Schwellenländer

Chinas Finanzmarkt steht auf schwachen Füßen

Von Christoph Hein

26. Oktober 2006 Zwei Ereignisse lenken den Blick in diesen Tagen auf den chinesischen Finanzmarkt: Mit der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) wagt China den größten Börsengang der Welt. 21,9 Milliarden Dollar oder 17,4 Milliarden Euro soll die Emission bringen. Sie erfolgt noch rechtzeitig, bevor Peking Ende Dezember unter den Regeln der Welthandelsorganisation gezwungen ist, weite Teile des Bankensektors Ausländern zu öffnen und ihnen Geschäfte in der Landeswährung Yuan zu erlauben. Zwar werden sie dies nur in verhältnismäßig kleinen Schritten vorantreiben. Aber der Eintritt der erfahrenen Banken aus dem Ausland und die überbordende Nachfrage nach ICBC-Aktien - Investoren boten mehr als eine halbe Billion Dollar für deren Papiere - sprechen vom Interesse am Wachstumsmarkt China. Diese Avancen aus dem Westen freilich drohen den wahren Zustand des chinesischen Bankwesens zu verschleiern.

"Gemessen am weltweiten Standard, steht es auf schwachen Füßen", sagt Michael Petit, Geschäftsführer bei der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's in Tokio. "Chinas Bankensystem bleibt in Hinblick auf die Qualität der Anlagen, der Unternehmensführung, des Risikomanagements, des internen Kontrollsystems, der Transparenz und der Finanzstärke hinter praktisch allen Märkten in Industrie- und Schwellenländern zurück." Das wissen auch die Chinesen - nur sagen sie es nicht immer so offen wie Wu Xiaoling, die stellvertretende Gouverneurin der Zentralbank: "In Hinblick auf Unternehmensführung, Geschäftsmodelle und Risikokontrolle herrscht ein riesiges Gefälle zwischen den chinesischen Staatsbanken und den guten ausländischen Banken", stellt sie fest. Das sieht Liu Mingkang, der weltgewandte Präsident (Chairman) der Bankenaufsicht, so: "Die chinesischen Banken müssen ihre Arbeit und ihre Risikokontrolle noch weit verbessern und sich durch tiefgreifende Änderungen den neuen Bedingungen anpassen", mahnt er.

Wie hoch ist der Berg der Problemkredite, auf dem die chinesischen Banken sitzen?

Allerdings hat Peking vieles getan, damit sich die Lage bessert. In den vergangenen Jahren hat die Regierung weder Kosten noch Mühen gescheut, die vier großen Staatsbanken herauszuputzen. Massive Finanzspritzen aus dem Topf der chinesischen Währungsreserven, der Aufbau von Auffanggesellschaften für faule Kredite und die rasant anschwellenden Kreditbücher haben die Zahl uneinbringlicher Kredite im Vergleich zum Gesamtvolumen deutlich fallen lassen. So hat Peking 2004 allein 45 Milliarden Dollar in die Bank of China (BOC) und die China Construction Bank (CCB) gepumpt. ICBC erhielt im vergangenen Jahr 15 Milliarden Dollar. Faule Kredite im Wert von 85 Milliarden Dollar durfte sie auf die staatlichen Auffanggesellschaften überschreiben und somit dem Steuerzahler überlassen. Offiziellen Zahlen zufolge hat sich die Unterstützung Pekings für seine Banken seit 1998 auf rund 400 Milliarden Dollar summiert - etwa 18 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des vergangenen Jahres.

Vor diesem Hintergrund sorgte der Fall von Lonnie Dounn für Aufregung: Als erster ausländischer Spitzenmanager wechselte er von der HSBC zu einer chinesischen Staatsbank - scheinbar ein Coup für die BOC. Doch Dounn, dort neuer Chief Credit Officer, kündigte nach einem knappen Jahr und noch vor dem Börsengang. So vermied er, munkelt man in der Branche, den Börsenprospekt über die Lage der Bank zu unterzeichnen.

Unbeantwortet muß die Frage bleiben, wie hoch der Berg der Problemkredite ist, auf dem die chinesischen Banken sitzen. Die Unternehmensberatung Ernst & Young schätzte die Höhe auf rund 900 Milliarden Dollar. Nach lauten Protesten aus Peking zog sie den Bericht zurück. Petit rechnet mit bis zu 650 Milliarden Dollar, die Konkurrenz von Fitch Ratings mit 670 Milliarden Dollar, davon seien 220 Milliarden Dollar uneinbringlich. Die offizielle Pekinger Buchführung hält nur insgesamt 225 Milliarden Dollar für gefährdet. "Bei acht der führenden 17 Geschäftsbanken würden die geschätzten Kreditausfälle die Reserven verzehren und die Kapitalbasis angreifen, bei fünf weiteren wäre das gesamte Kapital vernichtet", kontert Fitch-Analyst David Marshall.

Die Problemkredite sind eine tickende Zeitbombe

Auch wenn sich deren Werte nicht genau bestimmen lassen, so viel ist klar: Die Problemkredite sind eine tickende Zeitbombe. "Die Aufgabe, die uns nicht ruhen läßt, bleibt, zu verhindern, daß die Zahl uneinbringlicher Kredite wieder steigt", räumt Frau Wu ein. Denn dank des Wirtschaftswachstums von offiziell 10,7 Prozent in den ersten neun Monaten des Jahres und dank der hohen Währungszuflüsse investieren Staat und Unternehmen, unterstützt von Bankkrediten. So haben die Banken in den ersten sieben Monaten des Jahres neue Kredite für 2,35 Billionen Yuan ausgegeben. Damit reichten sie bis Juli 94 Prozent der Kreditsumme aus, die die Zentralbank für das gesamte Jahr 2006 veranschlagt hatte.

Die Blase, die hier genährt wird, könnte platzen, sobald die Wachstumskurve des Landes sich abflacht. "Die Herausforderung für Chinas Banken liegt, angesichts des unterentwickelten Risikomanagements und des Mangels interner Kontrollen, in der Entstehung neuer fauler Kredite", umreißt Marshall die Lage. Bläst ihnen der Wind erst ins Gesicht, haben Chinas Banken aufgrund ihrer schmalen Gewinnmargen, ihrer Abhängigkeit vom Zinsgeschäft und ihrer Unterkapitalisierung kein ausreichendes Polster. Das muß auch Liu einräumen: "Ende April haben wir 28 000 Banken in China gezählt. Die Zahl der Institute, die die Mindestreserveanforderungen von 8 Prozent erfüllen, ist von acht 2003 auf 53 im vergangenen Jahr gestiegen." Das ist zwar ein großer Sprung nach vorn, aber ein Desaster, gemessen an den Notwendigkeiten.

Dabei sind die Banken nur ein Teil des Finanzmarktes. "Es muß eine Reformagenda her, die alle Bereiche des Marktes umfaßt. So sind einige Probleme der Bankbranche direkt verbunden mit dem Aktienmarkt, dessen Unterentwicklung wiederum teilweise daher rührt, daß Pensionsfonds zum Beispiel kaum vorhanden sind", heißt es in einer Studie des Global Institute der Unternehmensberatung McKinsey. Völlig unterentwickelt ist der Anleihemarkt. "Die billigen Bankkredite zügeln den Appetit der Unternehmen auf Bonds und Aktien. Also hängt die Entwicklung des chinesischen Kapitalmarktes davon ab, wann die Banken zu risikobasierten Preisen für Kredite finden", heißt es bei McKinsey.

Beispiel Aktienmarkt: Die Aktie von ICBC ist im internationalen Vergleich nicht preiswert - trotz der offensichtlichen Schwächen der Bank. Gleichwohl nehmen es ausländische Investoren begeistert an: "Das Marktpotential auf der einen Seite, die beschränkte Zahl von Übernahmekandidaten auf der anderen, darf man wohl von weiter steigenden Preisen für Investitionen der Ausländer ausgehen. Aber zugleich weiß niemand, wie sich diese Investitionen in der Zukunft entwickeln werden", sagt Horst Löchel, Direktor des Shanghai International Banking and Finance Institute. In diesen Tagen erscheint ein von ihm herausgegebenes Buch, verfaßt von deutschen Bankern in China, über den dortigen Markt.

Auch die Chinesen selber kaufen die ICBC-Papiere. Schon deshalb, weil sie praktisch keine Alternative zur Vorsorge haben: Der Markt für Lebensversicherungen ist, gemessen an der schnell alternden Bevölkerung, unterentwickelt. Und die Staatskonzerne bieten keine verläßliche Versorgung mehr. Zudem wissen die Chinesen, daß die Regierung es sich nicht leisten kann, die größte Bank des Landes fallenzulassen. Und sie glauben, daß die Ausländer, die in Hongkong kaufen, wissen, was sie tun. Damit stacheln sich beide Käufergruppen gegenseitig an.

Vor diesem Hintergrund steigt der Wert chinesischer Aktien seit Jahresbeginn wieder deutlich. Ohne Zweifel sind die Börsen eine der Erfolgsgeschichten des chinesischen Finanzmarktes. In den vergangenen 15 Jahren hat die Ausgabe von A-, B-, H-Aktien und sogenannten Red Chips 1700 Unternehmen rund 239 Milliarden Dollar eingebracht. Im Vergleich dazu liegen die so bestaunten Auslandsinvestitionen in China bei nur 600 Milliarden Dollar. Und doch muß, wer hier investiert, wissen, daß der Markt jung und unkontrolliert ist: Erst nach 1978 begannen zunächst ländliche Kooperativen, Dividenden auf "Anteilsscheine" auszuschütten, die sie "Gu", "Aktien", nannten. 1979 nickte der Staatsrat die neue Praxis ab. Innerhalb von sechs Jahren schwoll die Zahl der Aktiengesellschaften auf fast 7000 an. Deren Qualität indes ist weit entfernt von westlichen Standards.

Märchen vom Dauerwachstum in China?

Angesichts des Ansturms auf die ICBC-Aktien spricht ein führender Berater in China, der verständlicherweise nicht genannt werden will, von Lemmingen, die einer - falschen - Legende zufolge zum Massenselbstmord neigen. Er sei erschrocken, sagt der Berater, daß die Vorstände aus dem Westen auch 2006 noch an das "Märchen vom Dauerwachstum in China" glaubten. Manche überschätzen den Markt. Doch gibt es handfeste Gründe für einen Einstieg: "Im Prinzip ist China wahrscheinlich einer der besten Orte der Welt für das Bankgeschäft. Nicht nur wegen der Größe des Marktes, sondern auch deshalb, weil sein gesamtes Finanzsystem von Banken getrieben ist", sagt Löchel. Während nur 15 Prozent des Wachstums durch Staatsanleihen und nur ein Prozent durch Unternehmensanleihen finanziert werden, rühren 80 Prozent aus Bankkrediten. Im März dieses Jahres hatten die Chinesen 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf Sparkonten liegen.

"Die Lektion ist klar: Chinas wirtschaftlicher Aufschwung ist trotz unserer zugrunde liegenden Finanzinstitutionen entstanden - nicht mit ihrer Hilfe, wie es natürlich hätte sein müssen", sagt Chan Yuan, Gouverneur von Chinas Entwicklungsbank. Wenige Akteure dominieren das Bankwesen: Immer noch liegen 53 Prozent des Marktes in Händen der vier Staatsbanken - von denen die Agricultural Bank of China in so miserablem Zustand ist, daß sie sich vor der Marktöffnung nicht an die Börse traut.

Trotz des Drangs nach China darf das Engagement der Ausländer nicht überschätzt werden: Mit HSBC, Citibank und Standard Chartered dominieren drei Auslandsbanken praktisch sämtliche Geschäftsfelder. Nach Angaben der Zentralbank besaßen Ende Juni 71 ausländische Banken 214 Niederlassungen oder Repräsentanzen in China. Der Marktanteil aller ausländischen Banken in der Volksrepublik aber ist nur von 1,8 Prozent im Jahr 2001 auf 2 Prozent Ende 2005 gestiegen. Investiert haben sie dafür, gemessen an ihrer Finanzkraft, wenig: 26 Auslandsbanken steckten knapp 18 Milliarden Dollar in 18 chinesische Geldhäuser. So sind bis heute die Bank of America mit ihrem Einstieg bei der CCB (2,5 Milliarden Dollar) und Goldman Sachs mit einem Anteil an ICBC (2,6 Milliarden Dollar) die beiden größten Auslandsinvestoren. Für sie war das bislang kein schlechtes Geschäft: Zumindest die Buchwerte ihrer Anteile liegen dank der Börsengänge bei einem Mehrfachen des Einstiegspreises. Verkaufen dürfen ihre Aktien aber bis 2009 nicht.

Text: F.A.Z., 27.10.2006, Nr. 250 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET

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