Finanzmärkte

Wann platzt die chinesische Spekulationsblase?

Von Catherine Hoffmann

18. November 2007 Kleine, lebhafte Blasen machen den Champagner besonders fein. Wer seit Anfang 2006 chinesische Aktien besitzt, hat allen Grund zu feiern. 450 Prozent gewann der kombinierte Index der Börsen in Schanghai und Shenzen seither; allein in diesem Jahr schnellten die Kurse um 150 Prozent in die Höhe und setzten sich an die Spitze aller internationalen Aktienmärkte.

Doch nicht alle wollen sich über die sagenhaften Gewinne freuen. Pessimisten denken beim Thema Blase jedenfalls weniger an die Luxusbrause aus der Champagne als an eine Spekulationsblase. Und die, fürchten sie, könnte bald platzen - so, wie früher die Champagnerflaschen explodiert sind, als der Prozess der Gärung noch unbekannt war. "Die Aktienkurse in China sind zu hoch gestiegen", warnt Klaus Kaldemorgen, Leiter Internationales Aktienfondsmanagement bei der DWS. "Irgendwann platzt die Blase und die Kurse fallen." Die Frage ist nur: Wann?

Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Kurse in China fallen werden

Im Jahr 2005 notierten die chinesischen A-Aktien, die von lokalen Anlegern gekauft werden dürfen, noch auf Achtjahrestief. Dann entschied sich die Regierung, die Aktien von 1400 Unternehmen an die Börse zu bringen, die bisher nicht frei gehandelt werden durften. Sie fanden reißenden Absatz, denn die Chinesen haben kaum eine Alternative zum Aktienmarkt. "Die Rendite der Sparbücher liegt unter der Inflationsrate", erklärt Christina Chung, Leiterin Aktien China bei RCM Asia Pacific. "Das ermuntert die Menschen, ihr Geld an die Börse zu bringen und mit den Ersparnissen auf steigende Kurse zu wetten." Und gespart haben die Chinesen viel. Anleihen, Immobilienfonds oder Lebensversicherung gibt es jedoch kaum. Im Ausland darf das Geld nicht angelegt werden. Da überrascht es nicht, dass Millionen chinesische Sparer in den vergangenen Monaten das Börsenfieber gepackt hat. Das steckt an - zumal viele Hausfrauen, Studenten und Rentner mit Aktien reich wurden.

Die Welle der Euphorie hat nicht nur die Kurse höher gejagt, sondern auch die Bewertung der Aktien. An den Börsen in Schanghai und Shenzen, die fest in der Hand chinesischer Zocker sind, werden Aktien mit dem 50-Fachen der für 2008 erwarteten Gewinne gehandelt. "Die Bewertung ist hoch", stellt Fondsprofi Kaldemorgen fest. "Man kann mit Fug und Recht sagen, dass der Markt deutlich überbewertet ist." Auch die H-Aktien sind nicht mehr billig: Für chinesische Aktien, die von internationalen Anlegern in Hongkong gehandelt werden, wird das 20-Fache des künftigen Gewinns gezahlt.

Langsam geht die Phantasie mit den Anlegern durch. Das belegt schon allein die Tatsache, dass fünf der zehn größten Unternehmen der Welt inzwischen aus China stammen. Dass das nicht unbedingt gerechtfertigt ist, zeigt das Beispiel Petrochina. Der staatliche chinesische Ölkonzern ist mit Abstand das teuerste Unternehmen der Welt und die erste Aktiengesellschaft, die an der Börse mit mehr als 1000 Milliarden Dollar bewertet wird. Das ist doppelt so viel wie der Börsenwert von Exxon. Der amerikanische Ölgigant besitzt aber zweimal so viel Ölreserven wie Petrochina. Das passt nicht zusammen. Dank der Börsenhausse glänzt China heute auch mit der größten Bank, dem größten Versicherer und dem größten Telekomkonzern der Welt.

Optimisten glauben: Da lässt sich noch eins draufsetzen. "Die Bewertungen der A-Aktien können sogar noch höher klettern als in Japan, die Blase dürfte noch größer werden", erwartet China-Expertin Chung. In Nippon erreichten Aktien 1989 auf dem Höhepunkt der Hausse ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 80. Selbst wenn China "nur" das Bewertungsniveau Japans erreichte, könnten sich die Kurse noch verdoppeln.

Zwanzig Prozent der chinesischen Unternehmensgewinne kommen aus Spekulationen am Aktienmarkt

Das ist gut möglich, wenn die chinesischen Aktienkurse den typischen Verlauf spekulativer Blasen nehmen, wie ihn Charles Kindleberger in seinem Buch "Manias, Panics, and Crashes" beschrieben hat: Ein kräftiger Anstieg der Kurse, der durch gute Wirtschaftsdaten und günstige Bewertung fundamental gerechtfertigt ist, wird bald durch spekulative Käufe abgelöst, die auf weitere Kurssteigerungen abzielen und die Aktienkurse über jedes vernünftige Maß hinaus treiben. Durch die hohen Kursgewinne angelockt, steigen immer mehr Anleger in den Aktienmarkt ein und bilden so eine spekulative Blase. Diese ahnungslosen Jungaktionäre würden ihre Ersparnisse normalerweise nicht so risikoreich investieren. Genau in dieser Phase scheint der chinesische Markt zu stecken.

Ins Bild passt auch, dass die China-Story, mit der Anleger immer höhere Kurse rechtfertigen, so schön griffig ist: Kein Land der Welt hat jemals über eine so lange Zeit ein so kräftiges Wirtschaftswachstum hingelegt wie China. Heute befindet sich das Land auf dem Weg zur führenden Wirtschaftsnation der Welt. Klar, dass Anleger davon magisch angezogen werden, zumal die Unternehmensgewinne reichlich fließen. Analysten rechnen derzeit mit einem Wachstum von 36 und 25 Prozent für A-Aktien in den Jahren 2008 und 2009. Das ist eindrucksvoll, aber "zu optimistisch", warnt Thomas Deng von Goldman Sachs. Er schätzt, dass gut 20 Prozent der Unternehmensgewinne aus Spekulationen am Aktienmarkt kommen. Da nährt die Hausse die Hausse - ein gefährliches Spiel.

Chinesische Anleger, die angesichts solcher Warnungen Zweifel überkommen, trösten sich: Die allmächtige chinesische Regierung werde schon dafür sorgen, dass das Börsenmärchen nicht vor den Olympischen Spielen endet, die im August 2008 in Peking ausgetragen werden. Denn dann will sich China von seiner besten Seite zeigen. Die Hoffnung könnte trügen. "Wenn die Stimmung dreht, kann auch die Regierung die Kurse nicht stabilisieren", warnt Kaldemorgen. "Dafür ist der Markt zu groß geworden."



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 56
Bildmaterial: AFP, FAZ.NET, Lombard Street Research, National Bureau of Statistics of China

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