28. Februar 2007 Island hatte im Vorjahr zumeist mit einer negativen Presse zu kämpfen. Die Berichterstattung wurde dominiert vom wachsenden Leistungsbilanzdefizit und von der steigenden Inflation. Als Folge davon geriet die Landeswährung Krone im ersten Quartal massiv unter Druck und auch der Aktienmarkt musste spürbare Verluste hinnehmen.
Die genannten Probleme bestehen zwar noch immer. So hat sich das Leistungsbilanzdefizit im Vorjahr von minus 16,1 Prozent auf minus 22,4 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt ausgeweitet und die Inflationsrate ist mit 7,4 Prozent immer noch zu hoch. Und die für Januar gemeldeten Lohnzuwächse von 10,1 Prozent lassen auf der Preisseite so schnell auch keine nachhaltige Entspannung erwarten.
Bewertungsniveau noch nicht überzogen
Aber das Geschehen an den Finanzmärkten hat sich dennoch längst beruhigt. Die Krone hat sich erholt und der Aktienmarkt hat in den vergangenen Monaten eine regelrechte Rally hingelegt. Im Zuge der Börsenschwäche, die seit Beginn dieser Woche allgemein an den Weltbörsen zu beachten ist, verlieren zwar auch isländische Aktien momentan an Wert. Dennoch liegt der ICEX-15 Index, der die 15 größten Werte enthält, seit Jahresanfang immer noch mit fast 14 Prozent im Plus. Und seit August beläuft sich das Plus sogar auf 39 Prozent.
Damit ist der ICEX-15 bereits in den ersten beiden Monaten so stark gestiegen, wie ihm die Analysten bei Glitnir Research eigentlich für das gesamte Jahr 2006 zugetraut haben. Die dortigen Analysten hatte zu Jahresbeginn dem ICEX-15 ein Jahresplus von 21 Prozent prognostiziert. Wenn man bedenkt, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Gesamtmarktes damals auf Basis der Vorjahresgewinn auf 10,4 zu veranschlagen war, ist diese Prognose durchaus nachvollziehbar gewesen. Auch jetzt sind die Bewertungen sicherlich noch nicht völlig überzogen und es gibt noch etwas Kursspielraum nach oben. Nach den starken Gewinnen der vergangenen Monate ist die Luft aber dünner geworden. Normalerweise wäre es zur Vermeidung von Überhitzungserscheinungen jetzt erst einmal gut, wenn der Markt durchatmen würde.
Die Gretchenfrage lautet: Was wird aus den volkswirtschaftlichen Ungleichgewichten
Dass sich die von einigen Bankaktien dominierte Börse zuletzt so gut geschlagen hat, hat zum einen mit überraschend guten Unternehmensergebnissen vor allem aus dem Finanzsektor zu tun und ganz allgemein damit, dass die isländischen Gesellschaften oft sehr gut geführt sind. Zum anderen lassen sich die Kursgewinne aber auch mit der Hoffnung der Marktteilnehmer erklären, dass sich die aufgezeigten volkswirtschaftlichen Probleme demnächst verringern werden. In der Tat dürfte die erholte Krone dabei helfen, die Inflationsrate zu drücken und die in Produktionsnahme neuer Aluminium-Fabriken dürfte das Leistungsbilanzdefizit abbauen. So veranschlagen die Volkswirte bei Glitnir die Inflation in diesem Jahr auf 2,7 Prozent und im nächsten Jahr auf 3,8 Prozent.
Durch den von der Notenbank eingeschlagenen restriktiven Kurs, der sich in einem hohen Leitzins von 14,25 Prozent manifestiert, hat sich die Konjunktur im Vorjahr bereits merklich auf vermutlich plus 2,5 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt abgeschwächt und in diesem Jahr könnte sich das Wachstum auf 2,2 Prozent belaufen. Das ist aber ohnehin nicht das Entscheidende, sondern vielmehr, inwieweit es gelingt, die volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte in Form des enormen Leistungsbilanzdefizits und der hohen Inflationsrate zu bekämpfen. Wichtig wird auch sein, wie gut die Banken mit der Wachstumsabschwächung zurechtkommen und in der Lage sind, eventuell steigende Kreditausfälle und die ehrgeizige Expansion im Ausland zu verkraften. Gelingt alles das, könnte sich die Hausse an der isländischen Börse, die dem Markt schon in den Jahren 2003 bis 2005 schöne Kursgewinne beschwerte, auch in diesem Jahr eine Fortsetzung finden. Durch die sehr regen Fusions- und Übernahmeaktivitäten, in denen viele isländische Unternehmen involviert sind, ist jedenfalls für genügend Phantasie gesorgt.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @JüB
Bildmaterial: Bloomberg
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| HYPO REAL ESTATE HOL | +1,65 | +39,95 |
| DEUTSCHE BÖRSE AG NA | +9,49 | +16,79 |
| THYSSENKRUPP AG INHA | +2,60 | +16,77 |
| VOLKSWAGEN AG STAMMA | +11,06 | +3,23 |
| MERCK KGAA INHABER - | +2,96 | +4,80 |
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +1,10 | +4,86 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 5.062,45 | +11,40 |
| TecDax | 584,64 | +13,14 |
| DowJones | 9.037,00 | +6,93 |
| Nasdaq | 1.770,34 | +7,33 |
| STOXX 50 | 2.688,32 | +11,00 |
| Nikkei 225 | 8.276,43 | -9,62 |
| S&P 500 Zert. | 9,30 | +5,32 |
| Euro/Dollar | 1,35 | -0,61 |
| Bund Future | 114,34 | -0,29 |
| Gold | 832,90 | -1,71 |
| Öl | 76,94 | +0,38 |