Schwarzbuch Börse 2005

Das Börsen-PPP: Pleiten, Pannen & Prellereien

“Zitronen“ gehören nicht ins Depot

"Zitronen" gehören nicht ins Depot

07. Februar 2006 „Viele Aktionäre dürften mit dem Börsenjahr 2005 zufrieden sein“, so teilt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in ihrem aktuell vorgelegten Schwarzbuch Börse mit. Der Dax habe stolze 27 Prozent zugelegt und der Kurszettel sei nach den Jahren der Flaute wieder länger geworden. Im vergangenen Jahr fanden 22 echte Börsengänge (IPOs) statt, weitere gut 30 Unternehmen ließen sich listen.

Ein Freiverkehrlisting hat sich als kostengünstige Möglichkeit erwiesen, um an die Börse zu gehen. Leider befänden sich unter den Zugängen nicht nur seriöse Unternehmen. Von Aktien beispielsweise der Leasing.99 sollten Anleger nach Ansicht der SDK tunlichst die Finger lassen.

Gute Stimmung an den Börsen - unschöne Randerscheinungen

Den insgesamt erfreulichen Zuwächsen standen auch unschöne Ausfälle gegenüber. So mußten Anleger im vergangenen Jahr fünf Insolvenzen bedauern und 20 Meldungen gemäß § 92 von Aktiengesellschaften, die die Hälfte des Grundkapitals verbraten haben, hinnehmen (siehe Tabelle).

Auch nicht alle Börsengänge waren von Erfolg gekrönt. Die so genannte „IPOZitrone“ ging gemeinsam an die Investmentbanken Credit Suisse First Boston, Morgan Stanley und die HVB für den Börsengang von Premiere. Denn der Großteil der Erlöse der zu 28 Euro - Kurs aktuell 14 Euro - emittierten Aktien floß nicht in das bis dato hoch defizitäre Geschäft, sondern zu den Altaktionären - unter anderem auch zur HVB. Diese profitierte zudem an den millionenschweren Vergütungen für die Konsortialbanken und auch an der - nur durch den Börsengang möglichen - Rückführung eines Betriebsmittelkredits. Noch rechtzeitig vor dem Bundesligadebakel im Dezember wurden weiter kräftig Aktien verkauft.

“IPO-Zitrone“ des Jahres 2005: Premiere

"IPO-Zitrone" des Jahres 2005: Premiere

Intensiv beleuchtet wurde ein ebenfalls glänzendes Geschäft der Banken, nämlich der kräftig boomende Markt der sogenannten verbrieften Derivate. Dieser ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert. Anleger können inzwischen aus etwa 80.000 unterschiedlichen Produkten auswählen und schieben über 200 Milliarden Euro in diesen Titeln hin und her.

Unfaire „Abzocke“ bei Zertifikaten?

Dabei kam und kommt es allerdings nach Ansicht des SdK zu zum Teil massiven Auswüchsen. Die Emittenten gewännen dabei praktisch immer, da sie die Anleger zum Teil mit unfairen Methoden „abzockten“. Während Anleger, vielleicht auch aufgrund der gigantischen Werbebudgets der Branche, in vielen Medien praktisch kein negatives Wort über das völlig unregulierte Zertifikategeschäft lesen könnten, knüpften sich große Teile der Presse im Jahr 2005 vor allem die sogenannten „Heuschrecken“ vor.

Die Grohe AG sei dabei zum Musterbeispiel für rücksichtsloses Vorgehen dieser Investoren geworden. Viel weniger bekannt, dennoch spannend und für die betroffenen Anleger auch nicht weniger schmerzhaft sie der Fall Celanese. Ausgesprochen positiv sie hingegen die „Primacom-Story“, verlaufen. Dem maßgeblichen Engagement der beiden SdK-Vorstände Harald Petersen und Markus Straub, die von den Kleinaktionären in den Aufsichtsrat entsandt wurden, sei es zu verdanken, daß dieses schon auf dem „angelsächsischen Opfertisch“ liegende Unternehmen nicht zerschlagen worden sei, heißt es weiter.

Die Aktionäre konnten ihr Eigentum behalten. Der Aktienkurs verzwanzigfachte sich in der Folge und stieg von 25 Cent auf über fünf Euro. Das sei ein schönes Beispiel, daß sich auch gegen scheinbar übermächtige Gegner gemeinsames Engagement lohne. Positiver läßt sich ein an sich kritisches Schwarzbuch Börse kaum beschließen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

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