Aktienmarkt-Analyse

Die Bullen an Rußlands Börse sind noch nicht müde

10. Januar 2006 Die russische Börse zählte auch im Vorjahr weltweit zu den Aktienmärkten mit der besten Wertentwicklung. Richtig deutlich wird die ausgesprochen gute Form russischer Aktien aber erst im Langfristvergleich. Hat es der richtungsweisende russische Aktienindex RTS in den vergangenen Jahren doch im Schnitt auf ein jährliches Plus von rund 60 Prozent gebracht.

Wer diese Gewinne auch nur annähernd mitgemacht hat, für den stellt sich natürlich jedes Jahr auf ein Neues die Frage, ob die Zeit für Gewinnmitnahmen gekommen ist oder ob es Sinn macht, weiter investiert zu bleiben. Um darauf eine Antwort zu finden, ist es zunächst wichtig, sich die Gründe für die starke Performance im Jahr 2005 in Erinnerung zu rufen.

Gleich mehrere Faktoren trieben die Börse 2005 nach oben

Als treibende Kräfte erwiesen sich vor allem die im allgemeinen hohen Rohstoffpreise und im speziellen die Explosion beim Ölpreis. Starker Rückenwind ging aber auch von der Aufhebung der Beschränkungen beim Handel von Gazprom-Aktien für Ausländer aus sowie vom boomenden inländischen Konsum. Außerdem spielten die Liquiditätsschwemme eine Rolle sowie der große Appetit der Anleger auf Anlagen aus Schwellenländern. Das dabei Rußland wieder etwas mehr zum Zuge kam als noch 2004, hing mit den nachlassenden Ängsten zusammen, es könnte zu einer zweiten Zerschlagung eines privat geführten Konzerns wie zuvor beim Ölunternehmen Yukos kommen.

Das gute an diesem Rückblick ist, daß die meisten Antriebsfaktoren auch Anfang 2006 noch Bestand haben. Ihre Schubkraft dürfte zwar nachlassen, aber noch wirken die meisten der aufgezählten Punkte stützend auf die Kursfindung. Das verhilft dem Markt zu einer guten Ausgangsposition. Was die russische Börse letztlich daraus machen wird, hängt ganz entscheidend von der Entwicklung des Ölpreises ab. Da hier aktuell aber eher mit einer weiteren Befestigung als mit einer Abschwächung zu rechnen ist, stehen die Chancen gut. Zumal selbst schon bei einem auf dem derzeitigen Niveau verharrenden Preisniveau die bislang vorsichtig gebliebenen Ölanalysten ihre Gewinnschätzungen nach oben anpassen müssen. Das spricht unverändert für russische Ölaktien und insbesondere für den Branchenprimus Lukoil, weil der ganz besonders sensitiv auf einen höheren Ölpreis reagiert.

Öl- und Gasaktien im internationalen Vergleich unterbewertet

Für russische Ölaktien spricht im internationalen Vergleich auch deren tiefe Bewertung. Während die Reserven pro Barrel der russischen Ölbranche gemessen am Unternehmenswert nach Angaben der Analysten vom Broker UFG mit dem Faktor 1,9 bewertet wird, liegt diese Kennziffer bei anderen Ölwerten aus Schwellenländern im Schnitt bei 9,3 und bei Vertretern aus den entwickelten Ländern sogar bei 15,4. Ähnlich kraß fällt die Differenz auch beim Blick auf das Verhältnis von Unternehmenswert zur Produktion pro Barrel aus. Hier bekommen russische Titel im Schnitt nur den Faktor 48,5 zugebilligt, während die Konkurrenz als Faktoren 160,5 und 190,0 zugestanden bekommt.

Vergleichbar fällt übrigens auch der Vergleich bei Gazprom aus. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu den Reserven pro Barrel liegt bei dem weltgrößten Gaskonzern bei 1,6 und beim Unternehmenswert zur Produktion pro Barrel bei 50,5. Die Konkurrenten aus den entwickelten Ländern werden an der Börse dagegen mit den Faktoren 27,8 und 281,5 bewertet. Diese Diskrepanz spricht auch bei den Gazprom-Aktien für weiter steigende Kurse, zumal die Aufnahme in die MSCI-Indizes hier eine starke Nachfrage praktisch garantiert.

Entdeckung der Nebenwerte dürfte anhalten

Reformbedarf wie bei Gazprom gibt es auch in vielen anderen Bereichen der russischen Wirtschaft. Allerdings läßt hier bei der Umsetzung das Tempo oft etwas zu wünschen übrig. Nennenswerte Fortschritte dürfte es in Form von Privatisierungen in diesem Jahr aber im Telekomsektor geben und auch in der Versorgerbranche, wo der Stromriese UES gemessen an den Kapazitäten ähnlich drastisch unterbewertet ist wie die Öl- und Gaswerte, sollte es tendenziell vorwärts gehen. Diese Aussicht verspricht eine überproportionale Kursentwicklung bei den betroffenen Sektorvertretern.

Wer besser abschneiden will als der Gesamtmarkt, der kann sein Glück außerdem mit Nebenwerten versuchen. Diese im Vorjahr entdeckte Gruppe scheint noch lange nicht ausgereizt, wobei allgemein Stock-Picking wichtiger werden dürfte. Weil dies aber für hiesige Anleger wegen dem oft spärlichen Nachrichtenfluß keine einfache Sache ist, kann ein Investment über Fonds oder Zertifikate eine sinnvolle Sache hin. Besonders wagemutige Investoren, die am Ball bleiben und es verstehen, mit Stop-Loss-Kursen zu arbeiten, können auch mit Hilfe von Hebel-Zertifikaten versuchen, den Markt zu schlagen.

Risiken nicht vergessen

Was die Risiken angeht, muß in erster Linie der Ölpreis und die sonstigen Rohstoffpreise im Auge behalten werden. Auch von politischer Seite müssen erfahrungsgemäß negative Nachrichten einkalkuliert werden. Wobei die dabei begangenen Fehler dann meist mittelfristig wieder einigermaßen korrigiert werden, so daß damit verbundene etwaige Korrektur oft sogar Kaufchancen darstellen. Zu den Fettnäpfchen, in die der Staat treten könnte, zählen auch eine zu starke Verstaatlichungswelle bei den als strategisch wichtig eingeschätzten Sektoren wie etwa der Rohstoffbranche. Denn daß staatlich geführte Unternehmen zumeist deutlich weniger effektiv wirtschaften als Privatunternehmen ist hinlänglich bekannt.

Volkswirtschaftlich betrachtet stellen die zu hohe Inflation sowie der unter Aufwertungsdruck stehende russische Rubel noch Bürden dar. Und natürlich dürften die globalen Risiken nicht vergessen werden. Dazu zählen die Gefahr einer spürbaren weltweiten Konjunkturabschwächung, deutlich höher steigende Leitzinsen als derzeit angenommen sowie eine zunehmende Risikoaversion unter den Marktteilnehmern, weil dies erfahrungsgemäß Schwellenländer wie Rußland in der Regel am härtesten trifft. Zumindest in den nächsten Wochen dürfte aber noch keine der aufgezählten Risiken so stark durchschlagen, daß eine Trendwende an der russischen Börse drohen könnte. Dagegen spricht auch die Charttechnik, die dank einem beeindruckenden Aufwärtstrend vielmehr ebenfalls als Kaufargument fungiert.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET, UBS, Brunswick UBS Schätzungen

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