Branchen-Analyse

Hier ist wieder was zu holen

Von Nadine Oberhuber

05. Mai 2008 Auf die inneren Werte kommt es an. Der Satz fällt fast immer, wenn es um die Partnerwahl geht, aber warum nur so selten beim Aktienkauf? Denn beide haben eines gemeinsam: Es geht darum, die aussichtsreichsten Kandidaten für die Zukunft zu finden und sie sicherzustellen. Zumindest vorübergehend.

Während es nun bei Menschen zugegeben schwierig ist, die inneren Werte zu ermitteln, machen es einem Aktien da erheblich leichter. Bei ihnen kann man die inneren Werte errechnen. Und die sagen einiges über die künftige Entwicklung des Kandidaten aus. Ein paar Kennzahlen verraten schon, welche Aktien und Branchen phasenweise als unterbewertet gelten - bei welchen Papieren also der innere Wert des Unternehmens höher ist als der Preis, den Anleger gerade zu zahlen bereit sind. Die Idee: Wer solche unterbewerteten Papiere kauft, wird davon profitieren. Denn irgendwann wird die Börse den wahren Wert der Aktie erkennen, und ihr Preis wird steigen.

Trennen, wenn es am schönsten ist

Während einem ein Partner dann erst richtig ans Herz wächst, müssen Aktienkäufer nun stark sein: Sie müssen sich wieder von ihrem Papier trennen, wenn es an Wert gewonnen hat. Klingt natürlich einfacher, als es ist. Aber es gibt inzwischen einen ganzen Zweig der Finanzindustrie, der sich auf diese Anlagestrategie spezialisiert hat, das Value Investing.

Gerade im jetzigen Marktumfeld finden Value-Investoren beste Voraussetzungen: Denn immer wenn Vorsicht und Risikoscheu besonders ausgeprägt sind, verkaufen viele Anleger ihre Aktien, und die Kurse stürzen - auch die solider und aussichtsreicher Firmen. Genau auf die haben es Value-Anleger abgesehen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen wertorientierten und wachstumsorientierten Investoren: Die Wertkäufer suchen nach etablierten Firmen mit konstanten Ertragswerten.

Nun ist die entscheidende Frage, wie man die passenden Anlageabschnittsgefährten findet. Value-Investoren klopfen dabei folgende Kriterien ab: das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), den Kurs-Buchwert und das Kurs-Umsatz-Verhältnis. Dabei gilt: Je niedriger die sind, desto eher sind die Aktien ein Schnäppchen. Auch eine hohe Dividendenrendite steigert die Attraktivität des Papiers. All diese Punkte bedeuten, dass trotz wenig Einsatz viel Ertrag lockt.

Umstrittene Finanzbranche

Vier Branchen gelten gerade als besonders attraktiv: die Technologie-, Finanz-, Konsumgüter- und Pharmabranche. Aber nur in drei haben sich Analysten wirklich verguckt. An der Finanzbranche scheiden sich nämlich die Geister. Die niedrigen Kurse von Bankaktien sind verlockend. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Branche ist gut. „Diese Aktien wollen wieder in eine Richtung: nach oben“, sagt Peter Dreide, Geschäftsführer der TBF Global Asset Management.

Er hat Kursbewegungen der vergangenen 49 Jahre analysiert und ist für Banken kurzzeitig „absolut bullish“. Später würden die Bankaktien ihren Zenit erreichen, und Konsum- und Technologiewerte würden an ihnen vorbeiziehen. Anlageexperten von ING und Ernst & Young sind dagegen skeptisch: Die Finanzbranche sei zu intransparent und derzeit unberechenbar, warnen sie. Sie glauben, dass die Banken weiter unter hohem Abschreibungsbedarf ächzen, dass ihr Eigenkapital zusammenschmilzt und sie die Kreditvergabe drosseln werden. Allenfalls ohne Banken sei die Finanzbranche jetzt interessant.

Konjunkturunempfindliche Werte sind gefragt

An die Branchen Technologie, Pharma und Konsum glauben jedoch alle. „Das sind alles Antitrendbranchen“, erklärt Max Otte, Vorstand des Zentrums für Value Investing: „Zu Anfang eines jeden Konjunkturzyklus geht es vor allem den Ausrüstern gut, den Maschinenbauern, dem Automobil- und Rohstoffbereich. Aber in der letzten Phase der Konjunktur gewinnen diese drei Branchen die Oberhand, weil sie am schwankungsunempfindlichsten sind.“

Und weil sie davon leben, dass sie Produkte herstellen, die Menschen immer kaufen. Der Nahrungsmittel- und Konsumbranche spielen zudem die steigenden Lohnabschlüsse in die Hände. Dadurch könnten Markenhersteller sogar die Preise erhöhen und ihre Margen vergrößern. Die Kunden bleiben ihren großen Marken meist trotzdem treu. Vor allem internationale Konzerne wie Nestlé, Procter & Gamble, Johnson & Johnson oder Unilever hätten sie ins Depot gepackt, erzählen Fondsmanager.

Wagnis mit Kursverlierern kann belohnt werden

Auch auf der Technologiebranche ruht große Hoffnung. Sie wurde zwar jüngst hart abgestraft, aber zu Unrecht, finden viele. Denn Hightech-Produkte sind immer gefragt, auch in der größten Krise. Die meisten Firmen bewiesen zudem gerade mit ihren Quartalszahlen: Sie sind deutlich konjunkturresistenter als gedacht. So war der Informationstechnologie-Index zuletzt der Gewinner unter den MSCI-Branchenindizes. Weil viele Unternehmen so robust sind, sind ihre Aktien längst nicht nur als Wachstumwerte interessant, sondern auch für Value-Anleger.

Ein solides Wachstum von rund sieben Prozent sagen viele auch der Pharmabranche voraus. Gerade die internationalen Pharmahersteller seien „sichere Unternehmen, bei denen Sie jetzt zu günstigen Kursen einsteigen können“, sagt Otte. Sanofi wird als zukunftsträchtiger Partner fürs Depot gehandelt.

Es verlangt zwar Mut, sich in Krisenzeiten gerade Kursverlierer ins Depot zu legen. Aber wer es wagt, wird oft belohnt: Über die vergangenen 40 Jahre brachten Value-Aktien im Schnitt sechs Prozent mehr Rendite als Wachstumswerte. Der Glaube an die inneren Werte zahlt sich also aus. Jedenfalls an der Börse.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
Tops & Flops+/-Prozent
INFINEON TECHNOLOGIE +0,20 +4,04
BAYER AG INHABER - A +1,32 +2,44
THYSSENKRUPP AG INHA +0,54 +1,71
MUENCHENER RUECKVERS -13,83 -11,88
ALLIANZ SE VINK.NAME -9,17 -8,02
COMMERZBANK AG INHAB -1,66 -7,50
NamePunkteProzent
Dax 6.341,30 -1,54
TecDax 713,89 -1,07
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.303,44 -1,52
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
Euro/Dollar 1,57 +0,26
Bund Future 111,45 +0,46
Gold 932,02 +0,47
Öl 124,98 -1,22
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