Schwellenländer

Chinas Börse überbewertet auf Rekordhoch

14. August 2007 China hat ein Inflationsproblem. Das zeigt sich nicht an der Entwicklung der offiziell ausgewiesenen Inflationsrate, sondern auch an den Börsenkursen.

Die Inflationsrate ist im Juli nach 4,4 Prozent auf Jahresbasis im Vormonat auf 5,4 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit zehn Jahren gestiegen. Der Anstieg der Konsumentenpreise ist vor allem auf die starke Zunahme der Nahrungsmittelpreise zurückzuführen. Nahrungsmittel stellen mehr als ein Drittel des Bemessungskorbs.

Inflationsrate zieht deutlich an - vor allem die Nahrungsmittelpreise steigen

Das ist bemerkenswert. Denn da in China trotz des schon seit Jahren anhaltenden Booms noch große Bevölkerungsteile relativ geringe Einkommen erzielen, können deutlich steigende Lebenshaltungskosten - vor allem im Nahrungsmittelbereich - zu Unruhen führen. Aus diesem Grund dürfte der Regierung daran gelegen sein, die Preisentwicklung unter Kontrolle zu halten. Experten rechnen deswegen damit, dass sie künftig noch restriktiver als bisher werden wird, um das außer Kontrolle geratene Wirtschaftswachstum zu bremsen.

So dürften nicht nur die Zinsen weiter angehoben werden und andere restriktive Maßnahmen ergriffen werden müssen. Viele Beobachter rechnen zudem damit, dass man auch die Währung rascher als bisher aufwerten lassen könnte. Nicht nur die entsprechenden Erwartungen sind hoch, sondern auch der Druck aus den Vereinigten Staaten. Nach den am Dienstag veröffentlichten Zahlen ist zwar das amerikanischen Handelsbilanzdefizit mit einem Minus von 58,1 Milliarden Dollar im Juni etwas schwächer ausgefallen, als erwartet. Allerdings nahm das Defizit im Handel mit China weiter zu. Trotzdem hat sich jedoch die Aufwertungsbewegung des chinesischen Yuans in den vergangenen Wochen abgeschwächt. Sie bewegt sich schon seit etwa vier Wochen zwischen 7,5610 und 7,5815 Yuan je Dollar.

Zum Börsenkurs

Das dürfte überzogene Aufwertungshoffnungen ebenso etwas dämpfen, wie die Tatsache, dass chinesische Unternehmen ab sofort in unbegrenzter Höhe Reserven in Fremdwährungen aufbauen könne. Noch bis vor kurzem galt dagegen ein staatlich verordnetes Limit in Höhe von 50 Prozent der Jahresinvestitionen. Ziel der Maßnahme ist es, die aufgeblähten Barreserven der Firmen zu begrenzen, die derzeit die Inflation antreiben. Die Summe wird derzeit auf 1,33 Billionen Dollar geschätzt. Die neue Regelung solle den Gebrauch und den Handel von Geldern in fremden Währungen erleichtern, heißt es zur Erklärung auf der Webseite der staatlichen Fremdwährungsbehörde State Administration for Foreign Exchange (SAFE). Auf diese Weise werden die hohen Mittelzuflüsse und damit das Wachstum der Devisenreserven gedämpft, die aufgrund der relativ starren Währung einerseits und der hohen Handelsbilanzüberschüsse andererseits entstehen.

Vermögenspreisinflation an der Börse des Landes

Auch die Entwicklung der Börsen des Landes dürfte inzwischen Kopfzerbrechen bereiten. Denn während es an beinahe allen Börsen weltweit in den vergangenen vier Wochen zu deutlichen Turbulenzen kam, hat der Shanghai Stock Exchange Composite Index seit Anfang Juli knapp 35 Prozent auf einen Rekordwert von zuletzt 4.872,78 Zählern zugelegt. Auf Sicht von zwei Jahren legte er satte 380 Prozent zu. Der kurzfristige Trend zeigt weiterhin nach oben.

Nach den massiven Kursgewinnen ist inzwischen eine ganze Reihe chinesischer Unternehmen unter den nach Börsenwert größten Unternehmen der Welt zu finden. Mit einer Marktkapitalisierung von 210,1 Milliarden Euro wird beispielsweise die Industrial & Commercial Bank of China nur noch von zwei amerikanischen Konzernen übertroffen, nämlich von Exxon Mobil und General Electric. Unter den Banken liegt die ICBC bereits ganz vorne, die zweitplazierte Citigroup folgt mit einem Marktwert von 233,8 Milliarden Dollar in deutlichem Abstand. Allerdings lag der Gewinn der amerikanischen Großbank vergangenes Jahr dreimal höher als bei der ICBC.

Insgesamt ist die Marktkapitalisierung der in Schanghai und Shenzhen notierten Unternehmen in diesem Jahr um 1,65 Milliarden Dollar oder umgerechnet 1,21 Milliarden Euro gewachsen - so viel, wie die Börsen von Indien und Singapur zusammen wert sind. Allerdings hat die Entwicklung eine Schattenseite: Die chinesischen Aktien sind inzwischen sehr hoch bewertet. Das deutet nach Ansicht vieler Experten darauf hin, dass der Aufschwung bald stocken könnte. So liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien im Shanghai Stock Exchange Composite Index bei satten 50. Das ist fern aller Realität, denn ein akzeptables Verhältnis liegt bei 15 oder weniger.

Das deutet darauf hin, dass die Aktien deswegen nach oben getrieben wurden, da es keine oder nur unattraktive Anlagealternativen gab. Eine Nominalrendite chinesischer Anleihen von 4,31 Prozent ist bei einer hohen und vor allem auch steigenden Inflationsrate uninteressant. Insgesamt dürfte man bei allem Optimismus die gesamte Entwicklung in China aufgrund der entstehenden und immer größer werdenden Ungleichgewichte kritisch betrachten müssen. Immerhin nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass sie auch zu politischen Konflikten führen wird. Darauf deutet die Aufrüstung des Landes ebenso hin wie die jüngste Drohung, bei amerikanischem Protektionismus einfach amerikanische Wertpapiere auf den Markt zu werfen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, NBS, DekaBank

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