Anlagestrategie

Einfache Produkte, mehr Risikobewusstsein

“Aktien sind nicht überteuert“

"Aktien sind nicht überteuert"

11. November 2009 Es geht immer etwas zu Bruch im Leben: Marmor, Stein, Eisen - nichts ist für die Ewigkeit, so scheint es. Eine besondere Art des Bruches ist der unter Statistikern gefürchtete Strukturbruch, bei dem alte, sicher geglaubte ökonomische und statistische Zusammenhänge zerstört werden.

Um zu verstehen, wie schlimm das für manche Vermögensverwalter und Anlagestrategen ist, muss man deren Arbeitsweise kennen: Vereinfacht gesagt, erforschen sie, wie ökonomische Variablen in der Vergangenheit miteinander agiert haben, und leiten aus der Kenntnis dieser Zusammenhänge Prognosen für die Zukunft ab. Wenn aber die Zusammenhänge nicht mehr gelten, dann gelten auch die Prognosen nicht mehr. Und das nennt sich Strukturbruch. Damit ist ein Strukturbruch eine ernste Angelegenheit, und zwar für alle Vermögensverwalter, deren Anlagestrategie auf solchen statistischen Zusammenhängen beruht.

Je mehr die Dinge sich ändern...

Andreas Sauer vom Vermögensverwalter Quoniam Asset Management ist ein solcher Anleger, er ist das, was man im Fachjargon einen „Quant“ nennt, einen Anlagestrategen, der mit Hilfe von statistischen Zusammenhängen und ökonometrischen Modellen investiert - er lebt davon, dass es nicht zu viele Strukturbrüche in der Welt der Kapitalmärkte gibt.

Aber ist das nicht gerade das Problem der Stunde? Sind nicht mit den Erschütterungen, welche die Finanzkrise durch die Weltwirtschaft gejagt hat, viele statistische Zusammenhänge zusammengebrochen? Kann man mit statistischen Modellen, als quantitativ orientierter Anleger, noch erfolgreich investieren?

„Natürlich kann man das“, sagt Sauer, und sieht weniger Strukturbrüche, als man es nach den vergangenen turbulenten Monaten vermutet: „Die fundamentalen ökonomischen Grundgesetze sind keineswegs ausgehebelt worden - nichts von dem, was passiert ist, hat gegen fundamentale und ökonomische Logik verstoßen.“

Starke Worte angesichts der Legionen von Artikeln, in denen von kollektivem Wahnsinn der Kapitalmärkte die Rede war, oder? „Zwischen 2003 und 2007 sind praktisch alle risikobehafteten Vermögenswerte wegen einer wachsenden Weltwirtschaft kollektiv gestiegen, und das bei deutlich gesunkenen Kursschwankungen. Mit Ausbruch der Finanzkrise und den befürchteten Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind die Kurse nach unten und die Risikoprämien nach oben gegangen - das ist nichts Irrationales, sondern das, was man erwarten würde -, nur im Ausmaß hat der Markt zeitweise übertrieben“, sagt Sauer.

Nicht die Modelle, die Interpretationen waren falsch

Allerdings hatten viele quantitativ orientierten Anleger durchaus Probleme mit dieser Periode, wie er einräumt: „In den Jahren vor 2008 sind die Renditen stark gestiegen, während die Kursschwankungen dramatisch gesunken sind. Das hat bei vielen Anlegern trügerische Sicherheit verbreitet, man hat sich auf die geringen Kursschwankungen eingelassen, sie als sicher angenommen und in die Zukunft fortgeschrieben.

Als die Märkte 2008 implodiert sind, hatten viele Anleger Probleme mit ihrem Risikomanagement, weil sich aufgrund der gestiegenen Kursschwankungen das Risiko in Ihrem Portfolio teilweise verdoppelt hat.“ Vereinfacht gesagt, habe man also das Risiko unterschätzt und dann angesichts der Krise seine Risikopositionen abgebaut, was die Krise beschleunigt habe. „Aber welche alten Überzeugungen sollte ich angesichts dieser Überlegungen über Bord werfen?“, fragt Sauer.

„Aktien sind nicht überteuert“

Aber hat sich die Welt nicht geändert? Ein neues geldpolitisches Regime, in dem die Notenbanken die Welt mit Geld fluten, hohe Staatsverschuldung, Regierungen, die Konjunkturpakete schnüren - ist das nicht eine Welt, in der man seinen Investmentansatz neu justieren muss? „Weniger, als Sie denken, da unser Ansatz ja darauf abzielt, unter den vielen Werten die relativ besten herauszusuchen. Und solange Sie nicht erklären können, warum fundamentale Kriterien zum Vergleich von Aktien oder Anleihen nicht mehr gelten sollen, funktioniert dieser Ansatz“, meint Sauer.

Er geht davon aus, dass - sollte es keine größeren Katastrophen mehr geben - das Schlimmste überstanden ist, und wenn die Weltwirtschaft wieder anziehe, werde das attraktiv, was man in einer wachsenden Weltwirtschaft immer benötige: Eigenkapital, also Aktien. „Aktien sind nicht überteuert, wir haben nur eine Übertreibung nach unten korrigiert, und wenn sich die Weltwirtschaft erholt, werden die Aktienmärkte dabei sein“, glaubt er.

Es geht auch einfach

Aber hat sich gar nichts geändert? „Vielleicht hat sich eine Sache geändert: Viele Anleger haben das Risiko am eigenen Leib zu spüren bekommen - das ändert ihre Einstellung dazu“, sagt Sauer. Aus diesem Grund erwartet Sauer, dass eine Rückbesinnung auf einfache, klar strukturierte Produkte stattfinden wird: Aktien und Anleihen.

Anlegern empfiehlt er einen Bruch mit alten Gewohnheiten: „Suchen Sie einfachere Produkte, meiden Sie die Komplexität - es gibt keine Markterwartung, die man nicht einigermaßen mit einem gemischten Portfolio aus Aktien und Anleihen darstellen könnte. Und je einfacher Ihr Portfolio ist, umso mehr verstehen Sie es, und um so besser können Sie Ihr Risiko einschätzen“, sagt Sauer. In der Tat muss man nicht alles betrauern, was zerbricht, doch eines scheint schwerer zu brechen zu sein als Marmor, Stein und Eisen: die eigenen Gewohnheiten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai, Quoniam

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