11. Juni 2008 Die überraschend hoch ausgefallenen Verluste der Investmentbank Lehman Brothers für das zweite Quartal sind ein schlechtes Omen für die in der kommenden Woche beginnende Berichtssaison der Branche. Analysten hatten bereits in den vergangenen Wochen ihre Prognosen auch für die größeren Lehman-Konkurrenten Goldman Sachs und Morgan Stanley zurückgenommen. Das Quartal dieser drei Wall-Street-Banken geht bereits Ende Mai zu Ende. Das Quartal von Merrill Lynch, der Nummer drei der Branche, endet wie das der meisten Unternehmen einen Monat später.
Für Goldman Sachs rechnen Analysten im Durchschnitt mit einem Gewinnrückgang von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für Morgan Stanley prognostizieren die Auguren einen um 56 Prozent nachgebenden Nettogewinn. Lehman, die viertgrößte Investmentbank, hatte die Wall Street am Montag mit einem Rekordverlust von 2,8 Milliarden Dollar im Quartal schockiert. Es sieht ziemlich düster aus. Eine Menge der strukturierten Produkte, die an der Wall Street im vergangenen Jahrzehnt kreiert wurden, sind entweder verschwunden oder deutlich im Umfang geschrumpft, sagt Fondsmanager Timothy Ghriskey vom Vermögensverwalter Solaris Group.
Verlustreiche Sicherungen
Zu strukturierten Produkten gehören mit Hypotheken besicherte komplexe Anleihen, die im Zuge der amerikanischen Immobilienkrise stark im Wert gefallen sind. Neben den deswegen fälligen Wertberichtigungen leiden Investmentbanken auch unter nachlassendem Geschäft bei Fusionen und Übernahmen. Analysten rechnen zudem damit, dass Investmentbanken bei Absicherungsgeschäften möglicherweise Verluste eingefahren haben. Abfindungszahlungen wegen der jüngsten Stellenkürzungen könnten die Gewinne ebenfalls drücken.
Die nach dem vorläufigen Quartalsbericht von Lehman erneut unter Druck geratenen Aktienkurse der Investmentbanken reflektieren die schwachen Aussichten. Die Aktienkurse von Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch haben sich seit Anfang des Jahres alle um mehr als 20 Prozent ermäßigt. Der Kurs von Lehman Brothers ist um fast 60 Prozent eingebrochen. Damit nähern sich die Aktienkurse wieder dem bisherigen Jahrestief von Mitte März. Damals war die bis dahin fünftgrößte Investmentbank Bear Stearns in Liquiditätsschwierigkeiten geraten und unter der Ägide der Notenbank Fed für einen Schleuderpreis an die Bank J.P. Morgan Chase verkauft worden.
Keine Einstiegskurse
Professionelle Anleger warten trotz der Baisse bei Finanzaktien mit Käufen aber noch ab. Die Kurse sind nicht tief genug gefallen, um für bedeutendes Kaufinteresse zu sorgen, sagte Scott Glasser, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Legg Mason, auf einer Podiumsdiskussion in New York. Eine nachhaltige Kurserholung bei Finanzaktien werde seiner Ansicht nach anzeigen, wann der allgemeine Tiefpunkt am Aktienmarkt erreicht ist. Wenn sich die Finanzwerte erholen, werden wir sie für eine lange Zeit kaufen. Aber so weit sind wir noch nicht, sagte Glasser.
Die zurückgenommenen Prognosen für Investmentbanken und andere Finanzinstitute drücken auch die allgemeinen Gewinnerwartungen für die im amerikanischen Aktienmarkt abgebildeten Unternehmen. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes Thomson Reuters rechnen Analysten für diese Unternehmen aktuell mit einem Gewinnrückgang von mehr als 7 Prozent. Am Anfang des Quartals hatten die Auguren nur einen Rückgang von 2 Prozent prognostiziert.
Die nachlassenden Wachstumsprognosen für das zweite Quartal können überwiegend auf die zurückgenommenen Schätzungen im Finanzsegment zurückgeführt werden, schreibt John Butters von Thomson Reuters. Das zweite Quartal dürfte für die Finanzbranche somit das vierte Quartal in Folge mit rückläufigen Gewinnen werden. Neben Sparkassen und Hypothekenbanken dürften Investmentbanken am meisten zur Schwäche der Branche beitragen, heißt es.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET