Devisenmarkt

Amerikanische Finanzwerte noch nicht aus dem Schneider

04. Juni 2008 Wenn die Kursentwicklung von Banken und anderen Finanzunternehmen als vorlaufende Indikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region genommen werden kann, so steht es nicht gut um die Vereinigten Staaten und Großbritannien.

Denn in diesen Regionen mussten die Papiere auch in den vergangenen Monaten massive Kursverluste hinnehmen. In Großbritannien stürzten in den vergangenen Tagen die Papiere von HBOS förmlich ab. Auf Sicht einer Woche haben sie 21 Prozent ihres Wertes verloren. Das dürfte angesichts der Immobilienkrise in Großbritannien kaum noch jemanden überraschen.

Papiere von Lehman Brothers unter Druck

In den Vereinigten Staaten stehen die Papiere von Lehman Brothers massiv unter Druck. Seit Januar des vergangenen Jahres haben sie rund 65 Prozent ihres Wertes verloren, allein seit Beginn des laufenden Jahres ging es um knapp 35 Prozent auf zuletzt 30,61 Dollar nach unten. Bei anderen Unternehmen der Branche sieht es nur unwesentlich besser aus.

Auch das dürfte kaum verwundern. Diese Unternehmen befinden sich aufgrund der andauernden Immobilien- und Kreditkrise weiterhin in der Defensive. Sie dürften in den kommenden Monaten mit großer Wahrscheinlichkeit mit weiteren Abschreibungen aufwarten, da sie genau diese in den vergangenen Monaten mit allen nur denkbaren Tricks verhindert haben. So gibt es noch immer große Positionen außerhalb der Bilanzen. Einige dieser problembehafteten Papiere wurden an Investoren verkauft, um sie nicht ausweisen zu müssen. Das wurde von den Finanzmärkten derzeit positiv aufgenommen, obwohl die Banken nun Kredite in den Büchern haben, mit denen sie genau solche Transaktionen finanzierten. Auf diese Weise dürfte sich die Qualität der Bilanz jedoch in der Substanz kaum verbessern.

Auf der anderen Seite schönten zumindest die amerikanischen Banken ihre Gewinne, indem sie Kursverluste der eigenen Verbindlichkeiten in Form von Anleihen als Scheingewinne ausweisen konnten. Solche Manöver, die nach dem Statement 159 des amerikanischen Financial Accounting Standards Board legal sind, versetzten sie in die Lage, trotz Abschreibungen in Milliardenhöhe zumindest optisch eine robustere Gewinnentwicklung ausweisen zu können, als die tatsächliche Lage rechtfertigte.

Optisch geschönte Bilanzen - zunehmender Verschuldungsgrad

Das funktioniert so: Man wähle eine Anleihe mit einem Volumen von 100 Millionen Dollar, die man früher begeben hat und unterwerfe sie der Mark-to-market-Bewertung. Fiel der Preis aufgrund der Kreditkrise von 100 Cents auf 75 Cents, so lässt sich daraus nach Statement 159 optisch ein Gewinn von 25 Millionen Dollar ableiten, da die Papiere günstig zurückgekauft werden könnten. Die Tatsache, dass das Unternehmen die notwendige Liquidität dafür möglicherweise gar nicht hat, spielt keine Rolle.

Faktisch hat der Verschuldungsgrad der amerikanischen Banken, gemessen am Verhältnis zwischen Bilanzsumme und ausgewiesenem Eigenkapital, in den vergangenen Monaten trotz solcher Buchungsmanöver deutlich zugenommen. Das trifft in erster Linie auf Merrill Lynch, Morgan Stanley und Lehman Brothers zu, bei denen die Quoten deutlich über 30 Prozent liegen.

Noch kritischer sieht die Lage bei den Hypothekenriesen Freddie Mac und Fannie Mae aus. Diese beiden halbstaatlichen Institutionen werden von Anlegern zwar immer so behandelt, als ob sie sich auf eine Garantie des Staates verlassen könnten. Formell gibt es eine solche jedoch nicht. Faktisch stehen diese beiden Unternehmen mit dem Rücken zur Wand, beide brauchen dringend frisches Kapital. Wäre Freddie eine normale Bank, müsste sie das Kernkapital angesichts der eingegangenen Positionen und Risiken von jetzt 43 auf 135 Milliarden Dollar aufstocken, erklären kritische Analysten.

Insgesamt wird die prekäre Lage der gesamten Branche vor allem in der angelsächsischen Region klar. Sie dürfte sich auch dann nicht sonderlich zügig entspannen, wenn die Unternehmen tatsächlich frisches Kapital aufnehmen können. Denn dann stellt sich immer noch die Frage, welches Wachstum sie künftig erzielen können. Der Boom der vergangenen Jahre lässt sich kaum wiederholen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: A. Gary Shilling's Insight, Wall Street Journal, FAZ.NET

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