26. März 2008 Die Stimmung an der Wall Street verdüstert sich zusehends. Unter den Angestellten der großen Banken und Wertpapierhäuser herrscht wachsende Angst vor Entlassungen oder zumindest einer starken Kürzung der Boni. Auf das Gemüt der Börsianer drückten die anhaltende Kreditkrise und die Sorge um eine Rezession in den Vereinigten Staaten.
Noch vor wenigen Monaten hatten viele Analysten mit einem Ende der Krise spätestens im kommenden Sommer gerechnet. Mittlerweile glauben selbst führende Investmentbanker, dass die Misere noch bis zu zwei Jahren anhalten könnte.
Die Anleger blicken weiterhin kritisch auf die Finanzwerte
Der jüngste Schock für die Branche war der rapide Fall der fünftgrößten Investmentbank Bear Stearns, deren Insolvenz nur durch eine Rettungsaktion der Notenbank Fed und der Großbank J.P. Morgan Chase aufgefangen werden konnte. Die Aktienkurse der Finanzbranche spiegeln die trüben Aussichten. Nur der Aktienkurs der drittgrößten Bank J.P. Morgan Chase, der von der günstigen Übernahme von Bear Stearns profitierte, liegt seit Anfang des Jahres leicht im Plus.
Die Kurse der reinen Wertpapierhäuser haben sich dagegen alle schlechter entwickelt als der breitgefasste Aktienindex S&P 500, der sich seit Jahresanfang um rund 8 Prozent ermäßigt hat. Unter den drei führenden Großbanken hat sich neben J.P. Morgan nur der Aktienkurs des Branchenzweiten Bank of America trotz leichter Verluste besser entwickelt als der S&P 500. Am härtesten hat es Bear Stearns getroffen, deren Kurs um 88 Prozent eingebrochen ist.
Gerüchte, dass dem viertgrößten Wertpapierhaus Lehman Brothers ein ähnliches Schicksal drohen könnte, haben dessen Aktienkurs um 34 Prozent gedrückt, obwohl das Quartalsergebnis besser ausfiel als erwartet. Mit Ausnahme von Morgan Stanley sind die Aktienkurse der fünf großen Investmentbanken, auch die von Goldman Sachs und Merrill Lynch, alle um einen prozentual zweistelligen Betrag gefallen. Lichtblicke gibt es kaum.
Am Mittwoch hat die einflussreiche Analystin Meredith Whitney vom Wertpapierhaus Oppenheimer ihre Verlusterwartungen für den größten amerikanischen Finanzdienstleister Citigroup verdreifacht. Der Aktienkurs der Citigroup ist in diesem Jahr um 23 Prozent gefallen. Whitney prognostiziert für das erste Quartal bei der Citigroup Abschreibungen von 13 Milliarden Dollar. "Wir sind sicher, dass das nicht unsere letzte Reduzierung für 2008 war", schrieb Whitney in ihrem Bericht. Angesichts fallender Häuserpreise und zunehmenden Drucks auf die amerikanischen Verbraucher rechnet Whitney mit weiter nachgebenden Prognosen sowie Aktienkursen. Für den gesamten Finanzsektor hat Whitney ihre Schätzungen für das erste Quartal um 84 Prozent zurückgenommen. Ihre Prognosen für das Gesamtjahr senkte sie um 30 Prozent.
Einmalige Chance, Bankaktien zu kaufen?
Fallende Häuserpreise und steigende Zahlungsausfälle bei zweitklassigen Hypotheken lösten im vergangenen Jahr die aktuelle Finanzkrise aus. Die sinkenden Häuserpreise belasten die Verbraucher, die während des Aufschwungs viele Anschaffungen mit Krediten auf ihre Häuser finanziert hatten. Da Verbraucher aber für 70 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung verantwortlich sind, herrscht an der Wall Street die Angst vor einer Rezession.
Manche Analysten halten nach dem Fall von Bear Stearns die Bankaktien aufgrund der Stützung durch die Notenbank für eine Kaufgelegenheit. Analyst Richard Bove vom Wertpapierhaus Punk Ziegel rief in der vergangenen Woche bereits das Ende der Krise aus. Er sprach von einer "für diese Generation einmaligen Chance, Bankaktien zu kaufen".
Für die Angestellten der Banken aber werden die Zeiten unsicher. Seit der Rezession 2001 hatte sich die Beschäftigung in der Finanzbranche in New York bis 2007 fast wieder auf die Rekordzahl von 200 000 Stellen hochgeschraubt, die Ende der neunziger Jahre erreicht worden waren. In den vergangenen neun Monaten wurden an der Wall Street wohl 34 000 Arbeitsplätze gestrichen. Der Trend dürfte anhalten. Bei Bear Stearns wird die Kürzung der Hälfte der 14 000 Stellen befürchtet. Die Citigroup entlässt gerade 10 Prozent der Belegschaft in ihrer Investmentbank. Auch Lehman hat vor zwei Wochen die Entlassung von 1400 Mitarbeitern angekündigt. Jo Bennett von der Personalberatung Battalia Winston prognostiziert mehr als 100 000 Stellenkürzungen an der Wall Street in den kommenden Jahren. "Diese Krise ist viel schlimmer als die von 2001, und wir wissen nicht, wie lange sie dauern wird", sagte Bennett.
Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +1,75 | +3,03 |
| DEUTSCHE POST AG NAM | +0,56 | +2,69 |
| HENKEL AG & CO. KGAA | +0,69 | +2,39 |
| BAYER AG INHABER - A | -0,97 | -1,73 |
| MAN AG STAMMAKTIEN O | -1,67 | -1,69 |
| MUENCHENER RUECKVERS | -1,83 | -1,49 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 7.081,05 | -0,03 |
| TecDax | 861,39 | -0,41 |
| DowJones | 12.992,66 | +0,73 |
| Nasdaq | 2.533,73 | +1,48 |
| STOXX 50 | 3.854,86 | -0,07 |
| Nikkei 225 | 14.219,48 | -0,23 |
| S&P 500 Zert. | 14,07 | -0,50 |
| Euro/Dollar | 1,55 | +0,12 |
| Bund Future | 113,35 | -0,18 |
| Gold | 882,10 | -0,06 |
| Öl | 122,91 | +0,72 |
