Schwellenländer

Indischer Sensex-30 erreicht Allzeithoch

Händler freut sich über indischen Börsenboom

Händler freut sich über indischen Börsenboom

13. Oktober 2006 Erwischte die Korrektur an den Finanzmärkten im Mai auch den indischen Aktienmarkt voll und brachte den Sensex 30 nach einem fulminanten Sturmlauf in den Monaten zuvor um 30 Prozent nach unten, so hat er sich davon inzwischen nicht nur wieder erholt, sondern er hat am Freitag mit einem Indexstand von 12.736,42 Punkten ein neues Rekordhoch erreicht.

Im Tagesverlauf hatte der Index sogar einen Höchststand von 12.756 Zählern erreicht. Hintergrund dieser Entwicklung ist einerseits die im Überschuß vorhandene Liquidität weltweit, die sich unter anderem in Form von Rekordwährungsreserven in China und anderen Staaten mit massiven Handelsbilanzüberschüssen - sie sind vor allem auf unflexible Wechselkurse zurückzuführen - zeigen. Die Devisenreserven Chinas nehmen zur Zeit durchschnittlich um 30 Millionen Dollar pro Stunde zu.

Binnenmarktorientierte Basisgüterhersteller führen die Sensex-Gewinner an ...

Auf der anderen Seite sorgt auch das Wachstum von Staaten wie China, Indien oder Vietnam für die Phantasie der internationalen Anleger. Denn hohes Wachstum sorgt bei den in diesen Regionen tätigen Unternehmen für deutliches Umsatz- und Gewinnwachstum und macht sie auf diese Weise immer wertvoller. Genau das ist es, was der Anleger haben will. Denn es führt zumindest bei den wohlgeführten, börsennotierten Unternehmen zu steigenden Kursen.

Auf Sicht eines Jahres wird der indische Börsenboom angeführt von den Papieren der Basisgüterhersteller. So konnte die Aktie des Zementherstellers ACC auf Sicht eines Jahres bisher einen Kursgewinn von satten 111 Prozent verbuchen, gefolgt von Werten wie Grasim Industries, Bharat Heavy Eletricals, Reliance Industries und Bajaja Auto. Das heißt, die Kursgewinne basieren zunächst zu einem großen Teil auf einem offensichtlichen Infrastrukturboom.

Das ist aber nicht alles. Denn manche Unternehmen sind weniger auf den Binnenmarkt, denn auf die internationalen Märkte ausgerichtet. Dabei handelt es sich vor allem um Dienstleistungsbetriebe wie Infosys, Tata Consultancy, Satyam oder auch Wipro. Sie scheinen in erster Linie vom Outsourcing-Geschäft zu profitieren, in deren Rahmen westliche Unternehmen Arbeitsplätze in Regionen mit vergleichsweise hohen Löhnen in andere Länder verlagern.

Den letzten Schub erhielt der Sensex durch Infosys Technologies. Der zweitgrößte IT-Dienstleister Indiens legte am Mittwoch einen überraschend guten Quartalsbericht vor. Er konnte sich mehr Aufträge sichern als erwartet und übertraf so die Gewinnprognose der Analysten. „Die Unternehmensergebnisse für das Quartal bis Ende Juni haben positiv überrascht“, sagte Anup Maheshwari, Leiter des Aktienbereichs bei DSP Merrill Lynch Fund Managers in Mumbai der Nachrichtenagentur Bloomberg „Die Aussichten liegen bei einem Wachstum von 15 bis 20 Prozent, und an den Börsen ist der gleiche Zuwachs zu erwarten, ergänzte er optimistisch.

... dagegen sind die bekannten Dienstleister des Landes stark auslandslastig

Allerdings sollte man solche Argumente nicht unkritisch betrachten, so schön sie auch klingen mögen. Denn gerade am Beispiel von Infosys wird deutlich, wie stark manche Unternehmen Indiens von der konjunkturellen Entwicklung im Ausland und nicht in Indien selbst abhänen. So erzielte Infosys im vergangenen Jahr etwas mehr als 98 Prozent seiner Umsätze im Ausland - 65 Prozent in Nordamerika, 24,5 Prozent in Europa, knapp neun Prozent in der restlichen Welt - und gerade einmal 1,7 Prozent in Indien selbst. Bei anderen Unternehmen dieser Branche sieht es ähnlich aus und selbst die bekannten Labor- und Pharmawerte des Landes sind stark auslandslastig.

Das bedeutet jedoch, daß die Börse ungeachtet aller langfristiger Perspektiven deutlich in die Defensive geraten könnte, falls sich beispielsweise die Konjunktur in den Vereinigten Staaten deutlicher abkühlen sollte. Auch die Bewertung hat inzwischen mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinnverhältnis von knapp 30 auf Basis der abgelieferten Gewinne wieder ein Niveau erreicht, das eher an eine Kursblase als an eine vernünftige Entwicklung erinnert. Solche Argumente sollten die Euphorie etwas dämpfen.

Diese zeigt sich auch in anderer Form. Denn die Erholung des Aktienmarkts ermutigt viele Unternehmen, an die Börse zu gehen. Am Donnerstag reichte beispielsweise der britische Öl- und Gaskonzern Cairn Energy bei den Aufsichtsbehörden Dokumente für den Börsengang seiner Indien-Sparte ein. Mit der Börseneinführung will Cairn bis zu 2 Milliarden Dollar oder umgerechnet 1,6 Milliarden Euro erlösen, hieß es aus Bankkreisen.

Auch der indische Staat möchte das günstige Börsenklima nutzen und plant Privatisierungen. Energieminister R.V. Shai kündigte am Donnerstag an, die Regierung werde Power Finance, ein Finanzierungsunternehmen für die Energiewirtschaft, sowie den Kraftwerksbetreiber National Hydroelectric Power zu Teilen an die Börse geben. Gleiches sei bei den Netzbetreibern Rural Electrification und Power Grid vorgesehen. Jedes Unternehmen werde ein Aktienpaket von zehn Prozent plazieren, hieß es. Solche Werte dürften solider und langfristig interessanter sein, als die inzwischen heiß gelaufenen Profiteure der internationalen Lohnarbitrage. Diese haben inzwischen selbst Probleme mit rasch steigenden Löhnen und beim Aufspüren geeigneter Mitarbeiter.

Die Wirtschaftsleistung Indiens stieg im zweiten Quartal 8,9 Prozent. Von den großen Volkswirtschaften der Welt übertraf allein China diese Zahl. In den Vereinigte Staaten stieg das BIP 3,5 Prozent, in Japan 2,5 Prozent. „Der Wachstumsprozeß in Indien ist nachhaltiger als je zuvor“, sagte Premierminister Manmohan Singh am Donnerstag auf einer indisch-europäischen Wirtschaftskonferenz in Helsinki. Die Regierung erhöhte die Prognose für das Wirtschaftswachstum auf 8,5 Prozent.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

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