Börse Schanghai

Das größte Wettbüro der Welt

Von Christoph Hein

Schock in Schanghai: sinkende Kurse soweit das Auge reicht

Schock in Schanghai: sinkende Kurse soweit das Auge reicht

04. März 2007 Sie ist das größte und edelste Wettbüro der Welt: In blauem Glas, die Böden aus Marmor, polierter Stahl als Zierde, steht die Börse Schanghai inmitten der Wolkenkratzer. Sie ist Kernstück der Wirtschaftsmetropole des neuen Chinas, ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft, ein Monument. Doch das Monument hat Risse im Sockel.

„Wir haben uns in den Markt eingekauft wie all unsere Nachbarn“, sagt Zhang Xiaoxian, der fast 60-jährige Werftarbeiter. 5000 Yuan (489 Euro), einen guten Batzen seiner Ersparnisse, hat er zum Broker gebracht. „Der hat uns ein Paket von zehn Aktien zusammengestellt“, erzählt Zhang. „Wir denken, dass es Gewinn bringen wird. Unser Land wächst doch unaufhörlich.“ So denken immer mehr Chinesen. Gut 6500 neue Depots wurden im vergangenen Jahr in Schanghai angelegt - pro Tag.

„Es gibt Probleme. Der Markt ist voll von Anfängern“

Für erfahrene Anleger wie neue Spekulanten aber wurde die vergangene Woche zur Achterbahnfahrt: Am Montag markierte der Index in Schanghai und Shenzhen, der zweiten festlandchinesischen Börse, einen Rekord. Am Dienstag brach er um 8,8 Prozent ein. Während die Börsen rund um die Welt seitdem bluten, holten die Aktien in China ihre Verluste wieder auf. Ist das eine gesunde Entwicklung?

„Wenn sich schon Taxifahrer und Verkäufer Geld leihen, um Aktien zu kaufen, gibt's Probleme. Der Markt ist voll von Anfängern, die nur darauf warten, geschlachtet zu werden“, sagt Börsenguru Jim Rogers, der inzwischen mit Rohstoffen handelt. Andere bemühten sich um Schadensbegrenzung: „Der Einbruch ist nicht bedeutend. Wir haben keine ernsten Bedenken in Bezug auf den Aktienmarkt in China. Volkswirtschaftlich betrachtet, gibt es keinen Anlass zur Sorge“, glättet Jonathan Anderson, Chefanalyst für Asien bei der Schweizer UBS, die Wogen.

Dreifaches Manko des chinesischen Aktienmarktes

“Unser Land wächst doch unaufhörlich“: die Skyline von Schanghai

"Unser Land wächst doch unaufhörlich": die Skyline von Schanghai

Das indes sehen viele anders. Denn der chinesische Aktienmarkt leidet unter einem dreifachen Manko: Er basiert auf Unternehmen, die kaum einzuschätzen sind. Er ist teuer. Und er ist abhängig von politischen Entscheidungen. Erst im vergangenen Sommer genehmigte die Regierung wieder Börsengänge, nachdem sie diese über ein Jahr untersagt hatte. Am vergangenen Dienstag waren denn wohl auch Gerüchte über neue Vorschriften, die das Wachstum Chinas dämpfen sollten, der Auslöser für die Gewinnmitnahmen. Schließlich tagt ab dem morgigen Montag der Nationale Volkskongress. Und da weiß man ja nie.

Doch gibt es nicht nur Spekulationen, sondern auch eine Spekulationsblase am Markt: Führende Werte wie die Versicherung China Life verzeichnen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 70. Zum Vergleich: Die Allianz AG kommt auf ein KGV von gerade 10. Schlimmer noch: Festlandchinesische Aktionäre zahlen deutlich mehr für dieselben Aktien wie ihre Gegenüber an der Börse der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong. Neun der 37 an beiden Handelsplätzen geführten Aktien kosten in Festlandchina doppelt so viel wie in Hongkong.

Es bleibt die Hoffnung auf unendliches Wachstum

Börse Schanghai: Kernstück der Wirtschaftsmetropole des neuen Chinas

Börse Schanghai: Kernstück der Wirtschaftsmetropole des neuen Chinas

Trotzdem werden sie gekauft. Den Chinesen in der Volksrepublik bleibt keine andere Wahl, als in Aktien zu investieren. Die Renten brechen weg, weil die Staatskonzerne geschlossen werden. Private Versicherungen gibt es kaum, Anleihen auch nicht, die Zinsen sind niedrig und die Banken überschuldet. Man könnte das Geld unter das Kopfkissen legen. Man könnte es schwarz ins Ausland bringen. Oder aber man wird zum San Hu - zum kleinen Spekulanten. Ist nicht schließlich auch der Nachbar als solcher reich geworden?

Die Sache aber wird dadurch erschwert, dass kaum einer weiß, was er sich da ins Depot legt. Denn in der chinesischen Wirtschaft ist die doppelte Buchführung nur das geringste Vergehen. Es bleibt die Hoffnung auf unendliches Wachstum im Markt der 1,3 Milliarden Menschen als Grund für einen Kauf. Hoffnung aber ersetzt keine Erfahrung.

Börseneröffnung in Schanghai im Dezember 1990

6500 neue Depots im vergangenen Jahr - pro Tag

6500 neue Depots im vergangenen Jahr - pro Tag

„Unser Aktienmarkt hat gerade einmal 20 Jahre für eine Entwicklung gebraucht, für die Industrieländer 200 Jahre benötigt haben“, sagt Professor Dehuan Jin, Direktor des Institutes für Aktienforschung in Schanghai. Erst am 19. Dezember 1990 eröffnete die Börse in Schanghai, im Juli des folgenden Jahres diejenige in Shenzhen.

„Sind Aktienmärkte gut oder nicht? Sind sie gefährlich? Gibt es sie nur im Kapitalismus, oder können auch sozialistische Systeme sie nutzen? Es ist erlaubt, sie auszuprobieren, aber es muss in einer bestimmten Art geschehen“, gab Reformer Deng Xiaoping noch 1992 die Linie vor. Sein Volk indes interessiert sich wenig für verordnete Theorien, sondern ist 15 Jahre später voll investiert. Nur: Eine Bilanz können die wenigsten lesen.

„Investoren sollten sich Gedanken machen“

Genau dies aber macht die Sache gefährlich. Das haben die Politiker in Peking zumindest erkannt. Das Letzte, was sie gebrauchen können, ist der Vermögensverlust von Kleinanlegern - und damit verbunden ein Schwund an Vertrauen. Also tun sie das, was sie in der kommunistischen Partei schon immer getan haben: Sie greifen zum Sprachrohr, machen Propaganda.

Noch Anfang Februar warnte Cheng Siwei, Vize-Chairman des Nationalen Volkskongresses, öffentlich vor dem „Anschwellen einer Blase“ auf dem innerchinesischen Aktienmarkt: „Investoren sollten sich über die Risiken Gedanken machen.“ Daraufhin kürten die Zeitungen den kommunistischen Funktionär zum „chinesische Greenspan“. Denn der frühere amerikanische Notenbankchef hatte vor einer Überhitzung gewarnt. Glauben mochte ihm keiner. Der Crash kam doch.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.03.2007, Nr. 9 / Seite 43
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Machen Sie den Preisvergleich: Mit dem Gastarifrechner von FAZ.NET finden Sie den für Sie günstigsten Anbieter.

Staatsanleihen

Rentenmärkte profitieren nur vorübergehend

Raus aus Aktien, rein in Anleihen, heißt derzeit die Devise an den Finanzmärkten. Denn vielfach wird darauf gerechnet, dass die Zentralbanken angesichts der Korrektur ihre Zinspolitik ändern. Doch diese Gleichung könnte nicht aufgehen.

Devisenmarkt

Yen und Franken holen weiter auf

Spezial Waren am Devisenmarkt die Schwächen von Yen und Schweizer Franken bis vor kurzem noch das Thema, so hat sich das in den vergangenen Tagen geändert. Beide Währungen holen sowohl gegen den Euro als auch den Dollar deutlich auf.

Schwellenländer

Weckruf für den Rückzug?

Rot dominierte an Chinas Börse in den vergangenen Tagen

Alle Welt weiß, dass die Börse in Shanghai einem Spielkasino gleicht. Doch was bedeutet schon ein Einbruch von lächerlichen neun Prozent, nachdem die Börse zuvor vertikal nach oben getrieben wurde? Von Pete Engardio und Christopher Power, BusinessWeek

Interview

„Die Korrektur ist noch nicht abgeschlossen“

Marc Faber

Spezial Trotz des weit verbreiteten Optimismus gingen die Börsen beinahe weltweit in eine Korrektur über. Für Marc Faber kam sie nicht überraschend, hatte er sie prognostiziert. Und sie dürfte noch eine Weile andauern, sagt er im Interview.

Aktienmarkt-Analyse

Kein Vorbote für eine schwache Konjunktur

Der Kursrutsch in China dürfte sich noch etwas fortsetzen. Denn die dortigen Aktien sind noch immer überkauft. Auf die Wirtschaft dürfte sich das aber nicht negativ auswirken, glauben zumindest die Analysten von BCA Research.

Schwellenländer

Chinas Wirtschaft steht auf tönernen Füßen

Spezial Auf keinen anderen Wachstumsmarkt haben die Anleger mit so großer Hoffnung und wachsender Gier geschaut wie auf den chinesischen. Dabei stehen weite Teile der chinesischen Wirtschaft auf tönernen Füßen. Eine Korrektur war überfällig.

Aktienmärkte

Börsen weltweit im Sinkflug

Nachdem in Schanghai die Kurse über Nacht um zehn Prozent eingebrochen waren, reagierten die Aktienmärkte weltweit nervös und mit empfindlichen Abschlägen.

Leitartikel Wirtschaft

Aktienhausse „Made in China“

Chinas Börse steht im Blickpunkt

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie vernetzt die Weltwirtschaft durch die jüngste Globalisierungswelle geworden ist, dann haben ihn die Finanzmärkte jetzt geliefert. Ein Kurseinbruch in China zieht Kreise.

Schwellenländer

Beruhigung in China

Nach der vom chinesischen Markt ausgelösten scharfen Korrektur an den Aktienmärkten am Dienstag bemühten sich offizielle Stellen in China, die Märkte zu besänftigen. Die Regierung habe nicht vor, den Aktienmarkt abzuwürgen, hieß es.

Interview

„Die Leute drängeln sich am Hinterausgang des Carry Trades“

Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas

Sah bis noch vor wenigen Tagen optisch alles gut aus an den internationalen Finanzmärkten, so hat sich das inzwischen verändert. Wie geht es weiter? Währungsstratege Hans Redeker von BNP Paribas wagt im FAZ.NET -Interview einen Ausblick.

Schwellenländer

Chinas Börse: Größter Kursrutsch seit zehn Jahren

Einen Tag nach einem Rekordhoch hat die Börse in Schanghai den größten Kurseinbruch seit zehn Jahren verbucht. Die Anlegerfürchten, positive Nachrichten könnten „eingepreist“ sein und das Potential nach oben ausgeschöpft haben.

Finanzmärkte

Schwellenländer-Aktien folgen dem Kursrutsch in China

RTS-Index am 27. Februar 2007

Nach dem Kurseinbruch am chinesischen Aktienmarkt haben die Investoren auch aus anderen Schwellenländern Gelder abgezogen. Am Finanzmarkt habe sich etwas geändert, erklärt beispielsweise Mark Faber.

Devisen

Die „Carry-Trader“ scheinen nervös zu werden

Spezial Eine Korrektur an Chinas Börse und schwache Auftragseingänge in den Vereinigten Staaten lassen die Finanzwerte nervöser werden als bisher. Die Volatilitäten ziehen an, der Yen erholt sich, der Dollar gibt nach.

Finanzmärkte

Kursturbulenz zwingt Server von Onlinebanken in die Knie

Die Kursbewegung an den Börsen hat am Mittwoch die Webserver von einigen Online-Brokern in die Knie gezwungen. „Traffic und Trades“ hätten teilweise eine “noch nie gesehene Größenordnung“ erreicht, heißt es.

China

Die Korrektur

Kein Crash - aber eine Korrektur

Der Aktienmarkt in China ist heiß gelaufen. Nun wurden Gewinne eingestrichen. Besorgniserregend ist der Grund für den Verkaufstermin: Die Investoren haben Angst vor Gesetzen zur Bereinigung des Marktes. Chinas Börse ist eine politische Börse. Manche Entwicklung hier erscheint als aberwitzig.

nach oben

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2009 Medienpartner: NZZ Online

Quellen: Technologie und Kursdaten von der TeleTrader Software AG sowie Fondsdaten aus der FWW-Fondsdatenbank, FWW GmbH. Dieser Service ist powered by X.finance GmbH & Co. KG, © 2009. Alle Börsendaten werden mit mindestens 15 Minuten Verzögerung dargestellt.