Börse

Saisonale Kursmuster alleine nicht ausreichend für Anlageentscheidungen

27. November 2009 Am Donnerstag bekamen die Weltbörsen wegen der Schuldenprobleme in Dubai einen Dämpfer versetzt. Nach dem ersten Schock erholen sich die Notierungen am Freitag aber schon wieder. Und nicht wenige Marktteilnehmer hoffen nach wie vor auf eine Jahresendrallye.

Ein Teil des Optimismus beruht dabei auch auf saisonalen Überlegungen. Denn in der Vergangenheit kam es nicht selten zu dem Phänomen von steigenden Kursen am Jahresende. Zudem gilt die Periode von November bis April an der Börse verglichen mit der Zeit von Mai bis Oktober in der Regel als die erfolgreiche Jahreshälfte.

Mit dem Thema Saisonalitäten am Aktienmarkt haben sich in einer Studie auch die Analysten von M.M.Warburg beschäftigt. Nach ihrer Einschätzung deutet eine einfache Betrachtung vergangener Monatsrenditen am Aktienmarkt darauf hin, dass saisonale Effekte für die Kursentwicklung eine Rolle spielen könnten. Nimmt man zum Beispiel den S&P 500, dann haben die Monate November und Dezember seit 1965 demnach im Mittel eine positive Wertentwicklung von 0,7 Prozent und 1,4 Prozent aufgewiesen, gegenüber einer durchschnittlichen monatlichen Zuwachsrate von lediglich 0,6 Prozent.

Börsenweisheit „Sell in May and go away“ hat sich bestätigt

Gleichzeitig weisen sie aber auch darauf hin, dass bereits diese einfache Überlegung Mängel aufweist. Denn wie es heißt, kann die mittlere monatliche Wertentwicklung erheblich durch einmalige Effekte verzerrt sein, die nicht in regelmäßigen Abständen auftauchen. Zum Beispiel hätten die Terroranschläge am 09. September 2001 und die Lehman-Pleite im vergangenen Jahr die durchschnittliche Wertentwicklung in den entsprechenden Monaten deutlich gesenkt, ohne dass es sich dabei allerdings um ein saisonales Muster gehandelt habe. Allerdings haben die Monate November und Dezember gegenüber dem Rest des Jahres auch unter Verwendung des Median statt des Mittelwertes eine überdurchschnittliche Wertentwicklung erzielt.

Angesichts solcher Ergebnisse stellt sich die Frage, ob der Saisoneffekt ein hilfreiches Argument für eine Investition in den Aktienmarkt ist. Um Zufälligkeiten auszuschließen, haben die Analysten von M.M. Warburg eine Menge von Berechnungen angestellt. Und diese habe ergeben, dass im S&P 500 Index alle „Saisonalitäten“ außer den Monaten Januar, Juni und November auch rein zufällig sein könnten. Die positive Performance in den Monaten Januar und November ist demnach jedoch nur mit einer sehr niedrigen Wahrscheinlichkeit rein zufällig. Es sei auch unwahrscheinlich, dass die durchschnittlich sehr schwache Wertentwicklung im Juni allein auf den Zufall zurückzuführen ist.

Ob sich die Saisonalitäten in den drei genannten Monaten ausnutzen lässt, wurde anschließend noch anhand der Standardabweichungen der Monatsrenditen in den vergangenen Jahren getestet. Dabei hat sich gezeigt, dass ein Investor besonders im Juni Gefahr läuft, tatsächlich einen schlechten Monat zu erleben. Insofern bestätigt sich laut M.M. Warburg die Börsenweisheit „Sell in May and go away“. Auch wenn sich im November tatsächlich ein positiver Saisoneffekt zeigen könnte, so war doch die Streuung in den letzten Jahren in diesem Monat hoch. Damit steigt dann gemäß der Studie allerdings auch die Wahrscheinlichkeit, dass es trotz des zu erwartenden positiven Effekts im November insgesamt nur zu einer schwachen Kursentwicklung kommt.

Wer mutig ist, könne trotzdem auf einen positiven Saisoneffekt im November hoffen, der sich im Durchschnitt seit 1965 im S&P 500 mit einer hohen statistischen Signifikanz eingestellt hat. So sei es mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufall gewesen, dass gerade im November der Median (und auch der Durchschnitt) der Monatsperformance hoch lag. Da allerdings auch die Streuung der Monatsraten seit 1965 vor allem im November hoch gewesen sei, ist der Monat November zur Nutzung des Saisonmusters keine sichere Wette. Hier zeige sich der Juni von einer besseren Seite, denn hier ist die Streuung geringer und damit die Treffergenauigkeit höher.

Dax mit signifikanten Saisonmustern im Januar und September

Zu ähnlichen Ergebnissen sind die Analysten übrigens auch bei der Auswertung des Dow Jones Industrial Average gekommen. Auch hier zeigt sich ein klares Saisonmuster für den Monat Juni; für den Monat November ist allerdings kein statistisch signifikantes Ergebnis zu beobachten, dafür ist der September ein Monat mit einem statistisch signifikanten negativen Saisoneffekt. Im Monat November zeigt sich zwar auch eine positiv vom Erwartungswert abweichende Median-Performance, doch ist dieses Ergebnis nach strengen statistischen Kriterien laut M.M. Warburg nicht mehr als signifikant einzustufen. Trotzdem spreche auch hier einiges dafür, dass es sich hier nicht nur um einen Zufall handele.

Mit Blick auf den Dax lassen sich signifikante Saisonmuster seit 1965 nur für den Januar und den September zeigen, während die Monate Juni und November zwar ähnliche Muster wie in Amerika aufweisen, diese jedoch aus statistischer Sicht nicht signifikant sind. Setzt man die Median-Performance in Relation zur Streuung der Performance, um eine Kennzahl für die Verlässlichkeit des Saisonmusters zu erhalten, erscheint nur der September als Monat mit einem signifikanten Ergebnis - der Januar scheitert knapp am Signifikanztest, so die M.M. Warburg-Analysten.

Existenz von Saisonmustern ist wahrscheinlich

Am Ende der Studie stellen die Experten fest, dass vor dem Hintergrund der Berechnungen die Existenz von Saisonmustern zwar nicht bewiesen werden könne, aber doch sehr wahrscheinlich sei. Allerdings ließen sich Saisonmuster nicht verlässlich über das ganze Jahr beobachten, sondern nur in wenigen Monaten. Die alte Börsenregel „Sell in May and go away“ erweist sich demnach als prinzipiell richtig.

Trotzdem wäre es nach dem Urteil von M.M. Warburg verwegen, allein auf Basis von Saisonmustern Entscheidungen in der Asset Allocation zu treffen. Auch ein als signifikant erkanntes Saisonmuster tritt nicht regelmäßig auf. Nimmt man beispielsweise den Monat Juni, so war die Performance im S&P in diesem Monat auch nur in 52 Prozent der Fälle negativ - eine erfolgreiche Handelsstrategie ließe sich damit nicht aufsetzen. Auch die teils beobachteten Saisonmuster im November sollten nicht die einzige Motivation sein, derzeit in Aktien investiert zu sein, sondern können neben dem Argument der Liquidität allenfalls als „Flankierung“ in der Argumentation genutzt werden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: M.M.WARBURG & CO INVESTMENT RESEARCH

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