Fusionen und Übernahmen

Düstere Aussichten für 2009

Von Ben Steverman

05. Januar 2009 Wenn die letzten Tage des alten Jahres ein Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse waren, dann sieht es für Fusionen und Übernahmen im Jahr 2009 wirklich düster aus. Jüngster Beleg hierfür sind die Probleme des Chemieriesen Dow Chemical bei der geplanten 15,3 Milliarden Dollar schweren Übernahme des amerikanischen Konkurrenten Rohm & Haas.

Die Durchführung dieser Transaktion ist in Frage gestellt, nachdem der Staat Kuwait ein vereinbartes Gemeinschaftsunternehmen mit Dow platzen ließ, das indirekt einen erheblichen Teil zur Finanzierung der Akquisition beigetragen hätte.

Die Transaktion zwischen Dow Chemical und Rohm & Haas könnte fortgesetzt oder neu ausgehandelt werden, doch auch ein Scheitern käme im gegenwärtig schwierigen Akquisitionsumfeld wenig überraschend. Nach vorläufigen Zahlen von Dealogic wurden im vergangenen Jahr 1.309 Fusionen und Übernahmen im Volumen von insgesamt 911 Milliarden Dollar abgesagt. Das Volumen der durchgeführten Zusammenschlüsse in den Vereinigten Staaten fiel 2008 um 29 Prozent niedriger aus als 2007, zuletzt sind die Fusions- und Übernahmeaktivitäten jedoch fast völlig zum Erliegen gekommen.

Übernahmemarkt leidet unter ausgetrockneten Kreditmärkten

Nach Angaben von R.W. Baird brach das Transaktionsvolumen in Amerika im November 2008 gegenüber dem Vorjahresmonat um 86 Prozent ein. „Ein gewaltiger Rückgang“, der die starke Kreditverknappung im Herbst und die Angst vor einer weltweiten Konjunkturabschwächung widerspiegele, so Howard Lanser, Investmentbanker bei R. W. Baird. „Im Dezember sieht es kaum besser aus.“

Das zurückliegende Jahr „war der reinste Horror“, sagt William Lawlor, Partner und M&A-Experte bei der internationalen Kanzlei Dechert LLP.

Das Austrocknen der Kreditmärkte stellte hierbei das größte Problem dar. Seit Herbst fällt es selbst renommierten Unternehmen schwer, Kredite zur Finanzierung von Akquisitionen zu erhalten. Ganz zu schweigen von den mit höheren Risiken behafteten Private-Equity-Gesellschaften, deren Kreditkanäle bereits Anfang 2008 austrockneten. Nach Schätzungen von Dealogic sank die Zahl kreditfinanzierter Fusionen und Übernahmen im vergangenen Jahr um 71 Prozent.

Ein weiteres Problem ist die Angst: Konzernchefs, Vorstände, Aktieninvestoren und Kreditgeber tun sich im gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzumfeld schwer, Prognosen über die Zukunft von Unternehmen abzugeben. „Wenn dieses Vertrauen als stützender Faktor wegfällt, werden Fusionen und Übernahmen schlicht nicht mehr durchgeführt“, sagt Lawlor.

„Aus der Not geborene Zusammenschlüsse“

Der Akquisitionshunger der Unternehmen ist jedoch aus verschiedenen Gründen weiterhin vorhanden. Viele geplante Transaktionen sind „aus der Not geborene Zusammenschlüsse“, sagt Robert Filek, Partner der Transaction Services Group bei PricewaterhouseCoopers. „Die wirtschaftliche Realität zwingt [Unternehmen] zu diesen Transaktionen“. Unternehmen müssten Vermögenswerte verkaufen, um sich Kapital zu beschaffen oder unter den Mantel eines stärkeren Konkurrenten schlüpfen, der anschließend Kosteneinsparungen vornimmt, so Filek. Zu Transaktionen dieser Art kam es vor allem im stark gebeutelten Finanzsektor. Die 44,3 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America ist nur eines von vielen Beispielen.

Im Jahr 2009 könnten Unternehmen von den Möglichkeiten profitieren, die sich durch die Marktturbulenzen eröffnen. Die Aktienkurse mancher Unternehmen würden zu „großartigen Deals“ einladen, so Lawlor. „Es gibt da draußen einfach zu viele Chancen.“

Marino Marin, Geschäftsführer der Investmentbank Gruppo, Levey & Co., rechnet für 2009 mit Fusions- und Übernahmemöglichkeiten in Branchen wie Bergbau, Gesundheitswesen, Medien und Technologie. Lanser von R. W. Baird erwartet Transaktionen in den Bereichen Technologie, Gesundheitswesen sowie Aus- und Weiterbildung. Nach seiner Meinung könnten auch Private-Equity-Investoren mit rund 350 Milliarden Dollar „Kapital in Wartestellung“ ihre Chancen wittern.

Zögerliche Kreditvergabe, ungewisser Ausblick

Doch selbst Optimisten bezüglich Fusions- und Übernahmeaktivitäten räumen ein, dass sich zunächst die Rahmenbedingungen ändern müssen, bevor Käufer damit beginnen, Transaktionen abzuschließen, anstatt sie abzusagen. Die Kreditmärkte hätten sich seit Oktober zwar ein wenig erholt, allerdings erst, nachdem „das Bankensystem in den Vereinigten Staaten fast völlig zusammengebrochen war“, sagt Lanser. „Banken horten nach wie vor Geld“, das zur Finanzierung von Übernahmetransaktionen erforderlich wäre, fügt er an. „Es herrscht ein Kreditengpass“.

Daneben herrscht allgemeine Verunsicherung, die wie eine dunkle Wolke über der gesamten Wirtschaft hängt. Filek nennt zwei Extrembeispiele: In der Energieindustrie hätten die starken Ölpreisschwankungen sämtliche Prognosen künftiger Finanzergebnisse von Öl- und Gasfirmen über den Haufen geworfen, weshalb die Chefs von Energiekonzernen wenig Interesse an Akquisitionen zeigten. Im Automobilsektor liege die Konsolidierung derweil durch Zweifel an der Zukunft der amerikanischen Fahrzeugindustrie auf Eis. „Fusionen und Übernahmen im Autosektor kommen nicht in Fahrt, solange unklar ist, wie eine Neustrukturierung der amerikanischen Automobilindustrie aussehen wird“, sagt Filek.

Die größte Hoffnung für eine Belebung der Fusions- und Übernahmeaktivitäten ist eine schrittweise erfolgende Stabilisierung des Wirtschaftsumfelds und der Kreditmärkte. „Mit dem neuen Jahr keimt auch neue Hoffnung auf“, sagt Lanser. Bis dahin müssten Banker beim Abschluss von Transaktionen „sehr kreativ“ sein, so Marin.

Der weitere Fortgang der geplanten Akquisition von Rohm & Haas könnte im noch jungen Jahr 2009 ein erster Indikator dafür sein, wie es angesichts der härtesten Rahmenbedingungen für Fusionen und Übernahmen seit einer Generation um die Fähigkeiten zum Abschluss derartiger Transaktionen bestellt ist.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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