26. Mai 2008 Es ist eine Hassliebe, die Anleger zu den Analysten entwickelt haben. Hass deshalb, weil der aufgeklärte Anleger inzwischen weiß: Der durchschnittliche Analyst kann die Kurse auch nicht besser vorhersagen als der durchschnittliche Privatanleger. Stattdessen verführen Analysten die Anleger zum ständigen Kaufen und Verkaufen, obwohl das schädlich für die Rendite ist.
Gelegentlich haben sie ihr Publikum auch bewusst an der Nase herumgeführt und Firmen zu gut bewertet, damit die den Investmentbankern ihres Hauses gewogen blieben: In der New-Economy-Blase zum Beispiel lobte der Staranalyst Henry Blodget bei Merrill Lynch Internetfirmen über den grünen Klee, während er in E-Mails an Kollegen über sie herzog.
Nicht immer das Schlechteste
Das alles wissen Anleger. Doch am Ende suchen sie immer wieder nach Orientierung in der komplizierten Börsenwelt. Vor allem in diesen Tagen, in denen die Aussichten unklar sind. Und jetzt kommt die Liebe ins Spiel. Denn auf wen schauen sie? Auf die Analysten. Zum Beispiel, wenn es ums Öl geht. Für dessen Preis hat der Goldman-Sachs-Analyst Arjun Murti Anfang Mai eine Prognose veröffentlicht: In zwei Jahren könne der Ölpreis bei 200 Dollar stehen, prophezeit er. Seitdem steigt der Ölpreis wieder schneller. Auch andere Analystenberichte wirken - vor allem auf Kleinanleger, wie die Ökonomin Ulrike Malmendier an der Universität ermittelt hat.
Dass sich Anleger also doch von Analysten beeinflussen lassen, ist gar nicht mal so ungünstig. Zwar erzielen Privatanleger im Schnitt mehr Rendite, wenn sie ihre Aktien nicht selbst auswählen, sondern ihr Geld in Indexfonds stecken. Doch wer Spaß am Spekulieren hat, der kann von Analysten durchaus profitieren.
Vorausgesetzt er weiß, wie er ihre Berichte zu lesen hat. Er sollte zum Beispiel wissen, dass manche Banken deutlich bessere Prognosen liefern als andere. Zwar schlagen die Analysten im Schnitt nicht immer den Markt. Doch mit den Empfehlungen der besten Analysten fuhren Anleger im gleitenden Zwölf-Monats-Durchschnitt über die vergangenen zwei Jahre 25 Prozentpunkte mehr ein als mit denen der übrigen, ermittelte der britische Analysten-Bewerter AQ Research.
Leben vom Verkauf
Außerdem sollten Anleger darauf achten, über welche Aktien sich viele Analysten einig sind. Aktien, die die meisten Kaufvoten auf sich vereinen, sind nämlich laut einer Untersuchung des amerikanischen Ökonomen Brad Barber tatsächlich besser gelaufen als andere - und die Aktien mit den meisten Verkaufsvoten schlechter.
Wer nur einen einzelnen Bericht vor sich hat, muss genau hinschauen. Zuerst gilt die Überlegung, welches Interesse der Arbeitgeber des Analysten wohl hat. Analysten großer Banken, die Sell-Side-Analysten, werden derzeit meist aus den Provisionen bezahlt, die ihre Bank für Wertpapiergeschäfte bekommt. Und die bekommt umso mehr Provision, je öfter ihre Kunden etwas kaufen oder verkaufen. Also hat die Bank ein Interesse daran, die Kunden möglichst oft zum Kaufen und Verkaufen zu bewegen. Außerdem betreut die Bank das bewertete Unternehmen möglicherweise als Kunden, den sie nicht vergraulen will. Das steht dann zwar im Anhang des Analystenberichts, doch den müssen sich Anleger erst einmal beschaffen.
Was kaufen die Profis wirklich?
Einen Tick lieber gesehen sind darum die Einschätzungen von Buy-Side-Analysten. Denn die arbeiten für Fondsgesellschaften und andere Vermögensverwalter - werden also von Anlegern bezahlt. Dummerweise sind ihre Empfehlungen aber schwer zu bekommen, weil die Fondsgesellschaften gute Tipps gerne für sich behalten. Also achten viele Anleger auf die Berichte unabhängiger Analysehäuser wie Fairesearch oder Independent Research, die ihre Berichte gegen Bezahlung an institutionelle Investoren verkaufen. Diese Empfehlungen können Anleger auch in den Nachrichten lesen.
Darauf allein sollten Anleger jedoch nicht achten. Denn schon die Einstufungen sind nicht einheitlich. Manche Banken drücken mit einer Empfehlung aus, dass sie einen Kursanstieg der Aktie erwarten - andere glauben nur, dass sich die Aktie besser entwickeln wird als andere derselben Branche, auch wenn der Kurs möglicherweise zurückgeht.
Richtig das Richtige lesen
Dazu kommt: Die Kauf- und Verkaufsempfehlungen, die dick auf die Berichte gedruckt sind, sind deutlich schlechter als die Gewinnprognosen im Inneren der Berichte, wie die Ökonomen Ulrike Malmendier und Devin Shanthikumar herausgefunden haben. Sie begründen das damit, dass die Kauf- und Verkaufsempfehlungen von Kleinanlegern besonders stark berücksichtigt werden. Hier könnten die Analysten eher die Interessen der Bankkunden bedienen. Die Gewinnprognosen dagegen würden eher von kritischen institutionellen Investoren beachtet, die sich so leicht nichts vormachen lassen.
Privatanleger beachten die Gewinnprognosen leider zu selten, aber sie können das tun, was viele Profis tun: sich nur an Kaufempfehlungen halten, die Analysten selbst als stark bezeichnen. Bei einfachen Kaufempfehlungen gilt: besser nichts tun. Und bei Halten-Empfehlungen: verkaufen!
Warnung vor den Viel-Käufern
Malmendier gibt außerdem den Rat: Anleger sollten darauf achten, welche Empfehlungen die Analysten bisher gegeben haben. Denn ihr Kollege Brad Barber hat in seinen Untersuchungen herausgefunden: Kaufempfehlungen sind besonders viel wert, wenn sie von Analysten kommen, die nur selten eine abgeben. Die also nicht mehr als 40 Prozent ihrer Berichte als Kaufempfehlung formulieren.
Dasselbe gilt für Verkaufsempfehlungen: Wer weniger als 20 Prozent der bewerteten Aktien zum Verkauf empfiehlt, dessen Einschätzung ist besonders relevant. Einen Überblick über die bisherigen Empfehlungen von Analysten bieten etwa die Investoren-Websites Stockflock und Sharewise.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp