Aktienmarkt Bombay

Indien: Die Zweifel an der Hausse nehmen zu

Sensex

Sensex

29. Januar 2007 Die Hausse am indischen Aktienmarkt schreitet ungebrochen voran. Doch, und darin sind sich viele Strategen einig, es wird zunehmend gefährlich. Indische Aktien im Allgemeinen seien aus fundamentaler Sicht wenigstens für den Augenblick überbewertet, heißt es. Unter technischen Aspekten seien sie nicht nur „überkauft“, sondern auch in den Portefeuilles institutioneller Anleger überrepräsentiert („over-owned“). Da jedoch inzwischen niemand mehr am Entwicklungspotential der indischen Wirtschaft für die kommenden Jahre und Jahrzehnte zweifelt, scheinen die Bedenken der Skeptiker weithin auf taube Ohren zu stoßen. Und wer sie doch akzeptiert oder sogar teilt, hofft offenbar auf eine angemessene Korrektur, um sie für neue Engagements zu nutzen.

So kommt es, dass der als überfällig geltende Rückschlag nicht eintreten will. Techniker meinen daher, es müsse ein wie auch immer gearteter Schock entstehen, um wenigstens jene abzuschütteln, die in Indien auf allzu kurze Sicht engagiert seien. Die optimistische Haltung der Anleger wird bestätigt von Indikatoren, die auf unterschiedliche Weise deren Risikobereitschaft aufzeigen. Sie ist hoch, wenn auch nicht exzessiv. Den Technikern reicht der Stand dieser Kontraindikatoren aber, sich in ihrer vorsichtigen Einschätzung des Marktes bestätigt zu sehen.

Anleger wetten auf den Infrastruktur-Boom

Der Sensitive-Index (Sensex) der Börse in Mumbai (Bombay) bewegt sich auf Rekordniveau. Die Hausse setzte im Herbst 2002 bei einem Stand des Index von 2834,41 Punkten ein. Von da an ging es mit nur einem massiven Rückschlag fast unablässig bergauf, bis am 25. Januar der bisherige Höchststand von 14.282,72 Punkten erreicht wurde. Die einzige scharfe Korrektur, die vielerorts schon als Beginn eines Baissezyklus gedeutet wurde, setzte am Ende der ersten Mai-Dekade 2006 ein. Sie dauerte nur gut vier Wochen, aber sie ließ den Sensex von rund 12.600 Punkten auf fast 8900 Zähler fallen. Damit übertraf sie die gleichzeitig auch an den anderen Schwellenbörsen abgelaufenen Korrekturen deutlich. Der Rückschlag gilt in den Augen von Technikern als Maßstab für das, was eine weitere Korrektur bescheren könnte. Am Montag schloss der Sensex 0,5 Prozent im Minus bei 14.212 Punkten.

Als herausragendes, sehr breit gefächertes Anlagethema für längerfristig orientierte Anleger hat sich in den zurückliegenden Monaten die Infrastruktur Indiens herausgebildet. Doch damit steht das Land nicht allein, denn für die meisten anderen Schwellenmärkten gilt Gleiches. Das Thema umfasst den Bau von Transportwegen über die Versorgung mit Wasser und Energie sowie Kommunikationseinrichtungen bis hin zum Gesundheitswesen. Damit ist aber auch vorgezeichnet, dass Indien auf Jahrzehnte hinaus ein an Bedeutung zunehmender Importeur von Industrierohstoffen und Rohöl bleiben wird. Mit Blick auf die Energieversorgung weisen Anlagestrategen auf stark fortschreitende Bemühungen hin, alternative Energien, darunter die Solartechnik, weiterzuentwickeln und zu nutzen, um so die Abhängigkeit von teuren Öleinfuhren zu verringern.

Agrarsektor als Anlagethema

Als bislang zu kurz gekommenes Anlagethema hat seit Herbst vergangenen Jahres angesichts steil gestiegener Preise der Agrarsektor an Gewicht gewonnen. Indien ist in weiten Teilen ein Agrarland, das über Jahre hinweg beachtlich expandiert hat. Die Erntemengen schwanken jedoch je nach der Ergiebigkeit der Monsunregen stark. Bei Nahrungsgetreide ist Indien immerhin Eigenversorger und bei Reis sogar Exporteur. In guten Erntejahren kann sogar Weizen in größeren Mengen ausgeführt werden. Auch bei Zucker ist Indien zuletzt ein bedeutender Sprung hin zum Exportland gelungen. Ferner führt das Land in beachtlichem Umfang Baumwolle aus. Die indische Agrarwirtschaft gilt als stark ausbaufähig. Daher werden auch alle Wirtschaftszweige, die zum Beispiel Saatgut, Dünger sowie Pflanzenschutz zuliefern und die Agrarprodukte verarbeiten, an der Börse als Wachstumsbereiche gesehen.

Zum indischen Aktienmarkt erklärt die Investmentbank Merrill Lynch ganz allgemein, er sei der am höchsten bewertete unter allen Schwellenmärkten und damit in hohem Maße anfällig für Enttäuschungen bei den Unternehmensergebnissen. Ein weiterer wesentlicher ungünstiger Aspekt seien die zunehmende Inflation im Lande und das hohe Leistungsbilanzdefizit. Um der Teuerung zu begegnen, werde die indische Zentralbank geldpolitisch immer restriktiver vorgehen. Die Investmentbank rät, den indischen Aktienmarkt im Kreis der Schwellenbörsen untergewichtet zu halten.

Morgan Stanley wiederum bemängelt die Qualität der Unternehmensergebnisse in Indien. Die Aktiengesellschaften neigten daneben offenbar dazu, die Lebensdauer ihrer Vermögenswerte zu überschätzen. Goldman Sachs sagt für das laufende und für das kommende Jahr ein Wachstum des indischen Bruttoinlandsprodukts um etwa 8 Prozent voraus. Treibende Kräfte dürften die herstellende Industrie und der Dienstleistungssektor sein. Besorgnis über eine konjunkturelle Überhitzung sei nicht am Platz. Daher dürfte der Leitzins auch nicht weiter erhöht werden. Vielmehr werde die Geldpolitik künftig das Wirtschaftswachstum fördern.

Text: gap., F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET

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