Rohstoffe

Alcoa: Leider daneben

08. April 2008 Die Börsianer hatten nach Ostern die Nase voll von der Finanzkrise. Also beschlossen sie, diese zu den Akten zu legen und beruhigten sich damit, dass die Unternehmen ja immer noch gut verdienten und vor allem die Schwellenländer schon dafür sorgen würden, dass alles nicht so schlimm werden würde.

Die Rezession, die noch nicht begonnen hat, ist längst vorbei. Man hatte sie nie erwartet, redete nur kurz davon und beschloss dann, das Schlimmste sei ohnehin vorbei (vgl. Ist die Rezession, die nie begonnen hat, schon vorbei?). Ergo, mussten die Geschäftszahlen, die der amerikanische Aluminiumkonzern Alcoa am Montagabend für das abgelaufene Berichtsquartal vorlegen würde, gut sein - gleichgültig wie die Zahlen ausfallen würden. Denn schließlich verdienen die Unternehmen ja gut und dann muss die Berichtssaison, die traditionell von Alcoa eröffnet wird, ja gut beginnen (Die Alcoa-Zahlen müssen einfach gut sein).

„Komprimierter“ Gewinn

Doch die Börsianer hatten dann am Montagabend ein Problem. Die tatsächlichen Zahlen waren so erkennbar schwach, dass man sie gar nicht gut finden konnte - auch wenn sich das Unternehmen und einige Analysten darum bemühten.

Die Gewinne seien durch die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten sowie die Auswirkungen der Dollarschwäche „komprimiert“ worden, erklärte Alcoa. Konzernchef Alain Belda und betonte, die Fundamentaldaten des Markts blieben stark, und das Unternehmen sei in einer guten Position, um von einem Wiederanziehen der Konjunktur in Nordamerika und Europa zu profitieren. Das hat nur einen Haken: Die Konjunktur muss erst einmal wieder anziehen.

Alles nicht so wichtig

„Das sieht nach einem ziemlich soliden Quartal aus“, sekundierte Analyst Bruce Zaro von Delta Global Advisors. Jeder wisse doch, wie schwer für Rohstoffunternehmen die Auswirkungen des schwachen Dollars auf die Geschäftszahlen kalkulierbar seien. Und Fondsmanager Brian Hicks vom Rohstoff-Fonds U.S. Global Investors verweis darauf, dass die Fundamentaldaten für Aluminium in den kommenden Jahren recht solide sein dürften und unterschlug dabei, dass der Aluminiumpreis erst im März auf ein 20-Jahres-Hoch gestiegen war und dessen absolutes Niveau jenseits dessen notiert, was durch Fundamentaldaten zu rechtfertigen wäre. Zwar dürfte die Aluminiumnachfrage weiter steigen, nichtsdestoweniger fielen Alcoas durchschnittliche Verkaufpreise im Berichtsquartal um 3,5 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode.

Und überhaupt war alles plötzlich nicht mehr so wichtig. „Wir konzentrieren uns nicht so sehr auf die kurzfristigen Quartalsergebnisse“, sagte Hicks. „ Ich glaube, die Wall Street könnte diesen Ausrutscher durchgehen lassen.“

Operativer Gewinn fällt auf breiter Front

Die Alcoa-Aktie gab dennoch im regulären Handel vier Prozent nach und konnte sich im nachbörslichen Handel nur vorübergehend bis auf 38,05 Dollar erholen, was mithin dennoch 2,4 Prozent unter dem offiziellen Freitagsschlusskurs lag. Am Ende des Tages schloss sie mit 37,23 Dollar noch 0,6 Prozent unter dem offiziellen Montagsschlusskurs.

Der Aluminiumhersteller verbuchte im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal einen Gewinneinbruch um mehr als die Hälfte, was auf hohe Kosten für Energie und Rohstoffe sowie die Schwäche des Dollars zurückzuführen war .

Der Nettogewinn fiel um 54 Prozent auf 303 Millionen Dollar bzw. 37 Cents je Aktie nach 75 Cents im Vorjahr. Der Gewinn aus dem fortgeführten Geschäft ohne Restrukturierungs- und Steuereffekte betrug 361 Millionen Euro oder 44 Cent je Aktie. Analysten hatten nachdem sie erst kürzlich ihre Prognosen gesenkt hatten, im Schnitt noch mit 49 Cent je Aktie gerechnet. Der Umsatz fiel auf 7,38 Milliarden von 7,91 Milliarden Dollar und damit etwa so stark wie erwartet.

In vier der fünf Sparten fiel der operative Gewinn nach Steuern, in der gewinnstärksten Rohmetallsparte um 39 Prozent und in der zweitstärksten Bauxitsparte um 35 Prozent. Die Entwicklung der letzteren Sparte sorgte auch dafür, dass Merrill-Lynch-Analyst David Lipschitz seine Prognose für den Gewinn je Aktie für das laufende Jahr von 3,25 auf 3 Dollar senkte. Ihm machen die höheren Kosten Sorgen. Die Bauxitsparte sei deutlich schlechter gelaufen als erwartet.

Unter Druck

Alcoa steht seit einiger Zeit unter Druck, der sich aber nun als stärker erweisen hat, als angenommen. Im vergangene Jahr verlor man die Führungsposition in der Branche nach der Fusion der Aluminiumsparten von Sibirsky Aluminium und Sibneft zu Rusal. Nach dem Übernahmeangebot von Rio Tinto für Alcan fiel man gar auf Platz drei.

Nun versucht das Unternehmen über eine Zusammenarbeit mit Schmelzen in China, dem Nahen Osten und Nordamerika seine Position auf dem Markt zu behaupten und weniger profitable Unternehmensbereiche abzustoßen.

Die Internationalisierung ist aber aufgrund der Dollarschwäche ein Pferdefuß, da Kosten in australischen Dollar oder brasilianischen Real anfallen, Aluminium aber in amerikanischen Dollar bezahlt wird. Um acht Prozent habe diese den Gewinn gegenüber dem vierten Quartal gedrückt, hieß es. Das würde für rund 15 Prozent des Gewinnrückgangs stehen.

Im laufenden Jahr will Aloca einen Gewinnbeitrag von 50 Cents je Aktie aus neuen Investitionen in Minen und Metallverarbeitung ziehen. So soll unter anderem die isländische Fjardaal-Schmelze ausgebaut werden. Gleichzeitig will man durch langfristige Stromlieferverträge und preiswertere Wasserkraft die Energiekosten senken.

Begrenzte Spielräume

Indes scheinen die Spielräume begrenzt, den Gewinn zu steigern. Eine Befestigung des Dollar dürfte stabilisierend wirken, eine Hausse erscheint gleichwohl wenig wahrscheinlich. Eine günstigere Gestaltung der Energiekosten ist ein langfristiges Projekt. Angesichts der eigenen und fremden Kapazitätsausweitungen und des hohen Niveaus des Aluminiumpreises ist von dieser Seite vergleichsweise geringe Unterstützung zu erwarten.

Helfen könnte das Abstoßen weniger profitabler Unternehmensteile, das sich aber angesichts der weiter wenig entspannten Kreditmärkte derzeit schwieriger gestaltet als noch vor einem Jahr.

Derzeit liegen die durchschnittlichen Analystenschätzungen noch knapp unter drei Dollar je Aktie für das laufende Jahr. Das gibt dem Rohstoffwert eine Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von immerhin 12,7 für das laufende Jahr. 2009 soll die Bewertung auf 10,5 sinken. Alles in allem ist das für einen Rohstoffwert doch eine recht optimistische Bewertung.

Hoffen auf den „Ausrutscher“

Die Anleger reagieren verhalten. Trotz des deutlichen Kursrückgangs notiert der Kurs weiter in der seit September tendenziell gültigen Handelsspanne zwischen 35 und 40 Dollar, aus der dieser nur während es heftigen Rückgangs im Januar deutlich nach unten ausgebrochen war.

Daher sollte man nicht von deutlicheren Kursrückgängen ausgehen. Denn dazu wollen die Märkte immer noch zu sehr das Positive sehen - ein „Ausrutscher“ eben, den man verzeiht. Insofern muss sich im weiteren Verlauf des Jahres zeigen, womit bei Alcoa 2008 zu rechnen ist. Eine Stabilisierung der Gewinne auf niedrigerem Niveau dürfte dann auch zu Bewertungs- und Kursabschlägen führen. Je nach Veränderung der Stimmungslage ist auch ein Ausbruch nach oben nicht ausgeschlossen - je nachdem, wie gut die kommenden Quartalszahlen ausfallen oder eben ausgefallen werden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: mho
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

 
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