Bauindustrie

Strabags Russland-Phantasie: Der größte Börsengang Österreichs wird zum Erfolg

19. Oktober 2007 Im zweiten Anlauf ist der größte Börsengang in der Geschichte Österreichs erfolgreich über die Bühne gegangen. Die Aktie des österreichisch-deutschen Baukonzerns Strabag notierte am Freitag zum Handelsstart und -schluss mit rund 50 Euro gut sechs Prozent über dem Ausgabepreis von 47 Euro. Zeitweise wurden in Wien sogar bis zu 51,19 Euro für das Papier bezahlt. Unterdessen rechnen Börsianer damit, dass die Aktie noch mehr Potential hat. Vor allem der russische Großaktionär Oleg Deripaska soll den Konzern beim Wachstum unterstützen.

Anleger entfalten Rekordnachfrage

Das Interesse der Anleger an der Bau-Aktie war hoch. Gleich zu Beginn belief sich das Handelsvolumen auf 973.691 Stücke. Damit wechselten mit dem ersten Börsenkurs Strabag-Aktien im Wert von knapp 50 Millionen Euro den Besitzer. Insgesamt wurden über den Tag 7,9 Millionen Stück umgesetzt - das waren neunmal mehr gehandelte Aktien als bei der Nummer zwei, Erste Bank.

Rekorde verzeichnete Strabag schon beim Verkauf. Nach Angaben des Unternehmens hatten 100.000 Privatleute Aktien gezeichnet. Für ein Land mit rund acht Millionen Einwohnern eine beeindruckende Zahl: Bezogen auf deutsche Verhältnisse wären das eine Million Erstzeichner. 26 Prozent der Emission wurden österreichischen Kleinanlegern zugeteilt. 15 Prozent gingen an institutionelle Anleger in Österreich, der Großteil an internationale Großanleger mit Schwerpunkt Europa.

Die Russland-Connection bei Strabag

Auch russische institutionelle Investoren seien bedient worden, hieß es. Das ist nachvollziehbar, zumal vor dem Börsengang ein Russe groß bei Strabag eingestiegen war. Der Oligarch Oleg Deripaska, zweitreichster Mann im Lande Putins, ist bereits seit Frühjahr in großem Umfang bei dem Baukonzern engagiert. Künftig befinden sich rund 25 Prozent der Strabag im Streubesitz; Deripaska, die Raiffeisen-Uniqa-Gruppe sowie Vorstandschef Hans Peter Haselsteiner und seine Familie werden jeweils rund 25 Prozent halten.

Aus dem Bestand der Altaktionäre wurden rund 9,2 Millionen Aktien plaziert. Sie erlösen damit rund 432 Millionen Euro. An das Unternehmen gehen brutto rund 893 Millionen Euro. Geld, das in die Expansion fließen soll. Strabag will vor allem in Osteuropa und speziell in Russland wachsen. Die Hoffnungen richten sich dabei auf Deripaska und seinen Einfluss. Unter anderem soll Strabag stark von der 2014 im russischen Sotschi stattfindenden Winterolympiade profitieren.

„...ob Präsident oder Fischer in Alaska: Es bleibt sein Land“

Gerade die Aussichten in Russland bildeten bei Strabag die interessante Börsenstory, konstatierten Fachleute. Fondsmanager Walter Harecker von der Wiener Constantia Privatbank AG glaubt, dass sich Strabag „ein Stück vom Kuchen abschneiden“ kann. Tatsächlich wächst der Bauindustriemarkt in Russland viermal schneller als der in Westeuropa.

Strabag-Chef Haselsteiner verspricht sich selbst viel vom dortigen Geschäft und setzt auf Putin und seine Erben. „Die gegenwärtige Oligarchie bleibt wenigstens 20 bis 30 Jahre an der Macht“, sagte er in einem Interview und fügte hinzu: „Es spielt keine Rolle, ob Putin Präsident, Premierminister oder Fischer in Alaska ist. Es bleiben sein Land und seine Regierung in irgendeiner Form.“

Und diese Regierung plant Schätzungen von Strabag zufolge bis 2011 Investitionen von 200 Milliarden Euro, um die Infrastruktur zu verbessern. Der österreichische Baukonzern will dabei sein: beim Bau von Straßen, Brücken, Hotels und öffentlichen Gebäuden. Ein bedeutender Anteil des Cashflows fließe in Länder der früheren Sowjetunion, sagte Haselsteiner. Das Wachstum in Russland sei nur von einem Faktor begrenzt: Von der eigenen Fähigkeit, Kapazitäten aufzubauen.

Sind wirklich noch 20 Prozent drin?

Börsianer können der Euphorie Haselsteiners, der Strabag zum größten Baukonzern Europas machen will (Umsatz 2006: 9,43 Milliarden Euro), einiges abgewinnen: „Kurse von 60 Euro noch in diesem Jahr halte ich durchaus für realistisch“, sagte ein Börsianer. Das wäre ein weiterer Zuwachs von fast 20 Prozent.

Anlegerschützer warnen dennoch vor übertriebenen Erwartungen. Der Emissionspreis sei relativ hoch. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der erwarteten Gewinne für 2008 liegt bei ungefähr 20. Im Branchenschnitt betrage das entsprechende KGV 13,7, hat der österreichische Interessenverband für Anleger (IVA) errechnet. Und das KGV des Wiener Leitindex ATX, in den Strabag am Montag aufgenommen wird, kommt gar nur auf 11,5. Als Schnäppchen geht Strabag also nicht mehr durch.



Text: @tih
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET, REUTERS

 
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