31. März 2008 Manche Zahlen hören sich einfach so gut an, dass jeder sie kolportiert, ohne sie zu überprüfen: 100.000 Prozent beträgt angeblich die jährliche Inflationsrate in Zimbabwe. Andere sprechen von lediglich 66.000 Prozent. Ein Jahr zuvor lag sie bei schätzungsweise 50.000 Prozent. Die reale Teuerungsrate liege längst bei 150.000 Prozent, meinen manche Wirtschaftsexperten. Doch wie schnell die Preise in dem Land tatsächlich steigen, weiß eigentlich niemand - außer, dass die Geschwindigkeit längst die Vorstellungskraft europäischer Verbraucher überfordert.
Der wirtschaftliche Niedergang in dem afrikanischen Land, das nördlich an Südafrika angrenzt, scheint sich noch weiter zu beschleunigen. Lediglich die Börse in der Hauptstadt Harare beeindruckt dies nicht. Der Tag, an dem auch ein Handel zustande gekommen war, liegt offenbar schon einige Tage zurück. Nach dem umstrittenen Ausgang der Präsidentschafts-, Parlaments und Kommunalwahlen vom Sonntag kommt zur wirtschaftlichen Instabilität nun auch noch politische Ungewissheit hinzu. Die Opposition beansprucht den Wahlsieg für sich (Präsidenten- und Parlamentswahlen: Opposition in Zimbabwe erklärt sich zum Sieger), aber auch am Montagnachmittag lag das offizielle Wahlergebnis nicht vor.
Atemberaubende Achterbahnfahrt an der Börse Harare
Dafür geht es an der Börse Harare so kräftig rauf und runter, dass es auch dem abgebrühtesten Zocker schwindlig werden dürfte. Zu Jahresbeginn lag der Aktienindex Zimbabwe Industrials, der sämtliche Aktie des Landes bis auf die Minengesellschaften umfasst, bei rund 2 Milliarden Punkten. Im Laufe des Januar stieg er auf 2,5 Milliarden Punkte und stürzte sodann auf gut 1,5 Milliarden Punkte wieder ab.
Dann aber ging es erst so richtig rund: Im Februar jagten die Anleger den Index auf ein Rekordhoch von 4,46 Milliarden Punkten - er verdreifachte sich somit in weniger als drei Wochen - und stürzte innerhalb weniger Tage auf gut 400 Millionen. Anschließend legt der Index einen kurzen Steilflug ein und fiel auf zuletzt 107 Millionen Punkte. Das war das vorläufige Ende einer atemberaubenden Achterbahnfahrt.
4000 Prozent Kursgewinn in diesem Jahr
Die gute Nachricht ist: Trotz diesem schwindelerregenden Auf und Ab gibt es so gut wie keine Kursverlierer an der Börse Harare. Dafür schlagen die Kursgewinner sämtliche Rekorde: CFI Holdings verteuerten sich seit Jahresanfang um knapp 4000 Prozent. Das relativiert die Kursgewinne der übrigen Favoriten: Radar Holdings legten um 2200 Prozent zu, Seed Company um 1780 Prozent, Star Africa Corporation und National Food Holdings jeweils um 1400 Prozent. Doch angesichts einer Teuerungsrate von schätzungsweise 25.000 Prozent im gleichen Zeitraum wäre eine Geldanlage an der Börse Harare dennoch, in Zim-Dollar gerechnet, ein schlechtes Geschäft gewesen.
Wie heftig sich die Kurse in Zimbabwe bewegen, zeigt CFI Holdings: Das Unternehmen ist in der Lebensmittelbranche aktiv, aber auch im Einzelhandel. Zuletzt notierte die Aktie bei 8 Millionen Zimbabwe-Dollar. Allerdings schwankte der Kurs in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 13 Millionen und 1200 Zim-Dollar. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt derzeit bei 1,23 Millionen. Das bedeutet, dass ein Anleger mehr als eine Million Jahre braucht, bis durch den jährlichen Gewinn je Aktie der heutige Kaufpreis abbezahlt wäre. Die Aktie des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé beispielsweise wird derzeit - verglichen mit CFI - ganz bescheiden mit dem 19fachen Jahresgewinn bewertet.
Gesetze mit verheerenden Folgen
Die Regierung unter dem langjährigen Präsidenten Robert Mugabe hatte noch kurz vor der Wahl vom Wochenende ein Gesetz durchgesetzt, dass die Mehrheit an den Unternehmen des Landes in den Besitz von schwarzen Zimbabwern übergehen muss. Dieses Gesetz werde verheerende Auswirkungen haben und ausländische Investitionen zum Versiegen bringen, fürchtet beispielsweise der zimbabwische Ökonom John Robertson laut Neuer Zürcher Zeitung. Dies werde vor allem dem Bergbau im Land, der wichtigsten Devisenquelle, weiteren Schaden zufügen.
Nun plant Mugabe, sofern ihm der Wahlsieg zugesprochen wird, ein weiteres Gesetz. Dieses sieht vor, dass ausländische Unternehmen nicht nur 51 Prozent der Anteile an schwarze Zimbabwer verkaufen, sondern die Hälfte davon auch kostenlos dem Staat übereignen müssen. Die andere Hälfte, die an schwarze Zimbabwer geht, soll über künftige Gewinnausschüttungen abbezahlt werden. Nachdem Mugabe im Jahr 2000 schon die weißen Farmer vertrieben hatte, scheint er nun auch die ausländischen Unternehmen vergraulen zu wollen.
Die Arbeitslosigkeit wird auf 80 Prozent geschätzt
Ohnehin ist Mugabe in wirtschaftspolitischen Fragen nicht zimperlich: Weil ihm die Inflation zu hoch wurde, verfügte er im Juni vergangenen Jahres kurzerhand, dass sämtliche Preise im Einzelhandel um 50 Prozent gesenkt werden mussten. Daraufhin brach das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 12 Prozent ein, weil Ladenbesitzer keine Waren mehr anboten und Industriebetriebe die Produktion drosselten oder ihre Ware exportierten.
Die übrigen Wirtschaftsdaten des Landes sehen kaum besser aus: Die Arbeitslosenquote wird auf 80 Prozent geschätzt, und 45 Prozent der Bevölkerung gilt als schlecht ernährt. Die Zentralbank sprach schon von einem wirtschaftlichen HIV. Bargeld meiden alle aufgrund der Inflation, die längst außer Kontrolle geraten ist. Der Wert des amerikanischen Dollar liegt bei 41 Millionen Zim-Dollar.
Aber den offiziellen Wechselkurs diktiert Mugabe genauso wie die Einzelhandelspreise und hat mit seinem tatsächlichen Wert nichts gemein. Die Banknoten liefert das Münchener Unternehmen Giesecke & Devrient, druckt aber keine Beträge auf die Geldscheine, das geschieht erst am Bestimmungsort, damit die Preisentwicklung während des Transports den Nennwert nicht einholt (F.A.Z. vom 6. März).
Ein Investmentfonds wagt sich nach Harare
Eine Direktanlage in den Aktienmarkt von Zimbabwe empfiehlt derzeit niemand. Ohnehin ist unklar, wie ausländische Anleger in diesem Land investieren und ihre Gewinne auch in Zukunft zurücktransferieren könnten. Das Risiko, Zertifikate auf die Börse Harare aufzulegen, wollte bisher auch kein Emittent eingehen.
Und auf der ganzen Welt gibt es auch nur einen einzigen Investmentfonds, der an der Börse Harare anlegt, den Imara Zimbabwe Fund, dessen Sitz auf den britischen Jungferninseln ist und der nach eigenen Angaben ein langfristiges Kapitalwachstum in erster Linie durch Investitionen in börsennotierte zimbabwische Unternehmen anstrebt. Er könne auch in Staatsanleihen und Unternehmensverbindlichkeiten des Landes investieren. Doch dieser Fonds eignet sich wohl auch noch nicht einmal für ausgesprochen risikobewusste Anleger.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @hlr
Bildmaterial: FAZ.NET, Reuters
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| INFINEON TECHNOLOGIE | +0,09 | +1,95 |
| METRO AG STAMMAKTIEN | +0,28 | +0,71 |
| TUI AG NAMENS - AKTI | +0,07 | +0,49 |
| CONTINENTAL AG INHAB | -3,22 | -5,13 |
| DEUTSCHE POSTBANK AG | -2,65 | -4,80 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -0,85 | -4,34 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.272,21 | -1,28 |
| TecDax | 734,26 | -0,60 |
| DowJones | 11.288,54 | +0,65 |
| Nasdaq | 2.245,38 | -0,27 |
| STOXX 50 | 3.275,20 | -1,67 |
| Nikkei 225 | 13.237,89 | -0,21 |
| S&P 500 Zert. | 12,61 | +0,08 |
| Euro/Dollar | 1,57 | -0,07 |
| Bund Future | 111,54 | +0,36 |
| Gold | 932,00 | +0,00 |
| Öl | 145,16 | +0,10 |
