07. Februar 2006 In der Geschäftswelt setzt sich immer mehr ein Trend durch, der sich an den Finanzmärkten naturgemäß am stärksten zeigt. Man macht Geschäfte mit Geschäften und weniger Geschäft. Will sagen: Das Verschachern von Beteiligungen, Unternehmen und Unternehmensteilen steht im Vordergrund, was das Unternehmen macht und ob es überhaupt etwas tut, ist schon fast sekundär.
Das ist zumindest einer der Eindrücke, den die Lektüre des Schwarzbuchs Börse der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger SdK, dessen Jahresband auch in diesem Februar wieder eine eigentümliche Freude bereitet, die so mancher Anleger nun wird gar nicht teilen können. Auch FAZ.NET hat über einige der geschilderten Fälle im vergangenen Jahr berichtet.
Wenn Heuschrecken grasen
Heuschrecken war 2005 eines der Worte/Unworte des Finanzjahres und sie haben ihre Spuren auch im SdK-Report hinterlassen. Wenn Heuschrecken grasen betiteln die Aktionärsschützer den Fall des Sanitäranlagenhersteller Grohe, bei dem innerhalb weniger Jahre gleich zwei Private-Equity-Investoren alles taten, um das einstige Erfolgsunternehmen systematisch zugrunde zu richten.
1999 verkaufte die Gründerfamilie Grohe ihre Mehrheit an die britische BC Partners für schätzungsweise 0,9 bis 1,3 Milliarden Euro. BC Partners brachte nur einen Bruchteil der Summe selbst auf. Den Rest finanzierte man mit Krediten. Unter anderem wurde Grohe zur Auflage eines sogenannten Junkbonds gezwungen - einer Hochzinsanleihe mit einem Zinssatz von stattlichen 11,5 Prozent.
Die enormen Zinslasten trieben Grohe in die Krise, so daß BC Partners den ursprünglichen Plan, das Unternehmen nach dem Rückzug vom Parkett wieder mit Gewinn dahin zurückzubringen, aufgeben mußte. Die Briten verkauften an die Texas Pacific Group und die Credit Suisse First Boston. Erneut wurde der Löwenanteil über Kredite finanziert und erneut durfte Grohe wieder einen Junkbond auflegen, obwohl die Eigenkapitalquote bereits 2003 in den einstelligen Bereich gesunken war (siehe auch Junk Bonds-Boom erhöht Risiken).
Der neu installierte Vorstandschef David Haines habe daraufhin zu einem radikalen Restrukturierungsprogramm gegriffen und den Mitarbeitern die Schuld an der schwachen Ertragslage gegeben.
Ausgequetscht wie eine Celanese
Der Fall Grohe ist für die SdK ein Heuschrecken-Muster: Das Interesse der Investoren war nur kurzfristig, einziges Ziel der gewinnbringende Wiederverkauf, das finanzielle Risiko wird auf das Unternehmen angewälzt und die Leidtragenden sind am Ende die Mitarbeiter, weil die Investoren mit radikalen Restrukturierungsprogrammen ihre Renditeziele zu erreichen versuchen. Schuld daran sei die rot-grüne Regierung aber selbst gewesen, die mit der steuerlichen Freistellung von Veräußerungsgewinnen beim Verkauf von Unternehmensanteilen erst die nötigen Voraussetzungen geschaffen habe, um Deutschland so stark in den Blickpunkt der Private-Equity-Investoren zu rücken.
Kaum anders beschreibt die SdK den Fall Celanese. Erst habe sich Blackstone die Kontrolle erkämpft. Dann mußte Celanese ihr Herzstück, das Amerika-Geschäft bilanziell radikal abwerten und zum Spottpreis an eine Blackstone-Gesellschaft verkaufen. Die neue Gesellschaft übernahm dann auch die Kontrolle über die europäischen Aktivitäten, dann stieß Blackstone über die Börse einen Großteil der Aktien ab - nicht ohne vorher Blackstone über eine durch Anleihen finanzierte Ausschüttung 500 Millionen Dollar aus Celanese herausgezogen zu haben und einen mit 100 Millionen Dollar honorierten Beratungsvertrag mit Celanese abgeschlossen zu haben. Fazit der SdK: Auch auf diese Weise kann man ein Unternehmen offensichtlich ausquetschen.
Es geht auch ohne Heuschrecke
Daß man keine Heuschrecke braucht, legt dagegen der Fall des bayerischen Dachziegelherstellers Creaton. Noch auf der Hauptversammlung Ende Juni 2005 habe der Vorstandsvorsitzende Alfons Hörmann, gegenüber den versammelten Vorzugsaktionären das Unternehmen in den höchsten Tönen gepriesen und den Kurs von damals 20,90 Euro indirekt für viel zu niedrig erklärt.
Am 20. Dezember veröffentlichte die belgische Firma Etex ein Übernahmeangebot, aus dem hervorgehe, daß den Familienaktionären 36,50 Euro je Stammaktie bezahlt wurden. Die Vorzugsaktionäre hingegen sollten mit einem Abfindungspreis von 19,50 Euro vorlieb nehmen. In einer Stellungnahme seien Aufsichtsrat und Vorstand der Creaton zu dem Ergebnis gekommen, daß der Preis angemessen wäre: Auch wenn optimistische Annahmen der künftigen Unternehmens- und Marktentwicklung die Prognose eines in Zukunft höheren Aktienpreises der Creaton AG rechtfertigen können, reflektiert der angebotene Preis (…) für die Inhaber der börsennotierten Vorzugsaktien, die nicht über ein Stimmrecht verfügen, in vertretbarer Weise aus gegenwärtiger Sicht das absehbare Potential der Creaton-AG-Aktie.
Die Rabenmutter der deutschen Aktienkultur
Auch die Mutter der neuen deutschen Aktienkultur, die Deutsche Telekom, liest die SdK die Leviten im Fall T-Online. Erst wurde die Tochter im April 2000 an die Börse gebracht und nun wieder geschluckt.
So weit, so gut. Doch dem Streubesitz bot die Telekom einen Abfindungspreis von 8,99 Euro pro Aktie an - obwohl der Ausgabepreis ursprünglich bei 27 Euro gelegen hatte. Und auf die Tatsache, daß die Kleinanleger sich dem Angebot großteils verweigerten und deren Empörung habe die Telekom mit der Einleitung der Zwangsverschmelzung reagiert. Die sah nun vor, daß die übrigen freien T-Online-Aktionäre für ihre Papiere zwangsweise Telekom-Aktien bekommen sollten.
So weit, so gut. Doch das Umtauschverhältnis wurde mit 0,52 Telekom-Aktien pro T-Online-Aktie festgelegt, was den Wert von T-Online auf rund acht Euro je Aktie bezifferte - also noch weniger als das anfängliche Barangebot. Auf die Anfechtungsklagen reagierte T-Online mit einer Gegenklage, die aber scheiterte (siehe auch Gerichtsurteil gibt T-Online-Aktie noch einmal Auftrieb).
Mißwirtschaft, Eigennutz und Unfähigkeit
In allen Fällen waren die Kleinaktionäre am Schluß die Gelackmeierten. Der Fall Blackstone verkörpert für die SdK sogar die eindringliche Mahnung, Empfehlungen des Managements generell zu mißtrauen und einen langen Atem zu bewahren, um am Ende nicht als Geprellte dazustehen.
Da sind einem ja letztlich die geschilderten Fälle von Mißwirtschaft ja noch fast lieber. Wie etwa Borussia Dortmund, wo man nur hoffen könne, daß das Geld nicht wieder wie früher mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen wird. (siehe auch Rote Zahlen drücken BVB-Aktie weiter ans Ende der Börsenliga) Oder IPC Archtec, wo das Geschäftsmodell komplett versagt habe, gepaart mit einem mehr als unfähigen Vorstand und Aufsichtsrat und wo die handelnden Organe bis heute (...) gnadenlos in die eigene Tasche wirtschaften. (siehe auch Aktie von IPC Archtec empfiehlt sich nicht).
Insgesamt ist das Schwarzbuch Börse wieder einmal ein wichtiges Zeitdokument, das deutlich zeigt, daß an der Börse mit rauhen Bandagen gekämpft wird und daß dabei die Schwächsten, nämlich die Kleinaktionäre die meisten Blessuren abbekommen. Es zeigt auch, daß nicht unbedingt jeder, der sich Unternehmer, Vorstandschef, Investor oder Finanzfachmann nennt, deswegen auch gleich vertrauenswürdig sein muß und daß ein Aktien-Engagement immer kritisch beobachtet werden muß.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: Celanese AG, Creaton, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, SdK
| Tops & Flops | Kurs | in % |
| Infineon | 3,58 € | +4,07% |
| SAP | 32,21 € | +2,06% |
| Dt. Boerse | 55,89 € | +1,66% |
| Merck | 64,82 € | +1,22% |
| FMC | 37,71 € | +1,21% |
| Allianz | 84,00 € | −1,73% |
| Linde | 83,93 € | −1,79% |
| Dt. Bank | 49,90 € | −2,16% |
| Commerzbank | 5,91 € | −2,80% |
| Volkswagen | 76,25 € | −4,69% |
US-Anleihen im späten Handel mit Gewinnmitnahmen schwächer
22:55Wall Street schließt gut behauptet - Technologiewerte gesucht
22:17EUREX/Renten-Futures schließen kaum verändert
22:12EUREX/DAX-Futures schließen etwas fester
22:06XETRA-NACHBÖRSE/XDAX (22 Uhr): 5.862 (XETRA-Schluss: 5.831) Pkt
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.831,21 | −0,23% |
| TecDAX | 815,34 | −0,05% |
| MDAX | 7.393,75 | −0,14% |
| SDAX | 3.555,37 | +0,22% |
| REX | 378,74 | +0,12% |
| Eurostoxx 50 | 2.871,22 | −0,71% |
| Dow Jones | 10.328,90 | +0,20% |
| Nasdaq 100 | 1.807,36 | +1,64% |
| S&P500 | 1.102,47 | +0,58% |
| Nikkei225 | 10.142,00 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,4336 | −0,09% |
| Rohöl Brent Crude | 73,88 $ | +0,90% |
| Gold | 1.104,50 $ | −1,12% |
| Bund Future | 123,43 € | −0,01% |
| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
Durchschnitt 200 Tage |
|
|---|---|---|---|
Aktien-Index18.12.2009 13:00 |
1384,62 | 1346,64 | 1292,33 |
Performance-Index18.12.2009 17:35 |
304,19 | 297,54 | 282,83 |
Euro-Aktien-Index18.12.2009 17:35 |
141,85 | 140,95 | 129,84 |
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