Web 2.0

Der Index zum Trend

07. November 2006 Typisch deutsch, könnte man meinen. Jetzt gibt es schon so eine basisdemokratische Veranstaltung wie das „Web 2.0“, also die Möglichkeit für jedermann, im Internet eifrig selbstproduzierte Inhalte zu publizieren und ungehemmt miteinander zu kommunizieren. Und jetzt muß das Phänomen mit deutscher Gründlichkeit verwaltet werden - mit einem „Web 2.0-Komitee“.

Kein Scherz: Die Stuttgarter Börse legt einen „S-Box Web 2.0 Performance-Index“ auf, und für diesen braucht es ein entsprechendes Gremium. „Entscheidungen über die Zusammensetzung des S-Box Web 2.0 sowie notwendige Anpassungen des Regelwerks fällt das Web 2.0-Komitee, das paritätisch von Mitarbeitern der Zertifikate Journal (Schweiz) AG und der Börse Stuttgart AG besetzt ist“, heißt es in einem Leitfaden, den die Börse auf ihrer Website veröffentlicht. Die Entscheidungshoheit in Sachen Web 2.0 behalten übrigens die Schwaben: „Bei Stimmengleichheit im Komitee entscheidet die Börse Stuttgart AG.“

Die Deutsche Bank hat schon ein Zertifikat aufgelegt

Doch die Stuttgarter werden den Index nicht aufgelegt haben, damit sie in einem „Web 2.0-Komitee“ das Sagen haben. Die Börse will Geld verdienen - und tut dies, indem sie Lizenzen zur Nutzung des Index für Derivate anbietet. Die Deutsche Bank hat schon zugegriffen und sogleich ein Zertifikat zum Internet-Trendthema Nummer eins auf den Markt gebracht (Isin DE000DB8BTR8).

Doch was steckt eigentlich hinter dem neuen Index? „Der Index besteht aus Unternehmen, die besonders für das immer beliebter werdende 'Mitmach-Internet' Web 2.0 stehen“, erläutert die Börse auf ihrer Website. „Gemeint sind zum Beispiel das Angebot von Online-Tagebüchern, Musikdownloads oder Videos sowie das Betreiben von Portalen, wobei besonders deren Personalisierbarkeit die Attraktivität für den User ausmacht.“

In den Kursen steckt jede Menge Phantasie

Seit Mitte Oktober läßt sich also nachvollziehen, wie sich das Web 2.0 an der Börse entwickelt. Für ein Urteil ist es nach wenigen Wochen natürlich noch zu früh. Doch eines läßt sich mit Sicherheit sagen: In den Kursen der ausgewählten Unternehmen steckt jede Menge Phantasie, die das Aufwärtspotential erheblich begrenzt, selbst wenn die Wachstumsmöglichkeiten nach wie vor gut sind.

Größter von neun Werten im Index ist Google (siehe auch FAZ.NET-Tabelle). Seit der 1,6 Milliarden Dollar teuren Übernahme des Video-Portals YouTube darf sich das Unternehmen an der Web-2.0-Spitze wähnen. Doch Google muß erst noch beweisen, daß es mit YouTube Geld verdienen kann - sonst hätten sich die Milliarden schließlich nicht gelohnt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der Gewinnschätzung für 2007 beträgt stolze 34,8.

Viele Charts konnten jüngst nicht überzeugen

Zweitgrößter Wert ist Yahoo. Dessen Chart zeigt seit Monaten nach Süden, die Bewertung ist mit einem KGV von 44,6 für 2007 immer noch stattlich. Yahoo hat sich das Fotoalbum Flickr einverleibt und darf darum als Web-2.0-Wert gelten.

Weitere bekannte Werte im Index: das Auktionshaus Ebay (KGV 2007: 26,3), das Medienunternehmen News Corp (KGV 2007: 17,6), das sich jüngst die Online-Kontaktbörse My Space einverleibt hat, und der Internet-Händler Amazon.com (KGV 2007: 54,8). Der News-Corp-Chart sieht gut aus, die anderen waren in den vergangenen Monaten eher enttäuschend.

Web 2.0 ist toll - aber noch nicht zum Geldverdienen

Ein Gewicht von jeweils rund fünf Prozent haben daneben vier japanische Unternehmen: Mixi (KGV 2007: 66,9) ist eine Art virtueller Kummerkasten, Dena (KGV 2007: 51,5) betreibt eine Auktions- und Shopping-Website, Cyberagent (KGV 2007: 38,7) verkauft Werbung im Internet, und Kakaku.com (KGV 2007: 34,2) ist ein großes Preisvergleichs-Portal.

Alles in allem besteht der Index also aus Aktien von Unternehmen, die auf verschiedenste Weise - wenn zum Teil auch nur am Rande - vom Web-2.0-Trend profitieren wollen. Zumindest die reinen Internet-Unternehmen sind durch die Bank stattlich bewertet. Sie bieten zwar Wachstumsphantasie. Doch daß sich mit Web-2.0-Angeboten gutes Geld verdienen läßt, ist noch nicht ausgemacht.

Für Anleger könnte da ein Schluß naheliegen: Web 2.0 ist toll - um Videos anzuschauen, Gleichgesinnte zu treffen oder Bilder auszutauschen. Geld verdienen können sie woanders.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @bemi
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

 

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