Sündige Aktien

Laster zahlen sich nicht mehr aus

Von Ben Steverman

Sogar die Aktie des Nachtclubbetreibers Rick's Cabaret ging 85 Prozent nach unten

Sogar die Aktie des Nachtclubbetreibers Rick's Cabaret ging 85 Prozent nach unten

06. Januar 2009 Unternehmen, die ihr Geld mit Laster und Sünde verdienen, mögen moralisch bedenklich sein, was die Anleger jedoch nur selten davon abhält, an deren Profit partizipieren zu wollen. Insbesondere Aktien von Unternehmen der Alkohol-, Tabak- und Glücksspielbranche werden häufig als gute Anlagemöglichkeiten in konjunkturellen Schwächephasen gepriesen, aber auch Aktien von Unternehmen der Rüstungsindustrie und der Sexbranche fallen in diese Kategorie.

Man sagt, die Menschen würden in schwierigen Zeiten zwar ihren Gürtel enger schnallen, für ihre Laster und Leidenschaften aber stets Geld übrig haben. „Die Verbraucher werfen ihre Gewohnheiten in harten Zeiten nicht einfach über Bord“, schrieb Merrill-Lynch-Stratege Brian Belski im November. Eine von Merrill Lynch durchgeführte Untersuchung der Kursentwicklung von Alkohol-, Tabak- und Kasinoaktien während sämtlicher Rezessionen seit 1970 ergab, dass der marktbreite Aktienindex S&P-500 um durchschnittlich 1,5 Prozent nachgab, während die Laster-Aktien im Durchschnitt um 11 Prozent hinzugewannen.

Auch Laster-Aktien leiden

Noch nicht einmal im Spielcasino wollen die Amerikaner derzeit ihr Glück versuchen

Noch nicht einmal im Spielcasino wollen die Amerikaner derzeit ihr Glück versuchen

In der gegenwärtigen Abschwungphase warten die Lasterhaften allerdings noch immer auf ihre Belohnung. Die in den Vereinigten Staaten im Dezember 2007 begonnene Rezession hält zwar unvermindert an, die Laster-Aktien blieben bislang jedoch hinter ihrer in früheren Jahren erzielten Wertentwicklung zurück. Während einige dieser Papiere im Jahr 2008 gerade mit der Marktentwicklung Schritt halten konnten (der S&P-500 verlor 39 Prozent an Wert), kam es bei anderen zu starken Kursverlusten.

Tabakhersteller sitzen häufig auf üppigen Barmittelbeständen - ein wichtiger Faktor in harten Zeiten - sie erfüllen die Bedürfnisse von Menschen, die ihre Nikotinsucht auch in Rezessionen nicht abstellen können oder wollen. Dennoch brachen 2008 die Aktienkurse von Branchenakteuren wie Lorillard (minus 34 Prozent), Reynolds American (minus 39 Prozent) und der Altria Group (minus 35 Prozent) ein. Weniger hart traf es das Tabakunternehmen Philip Morris International, das seit der Abspaltung von Altria im März nur ein Kursminus von 11 Prozent verzeichnete.

Sogar Kasinos und Sex laufen nicht mehr

Spielkasinos mussten die meisten Federn lassen, was ein Blick auf die Aktienkursentwicklung der fünf größten börsennotierten Kasino- und Glücksspielbetreiber der Vereinigten Staaten verdeutlicht: Im zurückliegenden Jahr verloren Wynn Resorts 62 Prozent, Las Vegas Sands 94 Prozent, MGM Mirage 84 Prozent, International Game Technology 74 Prozent und Penn National Gaming 64 Prozent. Allesamt glücklose Wetten.

In der Sexbranche musste der Nachtclubbetreiber Rick's Cabaret im Jahr 2008 einen Kursrückgang von 85 Prozent hinnehmen. Rüstungsunternehmen entwickelten sich dagegen im Allgemeinen besser als der Markt, wenngleich die Aktie von Boeing im vergangenen Jahr die Hälfte ihres Werts einbüßte.

Noch nicht einmal Schnaps saufen die Leute mehr

Auch einige Alkoholaktien konnten den Markt schlagen. Die Aktie von Molson Coors gab 2008 lediglich 5,7 Prozent nach, während das Papier von SABMiller um 18 Prozent abrutschte. Der Bierbrauer InBev dagegen verlor allein seit der Übernahme von Anheuser-Busch im November 33 Prozent, während Diageo, der britische Hersteller von Marken wie „Smirnoff“ (Wodka), „Captain Morgan“ (Rum) und anderer Spirituosen, im Jahr 2008 um fast 34 Prozent einbrach.

Es gibt mehrere Theorien, weshalb sich Laster-Aktien dem Negativtrend diesmal nicht entziehen konnten. Zahlreiche Unternehmen litten unter hohen Schuldenständen, während sich Anleger um die Geschäftsentwicklung von Akteuren mit Engagements in krisengeschüttelten Schwellenländern sorgten.
Eine Hauptsorge besteht darin, dass die Verbraucher ihren Gürtel diesmal erheblich enger schnallen könnten als in früheren Abschwüngen.

„Diese Rezession ist anders“, sagt Keith Hembre, Chefvolkswirt bei First American Funds. Das Ausgabenverhalten der Verbraucher sei im Zuge von Arbeitsplatzabbau, massiven Aktienmarktverlusten und Werteinbußen bei Wohnimmobilien ständigen Veränderungen unterworfen. „Wir beobachten eine bislang beispiellose Schwächung der Haushaltskassen“ so Hembre.

Sogar am Lotto sparen die Leute

Verbraucher würden selbst bei Kleinkäufen wie Lotterielosen sparen, merkt Morningstar-Fondsanalyst David Kathman an. „Diese Rezession unterscheidet sich erheblich von den beiden vorangegangenen“, sagt er.
Gravierend sind etwa die Auswirkungen auf die Erlöse von Spielkasinos. Nach Angaben des Nevada Gaming Control Board sanken die Glücksspielumsätze in den Kasinos am Las Vegas Boulevard im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 26 Prozent - ein Negativrekord. Neben der schwachen Konjunktur machte auch der hohe Benzinpreis zu schaffen, der die Fahrt von Kalifornien in die Sündenstadt Las Vegas wenig attraktiv machte.

Der USA Mutuals Vice Fund ist einer der wenigen Investmentfonds, der sich auf den ethisch bedenklicheren Teil des Aktienmarktes spezialisiert hat. Er konzentriert sich auf die Bereiche Tabak, alkoholische Getränke, Glücksspiel und Rüstung. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Fonds ein Minus von fast 42 Prozent und blieb damit rund drei Prozentpunkte hinter dem Markt in Gestalt des S&P-500 zurück. Vice-Fund-Manager Charles Norton räumt ein, dass Glücksspielbetreiber schlecht abschnitten. Er beklagt jedoch, dass der Aktienmarkt die robusten Fundamentaldaten der Tabak-, Alkohol- und Rüstungsunternehmen ignoriere: „Nach Fundamentaldaten kräht im derzeitigen Marktumfeld kein Hahn.“

Trinken die Verbraucher jetzt billiger?

Bei manchen Anlegern geht vielleicht die Sorge um, dass Alkohol- und Tabakunternehmen unter einer Abschwächung im wichtigen Wachstumsbereich der Schwellenländer leiden könnten. Doch trotz weltweiter Rezession würden neue Wohlstandsschichten weiterhin auf Zigaretten und alkoholische Getränke von Premium-Marken umsteigen, sagt Norton und fügt an: „Trotz ihrer Eigenschaft als Premium-Marken sind sie im Vergleich zu anderen Konsumgütern nach wie vor äußerst erschwinglich.“

In der Getränkeindustrie mögen sich die Vorlieben der Verbraucher vielleicht ein wenig verschieben, an den starken Absatzzahlen und Bilanzen dürfte sich nach Nortons Überzeugung jedoch wenig ändern. Im vergangenen Monat kürte UBS-Analyst Kaumil Gajrawala die Aktie des Bierbrauers Molson Coors als Top-Favorit mit der Begründung, dass das Unternehmen von einer Verschiebung der Nachfrage weg von Weinen und Spirituosen des gehobenen Preissegments profitiere. „Nach unserer Einschätzung wird der Verbraucher in schweren wirtschaftlichen Zeiten stärker auf 'Altbewährtes' setzen, worunter wir amerikanische Premium- oder Sub-Premium-Biermarken wie Coors Light, Miller Lite und Bud Light verstehen“, schrieb Gajrawala.

Warten auf die Zahlen

Man sollte nicht vergessen, dass sich die Gewinne von Alkohol-, Tabak- und Glücksspielunternehmen in früheren Rezessionen für gewöhnlich gut behauptet haben. Eine jüngste Studie von Merrill Lynch ergab, dass das Gewinnwachstum von Unternehmen dieser Kategorie in Abschwungsphasen 25 Prozent über dem Gesamtmarkt lag.

Unter dem Eindruck der Schocks, denen die Weltwirtschaft in den letzten Monaten des alten Jahres ausgesetzt war, warten Anleger nun ab, wie sich diese auf die Jahresendergebnisse der Unternehmen auswirken werden. Mit Blick in die Zukunft rechnen nur wenige Volkswirte mit maßgeblichen Verbesserungen in der ersten Jahreshälfte 2009. Und Hembre zufolge dürfte das Wachstum auch im zweiten Halbjahr eher „ziemlich moderat“ ausfallen.

Es bleibt also abzuwarten, ob Alkohol, Tabak und andere Laster für viele Menschen als erschwinglicher Luxus weiterhin hoch im Kurs stehen, oder ob sich die Verbraucher bei ihrer verzweifelten Suche nach Einsparmöglichkeiten dazu durchringen, das eigene Sündenregister ein wenig zu kürzen.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: AFP, AP

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