen würde. Die Konsensschätzungen gehen derweil von 5,72 Dollar für das Gesamtjahr aus.

Northrop wird den Rückstand aufholen

Credit Suisse prognostiziert in einer Studie ein schwächeres erstes Quartal für Northrop, geht jedoch davon aus, dass sich die Ergebnisse des Unternehmens zum Jahresende hin verbessern werden, da im Laufe des Jahres mehrere Flugzeugprogramme anlaufen.

Rubel von Jefferies weist jedoch darauf hin, dass die Sonderbelastung von Northrop nicht die aktuelle Geschäftslage des Unternehmens spiegelt, sondern überwiegend auf frühere Probleme zurückzuführen ist.

Verteidigungsausgaben steigen um acht Prozent

Nach Angaben von Myles Walton, Analyst bei Oppenheimer in Boston, stiegen die größtenteils auf die Waffenversorgung sowie auf Forschung und Entwicklung entfallenden Verteidigungsausgaben im ersten Quartal um 8 Prozent.

Auch das zivile Luft- und Raumfahrtgeschäft zeigt sich robust. Walton zufolge stiegen die Auslieferungen großer Verkehrsflugzeuge gegenüber dem Vorjahresquartal um acht Prozent, während der Auftragsbestand um 110 Prozent zulegte.

Ziviler Flugverkehr wächst langsamer

„Beim Wachstum des Verkehrsaufkommens der Fluggesellschaften sind Anzeichen einer Verlangsamung auszumachen, was sich in einigen frühen Quartalsberichten niedergeschlagen hat“, so Walton. Als Beispiele nennt er einen dreiprozentigen Umsatzrückgang bei General Electric im Instandhaltungs- und Ersatzteilgeschäft für Verkehrsflugzeuge sowie stagnierende Umsätze bei der zu United Technologies gehörenden Triebwerkssparte Pratt & Whitney.

Credit Suisse merkt an, dass die Zahl der Aufträge für neue Flugzeuge im ersten Quartal entgegen den Erwartungen weiter zunahm. Während Boeing im Vergleich zum ersten Quartal 2007 einen Anstieg von 52 Prozent verzeichnete, konnte Airbus eine Verdreifachung der Auftragseingänge vermelden. Bei der Auftragsstruktur zeigte sich im ersten Quartal eine Rückverlagerung des Schwerpunkts von Großraumflugzeugen hin zu Schmalrumpfflugzeugen (etwa die Boeing 737), schreibt Robert Spingarn in einer Studie.

Verzögerungen bei der Boeing 787

Im Verkehrsflugzeuggeschäft drehen sich die Sorgen derzeit hauptsächlich um die von Boeing Anfang April gemeldeten Produktionsverzögerungen beim neuen Modell 787 „Dreamliner“. Die Erstauslieferung wurde nun von Anfang 2009 auf das dritte Quartal 2009 verschoben, wobei im Jahr 2009 anstelle der ursprünglichen 109 nur noch 25 Maschinen ausgeliefert werden sollen. Die Verzögerungen gehen auf Engpässe bei der Teileversorgung durch Zulieferer und auf technische Probleme zurück, nachdem Boeing eine Neukonstruktion des Flügelmittelkastens (die Verbindung zwischen Rumpf und Tragflächen) vorgenommen hatte.

Das Timing dürfte sich zwar nicht auf das Ergebnis von Boeing im ersten Quartal auswirken, UBS Investment Research senkte infolgedessen jedoch seine Gewinnprognosen für die Jahre 2009 und 2010. In der Zwischenzeit stieg das Volumen der vom Unternehmen noch nicht ausgeführten Aufträge von 3.200 Ende 2007 auf 3.600 Ende März 2008, wovon 25 Prozent auf die 787 entfallen.

Auch Zulieferer von Boeing betroffen

Peter Arment, Analyst bei American Technology Research, warnt trotz hoher Auftragsvolumina davor, dass die Ergebnisse des Verkehrsflugzeuggeschäft für das erste Quartal je nach der Intensität des Engagements einzelner Zulieferunternehmen, etwa bei der Produktion der 787, gemischt ausfallen könnten.

Spirit Aero Systems Holdings, ein Unternehmen, dass den vorderen Rumpfabschnitt der 787 herstellt, reagiert auf die Verzögerungen der 787 am empfindlichsten. Doch Spirit und andere bei der 787 involvierte Teilezulieferer „sind in der Lage, diese Verzögerungen durch Hereinnahme anderer Aufträge zu kompensieren“ merkt Lahr an und fügt hinzu, dass Spirit zahlreiche Aufträge von der General-Dynamics-Sparte Gulfstream, von der Textron-Flugzeugsparte Cessna sowie von Sikorsky, der Hubschrauber-Tochter von United Technologies, erhält.

Auch wenn die amerikanischen Fluggesellschaften die Abschwächung des Flugaufkommens in den Vereinigten Staaten durch eine Ausweitung ihres internationalen Fluggeschäfts kompensieren konnten, könnten Ersatzteilehersteller wie Goodrich, deren Bezahlung auf Grundlage des realen Verkehrsaufkommens erfolgt, eine schwächere Gewinnentwicklung verzeichnen, schrieb Spingarn von Credit Suisse in seiner Studie.

Keine Abwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen

Die Wachstumsabschwächung des amerikanischen Luftverkehrs ist Walton zufolge bereits in den Aktienkursen eingepreist. Nahezu alle in der Verkehrsluftfahrt aktiven Unternehmen mussten bei ihren Aktienkursen seit den Höchstständen im vergangenen November und Dezember Rückschläge hinnehmen, verstärkt durch den Ölpreisanstieg über 100 Dollar pro Barrel sowie durch Ängste vor einer globalen Rezession, ergänzt Walton.

Laut Walton hätten diese Faktoren zwar zu niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnissen bei Aktien von Unternehmen der zivilen Luft- und Raumfahrt geführt, bislang jedoch keine Abwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen ausgelöst.

Keine Stornierungen beim „Dreamliner“

Trotz der Verzögerungen zweifelt Lahr nicht daran, dass der „Dreamliner“ abheben wird. „Bislang kam es zu keiner einzigen Auftragsstornierung. Und bei einem Ölpreis von 110 Dollar pro Barrel möchten Unternehmen auf die Treibstoffeffizienz des Flugzeugs natürlich nicht verzichten“, so Lahr. „Sie können damit 20 bis 30 Prozent ihrer Treibstoffkosten einsparen.“

Fluggesellschaften können mit der 787 zudem ihre Instandhaltungskosten um 20 bis 30 Prozent senken. Die Gründe hierfür liegen Lahr zufolge in den robusteren Verbundmaterialien, der fortschrittlicheren Turbinentechnologie und einer geringeren Frequenz der von der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA vorgeschriebenen Flight Checks.

Wahlen werden Luftfahrtbranche wenig berühren

Die diesjährigen Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten dürften zwar dazu führen, dass Anleger von Rüstungs-/Luft-und-Raumfahrt-Aktien die Nachrichten genauer verfolgen, nach Ansicht von Lahr wird ihr Vertrauen in den Sektor durch die Wahlen jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt.

„Sie denken vielleicht, dass die Verteidigungsausgaben bei einer möglichen Präsidentschaft der Demokraten geringer ausfallen könnten, in der Vergangenheit waren Verteidigungsausgaben jedoch stets an Bedrohungen gekoppelt“, so Lahr. „Da wir in einem Umfeld mit hohem Bedrohungspotential leben, würde ich nicht davon ausgehen, dass die Verteidigungsausgaben gesenkt werden, und die Demokraten wären die letzten, die es sich leisten können, nicht in die Verteidigung zu investieren.“

Demokratischen setzen andere Schwerpunkte

Nach Einschätzung von Lahr läge der Schwerpunkt der Militärausgaben unter einer Präsidentschaft der Demokraten aber wahrscheinlich stärker auf bewährter Technologie, die in gegenwärtigen Kriegseinsätzen zum Einsatz kommen könnte, anstatt auf Technologie, die erst in zehn Jahren nutzbar wäre.

Die Anleger - als weitere Gruppierung mit tendenziell kurzfristiger Betrachtungsweise - werden gespannt verfolgen, wenn die Unternehmen der Branche in den kommenden Wochen ihre Quartalsberichte vorlegen.

Der Autor ist Reporter bei Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: AFP, dpa, F.A.Z.

 
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