19. September 2008 Es kommt wie es kommen musste: Nach massiven Kursverlusten in den vergangenen Tagen schoss die amerikanische Börse am Donnerstag zum Handelsende massiv nach oben. Am Freitag schlossen sich sowohl die asiatischen als auch die europäischen Märkte dieser Entwicklung an.
Mit fundamentalen Faktoren dürfte das allerdings wenig zu tun haben. Dafür sind die Märkte schon seit Wochen zu nervös. So ist der die Kursschwankungen messende VIX-Index am Mittwoch auf etwas mehr als 36 Prozent gestiegen. Das war der höchste Stand seit Oktober des Jahres 2002, einem der Höhepunkte der vergangenen Baisse. Dieser Index bildet die Volatilität und damit die Schwankungsanfälligkeit der Aktienkurse im S&P-500 Index ab, wie sie von den Optionshändlern an den Terminmärkten wahrgenommen wird.
Technische Faktoren spielen eine übergeordnete Rolle für die Erholung
Dagegen spielen technische Faktoren eine übergeordnete Rolle. Das zeigt sich alleine schon am Beispiel der Volkswagen-Aktie. Ihre massiven Kursgewinne der vergangenen Tage lassen sich aus der operativen Entwicklung des Unternehmens auch beim besten Willen nicht ableiten. Verantwortlich sind dafür nach Experteneinschätzungen Konstellationen an den Terminbörsen, die im Rahmen des Verfallstages, der Positionsbereinigungen und der Liquiditätsschöpfung aufgrund der verschiedenen Bankenpleiten und nicht zuletzt auch wegen des Verbots beziehungsweise der Einschränkung von Leerverkäufen zu Kursbewegungen aus technischen Gründen führen.
Schon im Juli war es an der Wall Street zumindest vorübergehend zu massiven Kursgewinnen der Finanzwerte gekommen, nachdem Leerverkäufe vorübergehend eingeschränkt worden waren. Inzwischen häufen sich an den internationalen Finanzmärkten administrative Eingriffe dieser Art. Extrem reagierte in den vergangenen Tagen Russland. Die Börse wurde nach einem Crash einfach geschlossen, um auf diese Weise weitere Kursverluste zu vermeiden, die unter anderem auf die politische Unberechenbarkeit des Landes zurückgehen.
Kurzfristig können solche Maßnahmen den Kursverfall stoppen. Möglicherweise kann die Kurserholung aufgrund der Skepsis der Marktteilnehmer weiter tragen als erwartet. Immerhin haben die Volumina an der Wall Street am Donnerstag im Rahmen der Aufwärtsbewegung deutlich zugenommen. Allerdings sind sie vor und an Verfallstagen der Terminbörsen regelmäßig ungewöhnlich hoch. Zudem lagen sie zuletzt weiterhin unter dem gleitenden Jahresdurchschnitt. Alleine schon aus diesem Grund kann die mögliche Euphorie hinterfragt werden.
Fundamentale Faktoren sprechen gegen eine Erholung
Dazu kommen schwache fundamentale Faktoren. Sie haben sich keinesfalls verbessert, selbst wenn die Marktteilnehmer die Lage subjektiv positiver einschätzen mögen, als in den vergangenen Tagen. So ändern kolportierte Pläne zur Rettung der amerikanischen Finanzunternehmen über eine umfassende Auffanglösung wenig an der prekären Lage und daran, dass diese Unternehmen nicht mehr so wachsen können wie in der Vergangenheit. Das Misstrauen der Banken untereinander ist nach wie vor ausgeprägt. Der TED-Spread, ein Indikator für die Bereitschaft unter den Banken, sich gegenseitig Gelder zu leihen, hält sich schon seit Tagen auf Rekordniveau.
Das alleine schon wird die konjunkturellen Aussichten in den Vereinigten Staaten dämpfen. Immerhin war der Finanzbereich einer der wesentlichen Wachstumstreiber der vergangenen Jahre. Dazu kommt die absehbare Konsumschwäche. Sie wird ausgelöst von der starken Verschuldung der Verbraucher. Ihre Kaufkraft ist aufgrund der Preisauftriebs nicht nur geschwunden, sondern sie müssen künftig zudem die Sparquote erhöhen. Da der Konsum in der Vergangenheit letztlich für zwei Drittel des amerikanischen Sozialproduktes verantwortlich war, lässt sich fragen, wo der konjunkturelle Optimismus herkommen mag.
Tatsächlich waren die jüngsten Daten vergleichsweise schwach: Die amerikanischen Einzelhandelsumsätze schrumpften im August um 0,7 Prozent, der Arbeits- und der Häusermarkt bleibt schwach und die vorlaufenden Indikatoren fielen ebenfalls enttäuschend aus. Insgesamt gleicht die Situation in den Vereinigten Staaten jener Japans vor einigen Jahren. Dort konnten sich weder Börse noch Wirtschaft lange Zeit nicht von den Folgen der geplatzten Immobilienblase der 80er Jahre erholen (siehe auch: Staatsfonds warnt vor weltweiter Stagnation).
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Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET