Krise in Großbritannien

Leerverkäufer wetten gegen britische Immobilienaktien

20. August 2008 Die Kredit- und Häusermarktkrise sorgt schon seit Monaten für Schlagzeilen. Steht bei der Berichterstattung oft der amerikanische Markt im Vordergrund, so sieht es in Großbritannien eher noch schlechter aus als in den Vereinigten Staaten.

Die Hauspreise sind in den vergangenen Monaten deutlich gefallen. Der von der Nationwide Building Society ermittelte UK Nationwide House Prices für all Houses ging im Juli saisonbereinigt im Vergleich mit der Vorjahresperiode um satte 7,9 Prozent zurück, der UK Rightmove National Asking Price fiel im August um 4,8 Prozent.

Anzahl der Hypothekengenehmigungen in Großbritannien auf Rekordtief

Die Aktivitäten im Baubereich haben in den vergangenen Monaten massiv abgenommen. Das zeigt sich unter anderem an der Anzahl von Hypothekengenehmigungen wie sie von der Bank of England ermittelt werden, die Ende Juni noch bei 36.000 lagen. Das ist der absolut tiefste Stand seit Beginn der Datenerhebung im April des Jahres 1993. Die jüngste Zahl lag satte 67 Prozent unter dem Mittelwert.

Aufgrund der gestiegenen Zinsen, des Preisauftriebs, der hohen Verschuldung der britischen Haushalte, der fallenden Hauspreise und der auf diese Weise reduzierten Kaufkraftschöpfung schwächelt der Binnenkonsum. Die negativen Effekte werden noch verstärkt durch die konjunkturelle Schwäche in anderen Teilen der Welt, die wirtschaftlich mit Großbritannien verbunden sind. Im Juni war die Industrieproduktion um 1,6 Prozent gefallen. Das war der zweite Monatsrückgang in Folge.

Zum Börsenkurs

Aufgrund der anhaltenden Kredit- und Wirtschaftskrise ist eine Erholung im britischen Bausektor nicht absehbar. So dürfte kaum verwundern, dass Anleger darauf spekulieren, dass die Krise am britischen Häusermarkt ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat: Sie haben Aktien in der Größenordnung von 19 Prozent der Marktkapitalisierung der sieben größten börsennotierten Wohnbaugesellschaften in Großbritannien leer verkauft.

Seit Mai ist damit das Volumen der leer verkauften Aktien um 45 Prozent gestiegen und beläuft sich aktuell auf 865 Millionen Pfund oder umgerechnet 1,1 Milliarden Euro, wie Angaben vom Londoner Datenanbieter Data Explorers zeigen.

„Leerverkäufe hatten einen erheblichen Einfluss auf den Kurssturz der Titel im Juni, es war verrückt“, sagte Robert Gardiner, Analyst beim Broker Davy Stockbrokers in Dublin der Nachrichtenagentur Bloomberg. Gardiner erwartet, dass die Aktien der Bauunternehmen nach der jüngsten Erholung erneut unter Druck geraten. „Die Aktien der Hausbauunternehmen sind vorausgeeilt, Leerverkäufer nehmen sie wieder ins Visier. Im Lauf des kommenden Monats legen sie ja ihre Zahlen vor. Die werden wahrscheinlich nicht rosig ausfallen“, so Gardiner.

Größter Einbruch auf dem britischen Immobilienmarkt seit Jahrzehnten

Hintergrund ist der größte Einbruch am britischen Immobilienmarkt in drei Jahrzehnten. Die Liquiditätssituation sei die größte Sorge in der Branche, die anstehenden Ergebnisse dürften belegen, dass der Cashflow „zu einem dünnen Rinnsal verkommen ist“, schrieb Alistair Stewart, Analyst bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort in einer Notiz am 12. August.

Den Berichtsreigen eröffnet Persimmon, die die Zahlen für das erste Halbjahr am 21. August vorlegt. Nach aktuellen Angaben von Jessica Johnson von Dataexplorers.com haben spekulative Anleger nach neusten Daten 28,51 Prozent der ausstehenden Aktien des Unternehmens in der Wette auf fallende Kurse leer verkauft. Bovis Homes Group folgt am 26. August. Die Aktien von Bovis weisen die höchste Quote an Leeverkäufen auf. 67 Prozent der für Leerverkäufe verfügbaren Titel sind „in Verwendung“, also leer verkauft. Das entspricht einem Anteil von 26 Prozent der Marktkapitalisierung von Bovis, die aktuell bei etwa 483 Millionen Pfund liegt. Auf dem anderen Ende der Skala weisen Berkeley Group Holdings und Bellway die niedrigsten Quoten an Leerverkäufen auf. Bei Berkeleys sind 14 Prozent der Aktien leer verkauft, bei Bellway liegt der entsprechende Wert bei 7,9 Prozent, bei Barrat bei 22,6 Prozent und bei Taylor Wimpey bei 16,7 Prozent.

Leerverkäufe werden im aktuellen Marktumfeld immer beliebter. Weltweit waren im Juli Aktien für 1,4 Billionen Dollar oder umgerechnet 949 Milliarden Euro leer verkauft worden. Das ist ein Drittel mehr als Anfang des Jahres 2007, meldet Spitalfield Advisors. Das Unternehmen ist auf die Ausleihe von Wertpapieren spezialisiert. Leerverkäufer leihen sich Aktien und verkaufen sie in der Hoffnung auf fallende Kurse, um sich dann günstiger einzudecken. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri mit Material von Bloomberg
Bildmaterial: FAZ.NET

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