Im Gespräch: Frank-Peter Martin, Privatbankier

„Ich fühle mich mit Aktien wohler als mit Anleihen"

Frank-Peter Martin

Frank-Peter Martin

20. Dezember 2008 Frank-Peter Martin hat das erste Halbjahr 2009 für die Wirtschaft abgeschrieben. Anders als viele andere Finanzmarktteilnehmer erwartet Martin, Partner im Frankfurter Bankhaus Metzler, von Ende 2009 an einen kräftigen, von hoher Inflation begleiteten Aufschwung.

Dieses Szenario erklärt seine Begeisterung für Aktien und seine Skepsis gegenüber Anleihen. „Der Dax kann bis Mitte 2010 um 20 bis 25 Prozent zulegen. Die Anleiherenditen steigen.“

Herr Martin, welche Frage stellen Ihre Kunden im Moment am häufigsten?

Das kontroverseste Thema lautet sicherlich: Bewegen wir uns in eine historische Rezession oder gar Depression?

Und was antworten Sie?

Wir sind positiv gestimmt. Zwar erwarten wir für die reale Wirtschaft eine grottenschlechte erste Jahreshälfte, in der wir Zahlen sehen, die auch in historischer Perspektive extrem sein werden. Wir sind aber der Meinung, dass wir in der Finanzbranche das Schlimmste hinter uns haben und dass die expansive Wirtschaftspolitik wirken wird. Das heißt nicht, dass wir keine Probleme mehr sehen werden. Aber der Gipfel der Finanzmarktkrise ist überschritten. Wir erwarten kein Systemrisiko mehr, denn die Zentralbanken und die Regierungen sind massiv eingeschritten, und es wird keinen zweiten „Fall Lehman“ mehr geben.

Reicht das?

Alle Maßnahmen der Zentralbanken zusammen, die Garantien eingeschlossen, belaufen sich auf 8,5 Billionen Dollar. Wir haben eine unglaubliche Liquidität im Finanzsystem. In der Realwirtschaft sehen wir etwas in der historischen Sicht Einmaliges: eine Art „Joint-Venture“ zwischen Monetarismus und Keynes.

Inwiefern?

Die Zentralbanken pumpen Liquidität in den Markt, aber das reicht in der aktuellen Situation nicht. Daher beschließen die Regierungen Konjunkturprogramme in nie gekanntem Ausmaß, die nach unserer Ansicht gegen Ende 2009 erste Effekte zeigen werden. Wir halten sogar einen ziemlich heftigen Aufschwung für denkbar.

Aber droht uns als Folge der Geldschwemme nicht irgendwann eine Inflation?

Allerdings. Die expansive Geldpolitik und die gewaltigen Konjunkturprogramme werden die Wirtschaft inflationieren. Aber es existiert in der aktuellen Situation keine Alternative. Wir gehen davon aus, dass in den Jahren von 2010 an in den Vereinigten Staaten die Inflationsrate bei mindestens rund 5 Prozent liegen wird und im Euro-Raum bei 3 Prozent. Vielleicht werden die Inflationsraten sogar noch mehr steigen. Im nächsten Jahr werden wir deflationäre Tendenzen beobachten, aber das wird nur vorübergehend sein. Das Jahrzehnt niedriger Inflationsraten ist vorüber.

In einem solchen Szenario ist es kaum attraktiv, Staatsanleihen zu kaufen.

Man kann durchaus inflationsindexierte Staatsanleihen kaufen. Aber Aktien sehen sehr viel attraktiver aus, da sie eine Teilhabe an der Realwirtschaft garantieren.

Ist angesichts solcher Aussichten die aktuelle Hausse am Markt für Staatsanleihen nicht grotesk?

Die Märkte spielen aktuell ganz klar ein Rezessions- und Deflationsszenario. Das tun wir im Unterschied zur Mehrheitsmeinung nicht. In unserem Szenario ist eine zehnjährige Bundesanleihe mit einer Rendite von 3,2 Prozent bei einer erwarteten Inflationsrate von 3 Prozent vom Jahr 2010 an kein attraktives Investment.

Das Rezessionsszenario, das an den Märkten gespielt wird, erklärt dann auch die hohen Renditen für Unternehmensanleihen?

Das ist ein Grund. Ein anderer Grund ist, dass am Markt für Unternehmensanleihen derzeit die Liquidität fehlt. Unternehmensanleihen sind aktuell sicherlich ein attraktiveres Investment als Staatsanleihen.

Wann sollte der Anleger in den Aktienmarkt einsteigen?

Innerhalb der kommenden zwölf Monate. Vielleicht sollte man einen Teil der Käufe wegen der Abgeltungsteuer noch in diesem Jahr vornehmen. Vom zweiten Quartal 2009 an dürfte der Aktienmarkt die Aussicht auf eine Erholung der Wirtschaft spiegeln. Mir sind angesichts der Aussicht auf steigende Inflationsraten von dem Jahr 2010 an Aktien viel lieber als Anleihen.

Welche Märkte sind besonders interessant?

Japanische Aktien sind extrem attraktiv, danach Aktien aus dem Euro-Raum und aus den Schwellenländern und erst danach Aktien aus den Vereinigten Staaten.

Aber gerade in den Schwellenländern, zum Beispiel in Russland, sehen wir schwere Verwerfungen. Sind Schwellenländer überhaupt noch interessant?

In Russland ist der Aktienmarkt in der Spitze um 70 Prozent gefallen. Das erklärt sich mit den niedrigeren Rohstoffpreisen. Wir gehen aber davon aus, dass reale Werte, und dazu gehören Rohstoffe, an Attraktivität gewinnen werden. Wir halten China und Russland für attraktiv, aber nur als Beimischung, nicht als Basis.

Ist der Fall der Rohstoffpreise nicht auch übertrieben?

Ja, und wir sehen etwas, das uns nicht gefällt. Viele Rohstoffunternehmen stellen derzeit aus Kostengründen die Suche nach neuen Förderstätten ein. Das kann zur Folge haben, dass Rohstoffe in der nächsten Erholung der Weltwirtschaft knapp werden. Das gilt etwa für Öl. Dann erleben wir wieder höhere Preise.

Was wird sich an den Devisenmärkten tun?

Das ist eine Gretchenfrage. Wir erwarten eher einen stärkeren Euro, weil ein schwächerer Dollar im Interesse der Vereinigten Staaten liegen dürfte. Er würde die Wettbewerbsfähigkeit Amerikas stärken und die Auslandsverschuldung ein Stück entwerten. Wir sehen aber keine dramatischen Veränderungen der Wechselkurse.

Wo steht der Dax Ende 2009?

Wir prognostizieren bis Mitte 2010 ein Aufwärtspotential von 20 bis 25 Prozent.

Ein zwischenzeitlicher Rückgang ist dabei einkalkuliert?

Es ist durchaus möglich, dass die Kurse in den ersten Monaten des nächsten Jahres erst noch einmal fallen werden.

Und was ist Ihre Prognose für zehnjährige Bundesanleihen?

Wenn sich unser Szenario einer Belebung der Wirtschaft von der zweiten Jahreshälfte 2009 an bestätigt, können die Renditen auf 4,50 bis 5 Prozent steigen.

Was halten Sie von Gold?

Gold ist ein schöner Schmuck, vor allem zu Weihnachten. Aber Gold als Anlage bringt im Unterschied zu Aktien keine Dividenden. Gold ist als reales Investment an sich gut, aber in dem jetzigen Umfeld sind Aktien wahrscheinlich besser.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger



Text: F.A.Z.

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