15. Oktober 2008 Investmentbanker an der Wall Street machen sich auf tiefgreifende Änderungen gefasst. Nachdem die amerikanische Regierung ihre geplante Beteiligung an zahlreichen Banken durchgesetzt hat, erwarten Kenner der Branche ein Ende der bisherigen Risikokultur, niedrigere Gehälter und insgesamt herbe Kratzer für das Selbstverständnis der Wall-Street-Banker als Meister des Universums.
Es ist eine revolutionäre Veränderung - staatliche Beteiligung, staatliche Kontrolle. Ich glaube nicht, dass die Leute wirklich das Ausmaß begreifen, sagt Peter Solomon, Gründer der kleinen Investmentbank Peter J. Solomon Company.
Kapitalspritze von insgesamt 250 Milliarden Dollar für die Banken
Finanzminister Henry Paulson hatte am Montagnachmittag die Vorstandschefs der neun größten amerikanischen Banken ins Finanzministerium gebeten. Dort präsentierte er gemeinsam mit Notenbank-Chef Ben Bernanke und Sheila Bair, der Vorsitzenden der Einlagensicherungsbehörde FDIC, seinen Plan für eine Kapitalspritze von insgesamt 250 Milliarden Dollar für die gesamte Branche. Dann bat der Finanzminister, der mit dieser radikalen Maßnahme die Kreditkrise beenden will, die Banker um ihre Unterschrift.
Obwohl vereinzelte Vorstandschefs die Notwendigkeit des staatlichen Kapitals für ihr Institut in Frage stellten, unterzeichneten schließlich alle. Raum für Verhandlungen gab es ohnehin nicht. Jeder von uns, der nicht eine gesunde Furcht vor dem Ungewissen hat, hat nicht aufgepasst, sagte Kenneth Lewis, der Vorstandschef der Bank of America. Das war ein klarer Hinweis auf die jüngsten Turbulenzen, die zum Zusammenbruch mehrerer Finanzgiganten geführt hatte.
Analysten prognostizieren ein Ende der hohen Renditen für die Überlebenden der Kreditkrise. Der Eingriff der Regierung wird wahrscheinlich stärkere Begrenzungen des Risikos und erhöhte Kapitalreserven nach sich ziehen, meint Analyst David Trone vom Wertpapierhaus Fox-Pitt, Kelton. Die Folge: niedrigere Gewinne bei den Banken an der Wall Street.
Alte Hasen der Branche wie der Fondsmanager Mike Holland vom Vermögensverwalter Holland & Co. vergleichen die aktuelle Krise mit den siebziger Jahren. Damals sei die Go-Go-Ära der Sechziger von einer Periode steigender Inflation und Zinsen abgelöst worden, was zu schwacher Entwicklung der Aktienbörsen führte. Das goldene Zeitalter des frühen 21. Jahrhunderts geht zu Ende, sagte Holland dem Wall Street Journal. Im kommenden Jahrzehnt würden Investmentbanker weniger Häuser und Yachten in den Hamptons besitzen, der bei wohlhabenden New Yorkern beliebten Sommerfrische auf Long Island. Die ganze Faszination mit der Wall Street und dem Investmentbanking werde abnehmen.
Eigenhandel in der bisherigen Form wird kaum bestehen bleiben - Margen sinken
Diese Faszination, die viele Absolventen der Eliteuniversitäten in die Bürotürme des New Yorker Finanzdistrikts oder zu den vor den Toren New Yorks beheimateten Hedge-Fonds lockte, hatte viel mit Geld zu tun. Im vergangenen Jahr zahlten die sieben größten New Yorker Wall- Street-Banken ihren Mitarbeitern im Durchschnitt einen Bonus von 180.000 Dollar. Damit lag allein der Bonus fast viermal so hoch wie das mittlere Einkommen amerikanischer Haushalte.
Das Wachstum war eine Folge des geliehenen Kapitals, mit dem Wall-Street-Banken ihr Geschäft finanzierten. Der Staat werde als Teilhaber aus Rücksicht auf die Steuerzahler ein hohes Risiko aber nicht mehr tolerieren, sagt Investmentbanker Solomon. Ein Spitzenmanager bei einer der Banken, an denen sich die Regierung beteiligen wird, glaubt, dass der für sein Geschäft bisher sehr wichtige Eigenhandel nicht mehr in dieser Form bestehen wird: Das wird unsere Gewinnmargen enorm belasten. Die Folge könnten weitere Fusionen unter Banken sein, was zu weiteren Stellenstreichungen und sinkenden Gehältern führen dürfte. Der Finanzchef der Stadt New York, Bill Thompson, erwartet, dass in den kommenden 24 Monaten 35 000 Stellen in der New Yorker Finanzbranche wegfallen werden. Noch im Juli hatte er mit 10.000 weniger Stellenstreichungen gerechnet.
Das Finanzministerium will ohnehin die Vergütung der Bankmanager eindämmen. Eine konkrete Obergrenze für die Bezahlung von Spitzenmanagern gibt es nicht. Aber Banken können eine Vergütung von mehr als 500.000 Dollar in bar steuerlich nicht absetzen. Dazu soll es keine hohe Abfindungen mehr geben, solange die Regierung an den Banken beteiligt ist. Auch sollen Anreize für unnötige und exzessive Risiken verboten werden. 2007 hatten die neun Banken, mit denen der Finanzminister sein Abkommen geschlossen hat, ihren Vorstandschefs 289 Millionen Dollar gezahlt. Die Vorgaben des Ministeriums gelten für die fünf höchstbezahlten Manager. Experten erwarten aber, dass sich diese Einschränkungen auch auf andere Mitarbeiter auswirken werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP