Interview

„Google wird ein Schlüsselengagement werden“

23. Juni 2004 Technologiefonds sind umstritten. Der Amerindo Technology Fund gehört zu den erfolgreicheren. Fondsmanager Alberto Vilar nennt die Gründe für die kräftige Erholung seines Fonds, der seit Jahresbeginn 23 Prozent zulegen konnte.

In Bezug auf den Technologiesektor ist Alberto Vilar so erfahren, wie man es nur sein kann. Der 63-jährige President von Amerindo Investment Advisors hat in den vergangenen 24 Jahren in alle möglichen Titel aus dem Hardware-, Software-, Netzwerk- und Biotechnologiebereich investiert. Nach einigen heftigen, baissebedingten Verlusten konnte sein vor sieben Jahren aufgelegter Investmentfonds Amerindo Technology seit Jahresbeginn um 23 Prozent zulegen und steht damit wieder ganz oben an der Spitze. Im Vergleich dazu büßte der durchschnittliche Technologiefonds 1,6 Prozent ein.

Lewis Braham, Finanzautor bei BusinessWeek, hat sich vor Kurzem mit Vilar in dessen New Yorker Büro zu einem Gespräch getroffen.

Was meinen Sie, warum hat Ihr Fonds in diesem Jahr bislang so gut abgeschnitten, wo doch die meisten Technologiefonds Federn lassen mußten?

Wir investieren in aufstrebende Technologieunternehmen, die sich in diesem Jahr weitaus besser entwickelt haben als ihre ausgereiften Wettbewerber. Uns gefallen die Aktien von Internetanbietern, Netzwerk- und Breitbandspezialisten sowie Biotechnologieunternehmen. Unsere großen Zugewinne in diesem und im vergangenen Jahr verdanken wir also den Internettiteln eBay, Yahoo! sowie Expedia und ImClone Systems sowie Gilead Sciences auf der Biotech-Seite.

Hinzu kommt, daß unser Portfolio im Vergleich zum durchschnittlichen Investmentfonds zu einer weitaus größeren Konzentration neigt. Wir halten im Schnitt ungefähr 20 verschiedene Titel, so daß jeder größere Kurszuwachs bei einem von ihnen bei uns bereits deutlich zu Buche schlägt. Im Gegensatz halten die meisten anderen Fonds zu viele Titel auf einmal und investieren außerdem in die Technologie von gestern. Ich gehörte in den neunziger Jahren zu den ersten Anlegern, die in Microsoft und Cisco Systems investiert haben. Mittlerweile sind diese beiden Unternehmen jedoch ausgereift und schneiden längst nicht mehr so gut ab.

Ich persönlich würde Yahoo! und eBay nun nicht gerade als aufstrebende Technologieunternehmen bezeichnen.

Die Marktkapitalisierung eines Unternehmens spielt für uns keine Rolle. Was uns dagegen interessiert, ist der technologische Aspekt. Google wird zwar nach seinem Börsengang in diesem Sommer über eine enorme Marktkapitalisierung verfügen, trotzdem ist es in unseren Augen nach wie vor als aufstrebender Technologietitel zu werten. Mit anderen Worten: Die Technologie des Unternehmens ist noch nicht stark kommerzialisiert. Das bedeutet nichts anderes, als daß Google beträchtliche Gewinnmargen erzielen kann, weil seine Manager über einen technologischen Vorsprung verfügen.

Werden Sie Aktien von Google kaufen?

Das Unternehmen sieht nach einem Schlüsselengagement für uns aus. Ob wir allerdings gleich bei seinem Börsengang zugreifen werden, hängt vom Preis ab. Wenn seine Marktkapitalisierung beim IPO über die Marke von 40 Milliarden Dollar schießt, könnte ich mich so lange zurückhalten, bis die Spekulationen abgeebbt sind und der Titel billiger wird.

Warum sind die Aktien von Yahoo! in letzter Zeit so in die Höhe geschossen, stellt Google nicht eine direkte Gefahr für das Unternehmen dar?

Meines Erachtens hat sich da draußen ein legitimer bezahlter Suchmarkt etabliert, und Google wird nicht 95 Prozent des Geschäfts auf sich ziehen können. Es gibt noch genügend Platz für ein oder zwei weitere Akteure. Sowohl Yahoo! als auch Google profitieren von der allgemeinen Aufhellung im Werbemarkt in diesem Jahr. Zur Zeit hält das Internet nur drei Prozent an diesem Markt, was aber nicht so bleiben wird. Fakt ist, daß die großen Fernsehsender, die Direktmailing-Unternehmen sowie Verlagshäuser bereits Marktanteile an das Internet verlieren. Die Menschen verbringen nämlich mehr Zeit „online“, entsprechend geben Werbetreibende dort auch mehr Geld aus. Yahoo! und Google sind die größten Profiteure dieses Trends.

Welche Aktien haben Sie in letzter Zeit gekauft?

Ich habe nicht viel gekauft. Bei einem Unternehmen handelt es sich um Eyetech Pharmaceuticals, dessen eines Produkt zur Behandlung von Makuladegeneration - die Hauptursache für Erblindung im Alter - gerade in klinischen Tests untersucht wird. Die Aktien von Amazon.com mußten vor Kurzem eine große Korrektur hinnehmen, was wir zur Aufstockung unserer Position zum Anlaß nahmen. Des Weiteren haben wir unser Engagement in Juniper Networks und XM Satellite Radio ausgebaut.

XM Satellite Radio?

Ja. Das Unternehmen verfügt über eine ganz neue digitale Radiotechnologie, die eine Gefahr für das kommerzielle Radio darstellen könnte. Sie abonnieren XM, zahlen einen gewissen Betrag pro Monat und empfangen die von Ihnen gewünschte Musik, die über Satellit direkt an Ihr Auto bzw. Heim gesendet wird - und das Ganze ohne Werbung. Die Zahl der Abonnenten hat rapide zugenommen, empfinden viele Zuhörer das kommerzielle Radio als doch zu werbelastig.

Mit der Performance Ihres Fonds ging es während des Bärenmarktes steil nach unten. Was haben Sie daraus gelernt?

Nun, zum einen werde ich künftig dem IPO-Markt mehr Aufmerksamkeit schenken. In der Vergangenheit hat sich der Zustand dieses Marktes immer als einer der besten Indikatoren für eine mögliche Überhitzung der Märkte erwiesen. Wenn eine neue Aktie am Tag ihrer Erstnotiz bereits den dreifachen Wert erzielt, so ist dies ein Zeichen dafür, daß die Märkte zu spekulativ werden. Auch meine ich, daß man in diesen Zeiten immer etwas abgesichert sein sollte - sei es über Leerverkäufe oder ein gewisses Liquiditätspolster.

Dessen ungeachtet handelte es sich bei diesem Bärenmarkt meiner Ansicht nach um ein sehr seltenes Ereignis, das sozusagen nur einmal im Leben vorkommt. Von den diversen Skandalen und dem 11. September einmal abgesehen unterlag der Technologiesektor dem, was wir eine Paradigmaverschiebung nennen. Jeder besaß schon sämtliche Router, die er für seinen PC benötigte - folglich gingen die Kundenserverumsätze allmählich zurück und damit verhielt sich auch der Großteil des Sektors rückläufig. Eine Paradigmaverschiebung wie diese dürfte meines Erachtens jedoch zumindest für die nächsten zehn Jahre kein Thema mehr sein. Der Internet-/Netzwerkzyklus wird eine lange Zeit anhalten. Alles wird online getätigt werden.

Wie sieht es mit den Bewertungen aus?

Wenn man Unternehmen wie eBay oder Yahoo! betrachtet, so mögen diese in puncto Bewertung als nicht mehr ganz die Jüngsten erscheinen. Aber noch vor einem Jahr glaubte jeder, daß eBay in den nächsten zwölf Monaten einen freien Cashflow in Höhe von 400 Millionen Dollar erwirtschaften würde. Mit 800 Millionen Dollar erzielte das Unternehmen dann das Doppelte. Cisco steigerte seinen Cashflow neun Jahre nach seinem Börsengang um jährlich 100 Prozent - ebenso Oracle. All das zeigt, daß sich das Potential aufstrebender Technologieunternehmen nur schwer parametrisieren läßt. Mit dem Tag, an dem Sie das können, ist der Zeitpunkt gekommen, sich von dem jeweiligen Titel besser zu trennen.

Text: @cri

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