Aktienmärkte

Es ist noch nicht vorbei

Von Catherine Hoffmann

28. Januar 2008 Angst regiert die Börse. Binnen drei Wochen hat der Dax beinahe die gesamten Gewinne des Vorjahres eingebüßt. 15,5 Prozent haben die dreißig bekanntesten deutschen Aktien in diesem Jahr verloren. Allein am vergangenen Montag brach der Index um mehr als sieben Prozent ein. Es war ein schwarzer Tag - und nicht der einzige. Dann kehrte die Gier zurück. Der Dax sprang nach oben. Doch trotz der kräftigen Erholung am Donnerstag steht das Aktienbaromenter nicht höher als vor Jahresfrist.

Ist dem Frieden zu trauen? „Ich bin vorsichtig“, sagt der Münchener Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. „Nach einem kurzen Anstieg wird es wieder abwärtsgehen. Amerika schlittert in eine Rezession, ganz gleich, was Notenbankchef Ben Bernanke und Finanzminister Henry Paulson jetzt machen.“ Zumindest was die Rezession angeht, sind sich die Strategen und Ökonomen einig. Das war im Dezember noch anders.

Böse Überraschung statt Januareffekt

Viele Anleger sind frohgemut ins neue Jahr gegangen und haben auf den „Januareffekt“ gehofft, also auf kräfte Kursgewinne zu Jahresbeginn, wie sie in der Vergangenheit oft zu beobachten waren. Sie wurden von dem schlagartigen Stimmungsumschwung an der Börse böse überrascht. Automatische Verkaufsprogramme, die Verluste begrenzen sollen, lösten den extremen Kursabsturz aus. Hinzu kam in Europa die Katastrophe bei der Société Générale, einem Eckpfeiler des französischen Bankensystems. Ein betrügerischer Händler soll 4,9 Milliarden Euro mit Terminkontrakten verzockt haben. Der Verkauf dieser Verträge Anfang der vergangenen Woche setzte die Aktienkurse erheblich unter Druck.

Auch viele der aufstrebenden Länder hat es kalt erwischt. In Hongkong ist der Hang Seng Index am Dienstag heftiger abgestürzt als je zuvor in seiner Geschichte. Die Indizes in Indien und China wackeln. Die in Hongkong gehandelten Aktien chinesischer Unternehmen (H-Aktien) sind seit Ende Oktober um 40 Prozent eingebrochen. In Polen sanken die Kurse um knapp 30 Prozent.

Wackelnde Abkopplungstheorie

Hatten sich nicht gerade die aufstrebenden Wirtschaften in Asien von der Wall Street abgekoppelt? Das ist heute nicht mehr so sicher, wie es noch vor vier Wochen schien. „Die Hoffnung auf Abkopplung ist in diesem Jahr gestorben“, sagt Klaus Kaldemorgen, Fondsmanager der DWS. „Ich hielt die Idee schon im vergangenen Jahr für abwegig. Sie steht im Widerspruch zu einer globalen Wirtschaft, in der alle Regionen miteinander vernetzt sind.“ Der Rest der Welt muss sich also um die amerikanische Krise kümmern. Und die wird immer schlimmer.

Panisch reagierte die amerikanische Notenbank auf die Panik der Aktionäre. Außer der Reihe senkte Fed-Chef Ben Bernanke den Leitzins gleich um 0,75 Prozent auf 3,5 Prozent. Der Fed-Chef fürchtete, dass Wall Street ein „Meltdown“ drohte, ein Zusammenbruch der Aktienmärkte. Weitere Zinssenkungen werden folgen. Und Finanzminister Henry Paulson assistiert mit einem massiven Konjunkturprogramm im Umfang von 150 Milliarden Dollar.

Wenig Überzeugung von Amerika

Nach dem Crash zu Wochenbeginn atmeten die Aktionäre erst mal auf. Und die Profis kauften Aktien nach. Der Kölner Fondsmanager Winfried Walter beispielsweise hatte sein Pulver trocken gehalten. Jetzt griff er zu: „Die großen deutschen Aktien kann man schon wieder kaufen“, sagt der Vermögensverwalter, der sich selbst einen Optimisten nennt - obwohl: „Der Dax wird den Tiefstand dieses Jahres von 6400 Punkten noch einmal testen. Vielleicht geht es sogar noch tiefer. Ich kann mir auch 5400 Punkte vorstellen.“ Auch Klaus Kaldemorgen gibt erst mal Entwarnung, auch wenn er glaubt, dass 2008 ein schwieriges Börsenjahr wird: „Typische Bärenmärkte bringen Kursverluste von 30 Prozent mit sich. Zwei Drittel haben wir schon hinter uns.“

Dramatisch fallende Zinsen und üppige Konjunkturprogramme entzünden vielleicht nur ein Strohfeuer. Die Amerikaner haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Es wäre eine vernünftige Reaktion, Konsumverzicht zu üben und zu sparen. Auch die Unternehmen, kritisieren Skeptiker, müssten an sich arbeiten und international konkurrenzfähiger werden. „Die Restrukturierung der Unternehmen, die wir in Europa zwischen 2000 und 2003 erlebt haben, hat Amerika noch vor sich“, glaubt Walter. Das geht nicht von heute auf morgen. Und es wird nicht ohne eine Rezession zu haben sein.

Das Japan-Syndrom

„Amerika heute geht es wie Japan 1990. Bernanke kann die Zinsen senken, wie er will - das hilft alles nichts mehr“, fürchtet Ehrhardt. Zu Beginn der japanischen Bankenkrise habe man die Verluste auf 500 Milliarden D-Mark geschätzt, am Ende seien es 2500 Milliarden gewesen.

Man brauche aber keine Angst zu haben, dass das ganze Finanzsystem zusammenbricht. Der Staat müsse und werde die Banken stützen, um einen deflationären Krach zu vermeiden. „Das kann viel Geld kosten und inflationär werden“, warnt Ehrhardt. „Deshalb bin ich ein Liebhaber von Gold.“ Vorsichtige Anleger sollten sich einen Klumpen kaufen oder auf Tagesgeldkonten vertrauen. Anleihen böten in einem solchen Szenario keine Sicherheit.

Für Europa wird das nicht schön. Aber anders als früher könnte es heißen: Wenn Amerika eine Lungenentzündung hat, bekommt Europa einen Schnupfen. Europa hat Amerika in vielen Dingen überholt: Die Produktivität ist höher, die Verbraucher sind weniger verschuldet, und die Sparquote ist hoch. Die Exporte Richtung Osteuropa und Asien könnten weiter gut laufen.

„Hoffentlich glaubt niemand an die Gewinnschätzungen“

Vor allem aber haben europäische Unternehmen eine Rosskur hinter sich. Anders als zu Beginn der Baisse 2001 sind die Firmen nicht mehr extrem verschuldet und - abgesehen von den Banken - kerngesund. Sie verfügen über hohe Liquidität und starke Bilanzen und können die angekündigten Rekorddividenden für 2007 mühelos zahlen. Das schafft Vertrauen, dass diese Baisse nicht so tief und schmerzhaft wird wie die vergangene.

Den Glauben, dass Aktien nach dem Ausverkauf besonders günstig seien, hält Kaldemorgen allerdings für Unsinn: „Hoffentlich glaubt niemand an die Gewinnschätzungen, die im Umlauf sind. Die werden deutlich zurückgenommen.“ Die Analysten von Morgan Stanley kalkulieren für Europa schon mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne um ein Prozent in diesem Jahr. Goldman Sachs rechnet sogar mit einem Einbruch um knapp acht Prozent. Aktien sind also nicht mehr günstig, aber die Risiken enorm.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2008, Nr. 4 / Seite 45
Bildmaterial: F.A.Z.

 
NamePunkteProzent
Dax 5.326,63 -1,12
TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.447,11 -5,11
Nasdaq 1.754,88 -5,80
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,67
Bund Future 117,28 +0,26
Gold 888,80 +3,14
Öl 85,76 -1,06
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