Minenwerte

Bergbauunternehmen: Größe ist Trumpf

Von V. Scully und I. Sender, S&P

14. Mai 2007 Eine Welle an bestätigten und unbestätigten Übernahmemeldungen beschert den weltgrößten Bergbauunternehmen derzeit steigende Aktienkurse. Anleger spekulieren darauf, dass die Branche in eine verstärkte Konsolidierung eintritt, in der führende Unternehmen stattliche Prämien für kleinere Mitbewerber bieten, um ihr Marktgewicht zu erhöhen und im kommenden Jahrzehnt international konkurrenzfähig zu bleiben.

Die wachsende Nachfrage nach Industriemetallen, vornehmlich aus Asien, hat die Preise für Kupfer, Aluminium, Nickel und Eisenerz in den vergangenen fünf Jahren nach oben getrieben und den Bergbauunternehmen satte Gewinne gebracht. Mit prallen Kassen streben diese Unternehmen nun danach, ihre Stellung in einer zunehmend globalisierten Wertschöpfungskette zu festigen.

Drang nach Größe

„Hinter der Konsolidierung im Metall- und Bergbausektor steht der Drang nach Größe, um Kosten zu senken und die Verhandlungsmacht gegenüber Kunden, Zulieferern und Regierungen zu erhöhen“, erläutert Leo Larkin, Aktienanalyst von Standard & Poor's. „Ermöglicht werden Übernahmen durch die Kombination aus steigenden Aktienkursen, hohen Metallpreisen, allgemein starken Bilanzen und ausreichend freiem Cashflow.“

Ein unbestätigter Dow-Jones-Bericht, demzufolge der nach Unternehmenswert weltgrößte Minenkonzern BHP Billiton an der Übernahme des weltweit viertgrößten Bergbauunternehmens Rio Tinto interessiert sei, hat die Aktien beider Akteure vergangene Woche auf neue Rekordstände gehoben. Die Aktien von Rio Tinto verteuerten sich seit Ende April um über 15 Prozent.
Auch die Aktien des amerikanischen Stahlherstellers AK Steel legten in den vergangenen Tagen deutlich zu, nachdem der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor Mittal einem unbestätigten Bericht der Financial Times zufolge eine Übernahme des Unternehmens erwäge.
Alcoa umwirbt Alcan

Die Aktienkurse von Alcoa und Alcan zogen vergangene Woche an, nachdem der aus den Vereinigten Staaten stammende, weltgrößte Aluminiumproduzent Alcoa ein feindliches Übernahmeangebot für seinen kanadischen Branchenrivalen vorlegte. Nach Angaben von Alcoa solle dieser Schritt die Wettbewerbschancen gegenüber den aufstrebenden Konkurrenten aus Russland, Indien, China und dem mittleren Osten steigern. Um die Übernahmeabsichten von Alcan zu bekräftigen, unterbreitete Alcoa seine Offerte direkt an die Alcan-Aktionäre, nachdem auf Verwaltungsratsebene bislang zwei Jahre ohne Erfolg über einen Zusammenschluss verhandelt worden war.

„Angesichts der anhaltenden Branchenkonsolidierung ist der geplante Zusammenschluss für Alcoa ein sinnvoller Schritt zur Erhaltung seiner Wettbewerbsfähigkeit“, so Larkin. „Das Unternehmen verbessert damit seine Position gegenüber Konkurrenten, Zulieferern und Kunden. Größe ist Trumpf.“

Aktien haben aus Bewertungssicht an Attraktivität eingebüßt

Nach Übernahme von Alcan wäre Alcoa das fünftgrößte Bergbauunternehmen der Welt und läge mit Geschäftsaktivitäten in 67 Ländern und einem Anteil an der weltweiten Produktionskapazität für Aluminium von 21 Prozent weit vor seinem größten Mitbewerber. Ein Zusammenschluss von Rio Tinto und BHP würde die weltweit zweit- und drittgrößten Exporteure von Eisenerz vereinigen. Während Bergbauunternehmen an Größe zulegen müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, haben die Aktien dieser Unternehmen aus Bewertungssicht an Attraktivität eingebüßt. Larkin stufte Alcan unlängst von „kaufen“ auf „halten“ zurück und setzte die Empfehlung für Alcoa von „halten“ auf „verkaufen“ herunter. Daneben senkte er die Einstufung von AK Steel von „kaufen“ auf „halten“.
Larkin sieht für die Aktien von Alcoa und Alcan im kommenden Jahr kein allzu großes Steigerungspotenzial mehr. „Nach unserer Ansicht würde Alcoas Wettbewerbsfähigkeit langfristig von dieser Übernahme profitieren, doch nachdem die Aktien über unserem Kursziel von 36 Dollar gehandelt werden, sind sie in unseren Augen derzeit nicht attraktiv“, so Larkin.
Mögliche Hürden

Bergbauaktien sehen sich indes einigen potenziellen negativen Faktoren ausgesetzt. So ist es durchaus möglich, dass Alcan die Übernahmeofferte von Alcoa nicht akzeptiert (das Alcan-Management wolle die Übernahme prüfen, bevor sie ihren Aktionären eine Empfehlung ausspreche) oder dass die Übernahmeangebote von Rio Tinto oder AK Steel im Sande verlaufen. Larkin geht allerdings davon aus, dass die Ankündigung einer konkurrierenden Übernahmeofferte für Alcan oder sogar für Alcoa gleichermaßen wahrscheinlich ist. Alcan-Aktien werden gegenwärtig über den von Alcoa angebotenen 73,25 Dollar je Aktie gehandelt, was darauf schließen lässt, dass Anleger von der Möglichkeit eines höheren Angebots ausgehen.

Wenn die größten Unternehmen noch größer werden, gelangen sie außerdem ins Visier der Kartellbehörden, da ihr Marktanteil steigt, nachdem ihre Mitbewerber von der Bildfläche verschwunden sind. Daneben könnte auch der Nationalstolz ins Spiel kommen, wenn bedeutende Unternehmen wie etwa Alcan in ausländische Hände fallen. Alcoas Management habe bezüglich seines Übernahmeangebots nach eigenen Aussagen bereits Kontakt mit den Aufsichtsbehörden aufgenommen und sei zuversichtlich, dass für eventuell auftauchende Schwierigkeiten eine Lösung gefunden werde.

Vaughan Scully ist Reporter für S&P Global Editorial Operations. Isabelle Sender ist Reporterin für S&P Global Editorial Operations.



Text: Businessweek Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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