Aktienmarkt Türkei

Politik diktiert die Kurse an Istanbuls Börse

04. Mai 2007 Der türkische Aktienmarkt gilt unter professionellen Anlegern als eine sehr schwierige Börse. Diesem Ruf ist sie in den vergangenen Tagen vollauf gerecht geworden. Erst markierte der ISE National Index ein neues Rekordhoch – und brach kurz danach innerhalb von nur zwei Handelstagen um mehr als 7 Prozent ein. Auslöser für den drastischen Stimmungsumschwung war wie so oft in der Türkei die Politik. Die Wahl des neuen Staatspräsidenten ist zu einem offenen Machtkampf zwischen der regierenden Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei AKP und dem Militär geworden.

Dabei war zunächst die Erleichterung unter den Anlegern groß, als der amtierende Ministerpräsident Erdogan seinen Verzicht auf eine Kandidatur erklärte. Doch auch mit dem als Ersatzkandidaten vorgeschlagenen und im ersten Wahlgang gescheiterten Außenminister Gül haben Opposition und Militär ihre Probleme. Wie groß diese sind, zeigt sich daran, dass die Armeeführung im Falle einer Wahl von Gül die Möglichkeit eines Putsches andeutete.

Zu tun haben die Vorbehalte letztlich mit der Befürchtung, ein von der mit islamistischen Wurzeln behafteten AKP gestellter Staatspräsident könnte die säkulare Staatsform gefährden. Genau das aber will das Militär unter Berufung auf das Vermächtnis von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk, der das säkulare Staatswesen eingeführt hat, mit aller Macht verhindern. Nachdem das Verfassungsgericht die erste Wahl des Präsidenten annulliert hat und vorgezogene Neuwahlen beschlossen wurden, hat sich die Situation zunächst etwas entspannt.

„Kurzfristig hat sich das Bild deutlich eingetrübt“

Die meisten Broker raten ihren Kunden trotzdem weiter zu einer defensiven Haltung. Stellvertretend für viele Experten steht die Empfehlung von Ali Riza Incekara von Raymond Securities: „Kurzfristig hat sich das Bild deutlich eingetrübt. Bis zu den Wahlen dürfte es aus unserer Sicht ein weiser Schritt sein, die Gewichtung türkischer Aktien zu reduzieren.“ Die Bereitschaft, diesem Ratschlag zu folgen, dürfte auch deshalb groß sein, weil türkische Aktien in diesem Jahr bisher mit zu den besten Vertretern unter den Schwellenländern zählten, es also noch Kursgewinne zu verteidigen gibt. Außerdem hassen Börsianer nichts mehr als Unsicherheit – doch genau diese wird mindestens noch bis zu den Wahlen am 22. Juli anhalten.

Allerdings sind unsichere Verhältnisse alles andere als ein ungewohntes Umfeld für türkische Aktien. Der Markt hat sich deswegen in den vergangenen zehn Jahren per saldo nicht von extrem hohen Kursgewinnen abhalten lassen. Der ISE National 100 Index ist auf Lira-Basis seit 1997 – ausgehend von einem Niveau von rund 1400 Punkten – bis auf das unlängst aufgestellte Rekordhoch von 48.033 Punkten geklettert. Und auch die Konjunktur zeigte sich zuletzt in einer widerstandsfähigen Verfassung. Trotz drastischer Leitzinserhöhungen ist die Wirtschaft im Vorjahr um 6,1 Prozent gewachsen. Seit 2002 hat das Bruttoinlandsprodukt jährlich im Schnitt sogar um 7 Prozent zugelegt – verglichen mit lediglich 1,6 Prozent in den Euro-Ländern.

Wird der Demokratisierungsprozess aufrechterhalten?

Vergangenes Jahr strömten zudem 19,8 Milliarden Dollar an ausländischem Geld in die Türkei – soviel wie nie zuvor. Und im ersten Quartal 2007 beliefen sich die ausländischen Investitionen auf weitere elf Milliarden Dollar. Wie die Analysten von der WGZ Bank betonen, ist das Land aber auch auf stetige Kapitalzuflüsse angewiesen. Schließlich gilt es, eine hohe Staatsverschuldung und das ebenfalls hohe Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. So gesehen kann es sich die Türkei auch finanziell normalerweise nicht leisten, ausländische Anleger zu verschrecken.

Sollte dieser Umstand zu einer friedlichen Konfliktbewältigung beitragen, bestünde die Hoffnung, dass sich im weiteren Jahresverlauf die hohen Realzinsen etwas zurückbilden. Dies könnte dann viele Anleger in den Markt zurücklocken, zumal der türkische Markt mit einer relativ moderaten Bewertung aufwarten kann. Bei dem Handelshaus Oyak wird das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der für 2008 erwarteten Gewinne auf 10,5 beziffert. Das ist nicht nur im internationalen Vergleich günstig, sondern auch gemessen an dem für das kommende Jahr erwarteten Gewinnwachstum von im Schnitt 34 Prozent (ohne Holding-Gesellschaften und Versicherungen).

Die anstehenden Wahlen und das komplizierte Wahlsystem werden aber ihren Teil dazu beitragen, dass die Bewertung in den Überlegungen der Anleger in den kommenden Wochen nur eine untergeordnete Rolle spielen wird. Wie die Schwellenländer-Experten von Charlemagne Capital vermuten viele Marktstrategen, dass die Kursrichtung zunächst nur davon abhängen dürfte, ob der Demokratisierungsprozess aufrechterhalten wird oder nicht.

Text: JüB., F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET

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