Von Mike Arbeter
07. Mai 2008 In der vergangenen Woche konnte der S&P-500 endlich nach oben durchbrechen und eine bullische inverse Kopf-Schulter-Formation vollenden. Dieser Ausbruch folgte ähnlichen Bodenformationen zahlreicher anderer maßgeblicher Indizes, zu denen der Dow Jones Industrial Average, der Nasdaq Composite, der Dow Jones Transportation Index und der S&P-Mid Cap-400 zählten.
Ausbrüche waren in den Branchen Industrie, Technologie, dauerhafte Konsumgüter, Verbrauchsgüter und Telekommunikation auszumachen. Bei den Branchen Versorger und Finanzdienstleistungen dürfte ein Ausbruch nur noch eine Frage der Zeit sein.
Auch in Europa und Asien läuft es prima
Hinzu kommen die in der vergangenen Woche erfolgten Ausbrüche der europäischen und asiatischen Aktienmärkte sowie der Schwellenländerindizes. Rohstoffpreise und Rohstoffaktien erlitten derweil einen Dämpfer - was will man also mehr?
Unter Zugrundelegung der 122 Punkte breiten Kopf-Schulter-Formation des S&P-500 wäre eine gleichbemessene Kursbewegung bis hinauf auf 1517,47 Punkte und eventuell darüber hinaus möglich. Bevor wir jedoch zu euphorisch werden, sollten wir uns vor Augen halten, dass sich auf dem Weg dorthin mehrere technische Widerstände befinden, durch die sich der Index erst hindurchkämpfen muss. Die vorerst stärksten Widerstände stammen von den letztjährigen Rallys, die ihren Anfang im Bereich um 1407 Zähler nahmen. In einem Fall erstreckte sich die Rally sogar bis auf die Allzeithochs bei 1565 Punkten.
Die Widerstände haben es in sich
Diese Zone mit charttechnischen Widerständen hat es in sich, weshalb wir nicht annehmen, dass der Index durch sie hindurchgleitet wie ein heißes Messer durch Butter. Im vergangenen Jahr kam es zu drei Rallys, von denen zwei unterhalb der Zone von 1400 Punkten starteten und allesamt frühestens im Bereich um 1520 Zähler endeten. Anleger, die den Markt seinerzeit falsch eingeschätzt haben, in diese Rallys hineinkauften und noch immer auf ihren Aktien sitzen, werden ihre Papiere nach Erreichen der Einstandsniveaus auf den Markt werfen. Die Bewältigung des daraufhin erhöhten Angebots dürfte nach unserer Ansicht einiges an Zeit und Handelsvolumen beanspruchen.
Kurzfristig kommt bei 1419 Punkten das Retracement von 50 Prozent der großen Korrektur in Sicht, während das Retracement einer Rally von 61,8 Prozent bis hinauf auf 1454 Zähler entsprechen würde. Der S&P-500 ist bereits bis knapp über den exponentiell gleitenden 65-Wochen-Durchschnitt und den exponentiell gleitenden 80-Wochen-Durchschnitt geklettert. Diese längerfristigen Durchschnittswerte erweisen sich im Verlauf größerer Korrekturen oder Baissemärkte häufig als maßgeblicher Widerstand. Der einfache 200-Tage-Durchschnitt befindet sich im Bereich um 1433 Zähler. Auf dem Weg bergan sind also zahlreiche Widerstände zu überwinden, wobei wir jedoch davon ausgehen, dass ein entscheidender Kraftakt bereits gelungen und der mittelfristige Trend nun deutlicher aufwärts gerichtet ist.
Dollar-Erholung hinterlässt Spuren
Der Dollar hat sich in letzter Zeit leicht erholt, was auch an den Rohstoffmärkten Spuren hinterlassen hat. Die seit Januar an der Marktspitze liegenden Titel und auch die langfristig führenden Werte erhielten einen Schlag in die Kniekehle. In den vergangenen acht Handelstagen (bis zum Handelsschluss am 1. Mai) ging der Öl- und der Goldpreis zurück, der Branchenindex Agrarerzeugnisse sank um mehr als 10 Prozent, die Öl- und Gas-Branchenindizes gaben zwischen 7 und 9 Prozent nach und der Chemie-Index verlor mehr als 6 Prozent.
Während die Profiteure eines schwachen Dollars Einbußen erlitten, haben viele andere Segmente des Aktienmarktes hiervon profitiert, glücklicherweise vor allem solche, die seit längerem hinterherhinken. Im selben Acht-Tage-Zeitraum stieg der Branchenindex Gesundheitseinrichtungen um mehr als 20 Prozent, Mobilfunk um über 12 Prozent, Konsumentenkredite um mehr als 12 Prozent, Lebensmittelvertrieb und -einzelhandel um mehr als 10 Prozent, Fluggesellschaften um rund 10 Prozent und Geschäftsbanken um etwa 9 Prozent.
Die Zeit ist reif für einen Favoritenwechsel
Ist die Zeit gekommen, in der die den Markt seit 2002 anführenden Aktien den Stab an jene Branchen weiterreichen, die während der jüngst durchlittenen kräftigen Korrektur die meisten Federn lassen mussten? Wahrscheinlich, zumindest auf kurze bis mittlere Sicht. Bevor jedoch das Ende der langfristigen Rohstoff-Hausse verkündet werden kann, muss zunächst die Dollar-Baisse beendet werden.
Nach unserer Überzeugung wäre es jedoch viel zu früh, um von einer größeren Gegenbewegung zu sprechen. Außerdem sind Sektoren wie Finanzdienstleistungen und dauerhafte Konsumgüter so lange und so tief gesunken, dass sich ein wahrer Berg an Widerständen nach oben angehäuft hat, durch den sie sich erst hindurcharbeiten müssen. Dies wird nach unserer Einschätzung viele Monate dauern, weshalb diese Sektoren aus langfristiger Perspektive nicht die Führungsrolle des Marktes einnehmen dürften.
Dollar-Index könnte bis auf 75 oder 78 steigen
Der Dollar-Index erholte sich von 71 geringfügig auf rund 73,5. Um diese kleine Rally besser einordnen zu können, sei angemerkt, dass der Dollar-Index Anfang 2002 bei 120 notierte und der Dollar mit Ausnahme einer relativ starken Gegenbewegung im Jahr 2005 kontinuierlich südwärts wanderte. Wir gehen davon aus, dass der Dollar-Index in nächster Zeit bis zum ersten Chartwiderstand im Bereich zwischen 75 und 78 vorstoßen könnte, ehe ein weiterer Abwärtsschritt bevorstehen dürfte. In diesem Bereich sitzt auch ein größerer Trendlinienwiderstand.
Selbst wenn wir die Tiefs dieser Dollar-Baisse ausgelotet haben sollten, gehen wir auf längere Sicht mit ziemlicher Sicherheit davon aus, dass der Index vor einer kräftigeren Aufwärtsbewegung oder einer größeren Trendumkehr zunächst einen sehr breiten Boden auszubilden hat. Angesichts des Umfangs und der zeitlichen Ausdehnung des Rückgangs dürfte diese Bodenbildung viele Monate, höchstwahrscheinlich sogar Jahre andauern.
Die Stimmung hat sich zuletzt aufgehellt
Wie bereits mehrfach unweit von Bodenbildungen des Marktes erwähnt, muss für eine überzeugende Aufwärtsbewegung an der Aktienfront auch eine optimistischere Stimmung vorherrschen. Diese ist in jüngster Zeit definitiv zu beobachten. Der ansteigende Geldzustrom und die Rückverlagerung der Stimmung von extremem Pessimismus hin zu Optimismus feuert die Rally weiter an.
Die von Investor's Intelligence unter amerikanischen Börsenbriefschreibern durchgeführte Umfrage ergab unlängst einen deutlichen Stimmungsumschwung, was in unseren Augen als positives Zeichen zu werten ist. In den vergangenen sechs Wochen stieg der Anteil der Optimisten von 30,9 auf 40,9 Prozent, während der Pessimistenanteil von 44,7 auf 31,8 Prozent sank. Dies ist der zweitstärkste in einem Sechswochenzeitraum verzeichnete Rückgang pessimistischer Stimmung seit 2002/03.
Die Kurspessimisten sind auf dem Rückzug
Die optimistische Stimmung in der Umfrage von Market Vane erhöhte sich in den zurückliegenden sieben Wochen von 42 auf 51 Prozent. Die Put/Call-Ratios gingen zurück, nachdem Anleger ihre bärischen Put-Positionen auflösten und bullische Call-Positionen aufbauten. Das rein auf Aktienoptionen bezogene Put/Call-Ratio im fünftägigen Durchschnitt fiel vom Rekordwert 1,09 Mitte März auf 0,67, während das zehntägige Put/Call-Ratio an der Chicagoer Optionsbörse seit Mitte März von 1,28 auf 0,97 zurückging.
Nach unserer Einschätzung dürfte der Rückgang der bärischen Stimmung anhalten, da das Gesamtbild der Stimmungslage nicht einmal annähernd die übertrieben bullischen Niveaus aufweist, die wir bei mittel- oder langfristigen Marktspitzen beobachtet haben.
Mark Arbeter ist Charttechniker und technischer Chefstratege bei Standard & Poor's
Text: Business Week Online
Bildmaterial: F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| VOLKSWAGEN AG STAMMA | +13,53 | +6,90 |
| DEUTSCHE BANK AG NAM | +3,59 | +6,32 |
| COMMERZBANK AG INHAB | +1,32 | +6,26 |
| MERCK KGAA INHABER - | -5,80 | -7,17 |
| RWE AG STAMMAKTIEN O | -1,57 | -2,03 |
| FRESENIUS MEDICAL CA | -0,37 | -1,05 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.536,09 | +1,45 |
| TecDax | 746,70 | +2,21 |
| DowJones | 11.632,38 | +0,26 |
| Nasdaq | 2.325,88 | +0,95 |
| STOXX 50 | 3.387,50 | +1,84 |
| Nikkei 225 | 13.312,93 | +0,97 |
| S&P 500 Zert. | 12,80 | +2,40 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,10 |
| Bund Future | 110,11 | +0,03 |
| Gold | 923,15 | +0,16 |
| Öl | 126,52 | -4,27 |
