Schwellenländer

Chinas Börsen öffnen sich für Neuzugänge

Schanghaier Börse

Schanghaier Börse

02. Juli 2009 China öffnet seine Börse wieder für Erstnotizen. Nach einer Unterbrechung seit September vergangenen Jahres genehmigt die Börsenaufsicht CSRC neue Börsengänge. Allerdings wird Peking keine Flut zulassen - zunächst wird der Markt auf die Probe gestellt.

Zugleich wolle die Regierung nun ausländische Unternehmen davon überzeugen, an den chinesischen Markt zu gehen, erklärte das Handelsministerium am Donnerstag. Als erster Kandidat gilt die britische Bank HSBC, die in Asien überaus stark auftritt und schon in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong börsennotiert ist. Es wäre eine Rückkehr: HSBC eröffnete seine Filiale in der Handelsmetropole Schanghai vor gut 150 Jahren.

Erlös von mindestens 100 Milliarden Yuan erwartet

Ohne dass Einzelheiten klar wären, erwarten Analysten für die erste Runde neuer chinesischer Börsengänge einen angestrebten Erlös von mindestens 100 Milliarden Yuan (10,4 Milliarden Euro). Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young schätzen den Betrag für Festlandchina und Hongkong sogar auf umgerechnet 39 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Aufgrund der Krise besteht Nachholbedarf: In Asien außerhalb Japans brachten Börsengänge in der ersten Jahreshälfte 2008 noch 14,3 Milliarden Dollar ein. Zwischen Januar und Juni dieses Jahres aber lag der Vergleichswert bei gerade einmal 3,36 Milliarden Dollar.

Das Zögern der chinesischen Regierung dokumentiert ihre Gratwanderung zwischen der Reaktion auf die Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten und dem Abwürgen des Aufschwungs durch ein zu frühes Überangebot. Seit Jahresbeginn hat der Shanghai Composite Index gute 65 Prozent gewonnen. Er hat sich in den vergangenen Jahren aber als extrem volatil erwiesen: Nachdem er im Oktober 2007 ein Allzeithoch von 6124 erreicht hatte, stürzte er in Jahresfrist auf 1680 Punkte. Derzeit notiert er um die 3000 Zähler.

Mitte vergangenen Monats hatten die beiden innerchinesischen Handelsplätze in Schanghai und Shenzhen neue Regeln für Börsengänge erlassen. Spätestens da waren sich die Anleger sicher, dass es bald Neuzugänge auf dem Parkett geben werde. "Die Behörden werden zunächst das Wasser ausloten, indem sie einige kleine Börsengänge zulassen. Mehr wird erst kommen, wenn die positiv verlaufen", sagt Li Nian, Analyst von Shenyin Wanguo in Schanghai. Vor dem - nie offiziell erklärten - Moratorium ab dem Herbst vergangenen Jahres standen schon 32 Unternehmen Schlange, die eine vorläufige Zulassung zum Börsengang in China erhalten hatten. Mehr als 300 Unternehmen stecken seit einem Jahr im Zulassungsprozess, der nicht weiterging.

Es fließt viel geliehenes Geld an die chinesische Börse

Nun aber wittern sie Morgenluft: Der Hersteller von Kräutermedizin Guilin Sanjin Pharmaceutical, der den ersten Börsengang in Shenzhen in diesem Jahr plant, erklärte gerade, sein Börsengang sei 584 Mal überzeichnet. Zhejiang Wanma Cable, Produzent von Kabeln, hat seine Zielsumme aus dem Börsengang in Shenzhen gerade um 68 Prozent auf 575 Millionen Yuan erhöht. Am 8. Juli soll die Supermarktkette Your-Mart folgen, die 500 Millionen Yuan erzielen will. Am wichtigeren Börsenplatz, in Schanghai wird Sichuan Expressway die Nummer eins in diesem Jahr sein. Der Betreiber von Gebührenstraßen will mindestens 1,4 Milliarden Yuan einnehmen.

Nimmt der Markt diese mittleren Börsengänge positiv auf, könnten dann größere Unternehmen zum Zuge kommen wie China State Construction Engineering, Everbright Securities und China Merchants Securities. In der Folge dürften mehr und mehr festlandchinesische Unternehmen, die aber an der Börse der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong mit sogenannten „Red Chips“ notiert sind, den Markt in Festlandchina anzapfen, allen voran die Telefongesellschaft China Mobile. Diese Unternehmen, die den Gang an die Börse der gut geführten Finanzmetropole längst hinter sich haben, gelten den Festlandchinesen als verlässliche Anlageobjekte. Denn sie dürften besser geführt sein als die meisten innerchinesischen Aktiengesellschaften.

Da sich die wirtschaftliche Stimmung in China merklich aufhellt, scheint der Augenblick für eine Wiedereröffnung des Parketts für Neulinge günstig. Der offizielle Index der chinesischen Einkaufsmanager, der deren Zuversicht misst, notierte im Juni im vierten Monat in Folge im Bereich über 50. Oberhalb dieser Schallmauer ist von Wachstum auszugehen. Immer deutlicher sagen Regierungsmitglieder, dass der Zielwert von 8 Prozent Wirtschaftswachstum in China in diesem Jahr erreicht werde. Allerdings besteht die Sorge, dass noch mehr geliehenes Geld an die Börse fließen wird - denn viele Anlagemöglichkeiten bleiben den Chinesen nicht. So war die Summe der Neukredite, die allein die vier führenden Staatsbanken mit 497 Milliarden Yuan im Juni ausgaben, doppelt so hoch wie noch im Mai.

Text: che., F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

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