Sportwetten

Düsterer Ausblick für die Aktie von Bwin

16. November 2006 Was waren das für Zeiten, als Sportwetten-Aktien rauschende Feste auf immer neuen Kursgipfeln feiern konnten! Mittlerweile ist aber größter Katzenjammer angesagt, nachdem in zahlreichen Ländern staatliche Regulatoren gegen die Unternehmen vorgegangen sind und ihnen das Leben schwer gemacht haben.

Die Zahlen, die das Flagschiff unter den Sportwetten-Aktiengesellschaften Bwin (ehemals Betandwin) am Donnerstag für die ersten neuen Monate des laufenden Jahres vorlegte, lasen sich zwar im allgemeinen noch recht gut. Doch kündigte das Unternehmen an, bereits im vierten Quartal seine Wachstumsstrategie aufzugeben, was schon wie eine Kapitulation klingt.

Tief in der Verlustzone

Bwin steigerte die Wettumsätze in den ersten neun Monaten 2006 um 113 Prozent auf 1,613 Milliarden Euro und die Brutto-Gaming-Erträge um 200 Prozent auf 288,7 Millionen Euro und erzielte dabei einen Bruttorohertrag aus dem Sportwettgeschäft von 125,2 Millionen Euro nach 65,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Ebenso deutliche Zuwächse gab es im Casino-, Poker- und Games-Bereich.

Das operative Ergebnis (Ebitda) aber rutschte tief in die Verlustzone. Nach einem Gewinn von 8,3 Millionen Euro in der Vorjahresperiode belief sich der Verlust in den ersten neun Monaten 2006 auf 9,4 Millionen Euro. Diese Entwicklung sei auf eine deutliche Ausweitung der Marketinginvestitionen rund um die Fußball-WM sowie ein verstärktes Engagement im Bereich Sportsponsoring zurückzuführen, das vor allem auf die Steigerung des Bekanntheitsgrades der Marke Bwin abzielte.

Auch das Betriebsergebnis zeigt sich mit einem Minus von 53,95 Millionen Euro nach einem Gewinn von 4,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum tiefrot. Der Konzernverlust nach Steuern und Ergebnisanteilen Dritter betrug in den ersten neun Monaten 2006 49,8 Millionen Euro nach einem Gewinn von 1,4 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Die hohen Belastungen resultierten nach Aussage des Unternehmens vor allem aus akquisitionsbedingten, nicht zahlungswirksamen Abschreibungen der aktivierten Kundenbasis bzw. Software im Zuge der Ongame-Transaktion mit 27,3 Millionen Euro.

Großteil des Ongame-Buchwerts muß abgeschrieben werden

Bwin hatte Anfang des Jahres den Online-Poker-Anbieter Ongame übernommen. Mittlerweile aber haben die regulativen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten dazu geführt, daß über den Umweg der Behinderung des Zahlungsverkehrs ein Verbot von Online-Gaming durchgesetzt werden soll.

Daher erwartet das Management, daß ein Großteil der im Zuge der Ongame-Transaktion erworbenen Vermögenswerte mit einem derzeitigen Netto-Buchwert von 534 Millionen Euro nicht zahlungswirksam abzuschreiben ist. Das läuft darauf hinaus, das auch noch in kommenden Quartalen ein erheblicher Abschreibungsbedarf besteht. Bwin mußte das Echtgeld-Glückspielangebot für amerikanische Kunden einstellen. Die Restrukturierungskosten beziffert Bwin auf circa 5,5 Millionen Euro.

Aufgrund der Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und des Widerstands seitens der Monopole in einigen europäischen Ländern habe das Unternehmen im laufenden vierten Quartal begonnen, seine strategische Ausrichtung anzupassen. Die aggressive Wachstumsstrategie werde ein Jahr früher als geplant zugunsten einer profitablen, verstärkt Cashflow generierenden Unternehmensentwicklung abgeändert.

Wachstumsstrategie wird aufgegeben

Begleitend sei ein Programm zur Erhöhung der Effizienz verabschiedet worden, das alle Unternehmensbereiche betreffe. Die daraus resultierenden Einsparungen würden sich ab dem ersten Quartal des kommenden Jahres ergebniswirksam niederschlagen. Beginnend im kommenden Jahr würden die Investitionen in den Aufbau und die Etablierung der Marke wie beispielsweise das Sportsponsoring stark zurückgenommen.

Bereits im Oktober hatte Deutschland-Direktor Jörg Wacker auf einer Pressekonferenz angekündigt, daß man den Jahresetat in diesem Bereich um 40 Millionen Euro reduzieren, also um zwei Drittel von 64 auf 24 Millionen Euro herunterfahren werde.

Bwin geht für das laufende Geschäftsjahr von Brutto-Gaming-Erträgen in Höhe von rund 375 Millionen Euro (inklusive Erträge aus dem Ongame-Pokernetzwerk) bei einem ausgeglichenen Ebitda vor Restrukturierungskosten aus. Bei Vorlage der Halbjahreszahlen hatte der Sportwettenanbieter seine Prognose für die Brutto-Gaming Erträge noch auf 435 Millionen Euro von 250 Millionen nach oben korrigiert. Beim Ebitda wurden damals noch „zumindest“ 40 Millionen Euro erwartet.

Kein Ausblick für 2007

Für 2007 sah das in Wien notierte Unternehmen aufgrund der rechtlich bedingten Planungsunsicherheit davon ab, Unternehmensplanzahlen zu veröffentlichen, teilte Bwin mit.

Alles in allem zeigen die regulatorischen Ein- und Angriffe deutliche Wirkungen. Bwin ist deutlich in die Defensive geraten und muß konsolidieren. Vermutlich hofft man auch so, sich aus der Schußlinie zu bringen, die im September zu der Verhaftung der Vorstandschefs Manfred Bodner und Norbert Teufelberger in Frankreich führte.

Betrachtet man die Prognosen hinsichtlich des Abschreibungsbedarfs und der Prognosen für die Wirksamkeit der eingeleiteten Sparprogramme, so steht offenbar noch ein sehr schlechtes viertes Quartal und damit ein verheerendes Jahr 2006 bevor. Insbesondere die Hast, mit der drastische Sparprogramme eingeleitet wurden, läßt für die kurze Frist Schlimmes befürchten.

Derzeit ist die Dynamik der regulierungspolitischen Entwicklung nicht abzuschätzen. In nahezu allen Staaten der westlichen Hemisphäre zeigt sich eine unverhohlene Tendenz der Regierungen, eigene Pfründe zu sichern und die Wirtschaft im Zuge der stabilisierungspolitisch notwendigen Privatisierungsmaßnahmen auf der anderen Seite wieder zu gängeln. Mit populistischen Verbraucherschutzargumenten werden Maßnahmen durchgesetzt, die in ihrer Intensität weit über das zur Suchtprävention Notwendige hinausgehen.

Von der EU ist wenig Hilfe zu erwarten

Auch EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy hat offenbar den offenen Kampf aufgegeben. Es gebe „keine Chance“ für EU-weit harmonisierte Vorgaben für das Glücksspiel in den Mitgliedsstaaten, sagte McCreevy am Mittwoch bei einer Aussprache im Europäischen Parlament und stellte sich damit in Straßburg gegen Forderungen einiger Abgeordneter, wonach ein derart umsatzkräftiger Sektor einer standardisierten EU-Regulierung bedürfe.

Dabei warnten einige die Kommission außerdem davor, den Wett- und Glücksspielsektor in den Mitgliedsstaaten zu liberalisieren. Es handele sich um „besonders sensible Dienstleistungen“, die national reguliert werden müßten, hieß es beispielsweise in der grünen Fraktion. Bei der Aussprache gab es Stimmen, die von McCreevy eine härtere Gangart gegen die Industrie wünschen. „Ich bin mir fast sicher, daß wir darüber (in der EU) keinen Konsens erzielen werden“, antwortete darauf McCreevy.

Gleichzeitig aber pocht der Kommissar aber darauf, daß alle Wettanbieter - also auch private und ausländische - überall gleiche Chancen haben müßten. Beobachter in Brüssel sehen darin eine „Liberalisierung durch die Hintertür“. Die Behörde in Brüssel hatte im Frühjahr gegen acht EU-Länder, darunter Deutschland, Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Sie wirft ihnen vor, ihre Glücksspielmärkte gegen private Konkurrenz aus dem Ausland abzuschotten. Einen solchen Vorwurf äußern vor allem Internet-Anbieter von Wetten, die damit die Kommission erst auf den Plan riefen.

Große Märkte werden abgeschottet

In Frankreich beispielsweise gestattet das dortige Gesetz nur dem Pferdewettanbieter PMU und dem Wettunternehmen Francaise des Jeux, Wetten von Kunden anzunehmen. Die Regierung in Paris nutzte dieses Gesetz im September zur Verhaftung von Bodner und Teufelberger.

Auch die Gesetzgebung in Deutschland und insbesondere die Pläne der Bundesländer sind McCreevy ein Dorn im Auge, wie er zuletzt in einem Interview mit dem „Spiegel“ deutlich machte. Die „schon heute in Deutschland geltenden restriktiven Regeln für Glücksspielanbieter hält die EU-Kommission für nicht zulässig“, weil sie private Anbieter aussperren würden, was gegen die Dienstleistungsfreiheit sei und damit EU-Recht verstoße, hatte er dort erklärt.

Sollten die Bundesländer wirklich einen neuen Staatsvertrag zum Lotteriewesen zu Gunsten des geltenden staatlichen Glücksspielmonopols unterzeichnen, dann werde die Kommission wohl vor dem Europäischen Gerichtshof klagen, hatte McCreevy in dem Interview betont und zugleich deutlich gemacht, daß private Glücksspielanbieter, auch im Internet, von einem Staat nicht außen vor gehalten werden dürften.

Die politischen Chancen von Bwin sind also nicht gleich Null - aber die Umstände sind ausgesprochen schwierig, zumal gerade die großen Märkte in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten besonders stark abgeschottet werden. Der traditionell liberale britische Markt dagegen ist hart umkämpft. Damit haben sich die Wachstumsaussichten des Unternehmens für das kommende Jahr stark verschlechtert.

Unter diesen Umständen erscheinen auch die Gewinnprognosen der Analysten für das kommende Jahr Makulatur zu sein, die die Aktie fast preiswert gemacht hätten. Den Handel in Wien nahm das Papier am Donnerstag zunächst mit einem Minus von zehn Prozent auf, verbesserte sich aber rasch auf einen Kursverlust von rund fünf Prozent.

Abwärtstrend dürfte weitergehen

Der Großteil der schlechten Nachrichten ist auch in den starken Kursverlusten des laufenden Jahres enthalten, die zu einem Sturz von 104,32 Euro im Mai bis auf aktuell 14,16 Euro führten. Indes dürften die Kursverluste weitergehen. Gewinne sind für das laufende und das kommende Jahr fraglich geworden. Der Cashbestand liegt bei etwas über zwei Euro je Aktie, das Eigenkapital bei etwa 16,65 Euro und der Buchwert bei etwas mehr als 25 Euro.

Damit ist das derzeit angeschlagene Unternehmen auf dem aktuellen Kursniveau nicht wirklich unterbewertet, da 80 Prozent des Vermögens aus immateriellem Vermögen bestehen, das zum überwältigenden Teil aus dem Buchwert des Ongame-Kaufs resultiert. Charttechnisch existieren Unterstützungen im Bereich zwischen zehn und elf Euro. Bis dahin dürfte die Aktie wohl in den kommenden Monaten zurückfallen, wenn es nicht signifikant bessere Nachrichten aus dem Unternehmen oder dem regulierungspolitischen Umfeld gibt.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: AP, dpa, FAZ.NET

 
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