13. November 2007 Börsianer scheinen mehr als nur Optimisten zu sein. Sie scheinen bisweilen eine ausgeprägte Neigung zu verspüren, Fakten vornehmlich nach ihrer persönlichen Stimmungslage zu interpretieren: mal so, mal anders, gerade so wie es passt.
Das wird am Dienstag einmal mehr deutlich am Kursverlauf von Europas größtem Pharmahändler Celesio. Das Wachstum des Unternehmens hat sich im dritten Quartal verlangsamt, zudem wurden die Gewinnerwartungen der Analysten verfehlt. Dennoch zieht der Kurs um nicht weniger als 6,5 Prozent an.
Historisch günstige Bewertung nach Kursverlusten
Hauptgrund scheint auch hier einmal mehr zu sein, dass schlechte Ergebnisse erwartet worden waren. Und wenn die Verfehlung der Prognosen hätte schlimmer ausfallen können, so wäre das ja ein Kaufgrund. Im konkreten Fall sehen die Analysten in der Aktie nach Kursverlusten von 35 Prozent seit Ende April ein regelrechtes Schnäppchen.
Analyst Martin Possienke von Equinet bewertete die Ergebnisse als wie erwartet schwach. Das Marktumfeld sei erwartungsgemäß ziemlich schwierig gewesen, insbesondere im Großhandelsgeschäft. Das Gewinnwachstum werde zwar auf absehbare Zeit schwach ausfallen, die Aktie liege nach der jüngsten Talfahrt aber bereits am unteren Ende der historischen Bewertungsspanne.
Auch die Analysten der WestLB sprachen von einer Bilanz voll im Rahmen der Erwartungen und stufte die Aktie gar von Hold auf Buy hoch. Die Aktie notiere nun deutlich unterhalb ihre DCF-Bewertung, was der Grund sei für die neue Einstufung. M.M. Warburg tat den gleichen Schritt und erwartet, dass weitere Akquisitionen im Pharmageschäft künftig für Kursauftrieb sorgen. Der günstige Preis des Papiers biete Gelegenheit zum Investitionseinstieg.
Gewinnrückgang
Der Überschuss lag in den drei Monaten bis Ende September bei 102,8 Millionen Euro, fast fünf Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Von der Nachrichtenagentur dpa-AFX befragte Analysten hatten im Schnitt nur mit einem Rückgang auf 107 Millionen Euro gerechnet. Das Betriebsergebnis (Ebit) ging um ein Prozent auf 177,3 Millionen Euro zurück, der Vorsteuergewinn um 5,1 Prozent auf 143,7 Millionen Euro. Für beide Kennzahlen hatten die Analysten einen leichten Anstieg erwartet und mit einem Ebit von 182,8 Millionen Euro sowie einem Vorsteuerergebnis von 152,9 Millionen Euro gerechnet.
Der Umsatz legte in den drei Monaten um 2,2 Prozent auf 5,43 Milliarden Euro zu und lag damit nur knapp unter den Analystenschätzungen von 5,46 Milliarden Euro. In den ersten neun Monaten legte der Umsatz insgesamt um 4,4 Prozent auf 16,6 Milliarden Euro zu. Grund waren aber vor allem Zukäufe. Bereinigt um Wechselkurseffekte und Akquisitionen wäre der Umsatz in den neun Monaten um 0,3 Prozent gesunken.
Deutsche Apotheken reagieren negativ auf Doc Morris
Wachstumstreiber im Konzern war das Apothekengeschäft, dessen Umsatz in den neun Monaten um 10,5 Prozent auf 2,669 Milliarden Euro stieg. Dabei profitierte das Unternehmen vom Zukauf von 98 Apotheken in Großbritannien im ersten Halbjahr und der Übernahme der Internet-Apotheke Doc Morris Ende Mai. Um Zukäufe, Neueröffnungen und Apothekenabgänge bereinigt legte der Umsatz des Bereichs noch um 3,0 Prozent zu.
Das Betriebsergebnis des Apothekengeschäfts stieg um 10,8 Prozent auf 288,8 Millionen Euro, die Ebit-Marge lag nahezu unverändert bei 10,8 Prozent. Das stärkste Umsatzwachstum erzielte das Unternehmen dank der Doc-Morris-Übernahme in den Niederlanden, wo die Erlöse um 72 Prozent auf 190 Millionen Euro zulegten.
Im Großhandel kletterte der Umsatz um 2,2 Prozent auf 13,244 Milliarden Euro. Um Akquisitionen in Dänemark bereinigt ging der Umsatz aber um 0,2 Prozent zurück. Das Ebit des Bereichs sank um 1,9 Prozent auf 277,1 Millionen Euro und die Ebit-Marge von 2,2 auf 2,1 Prozent.
Grund für den Rückgang war den Angaben zufolge vor allem der verschärfte Wettbewerb in Deutschland. Indes stellte das Unternehmen auch eine negative Reaktion der Großhandelskunden auf den Erwerb von Doc Morris fest. Man gehe davon aus, dass man aber die Marktposition vor dem Erwerb von Doc Morris wieder erreichen werde. Konkrete Zahlen wie stark der Einbruch im deutschen Apothekengeschäft war, machte Celesio am Dienstag allerdings nicht. Ein Firmensprecher sagte lediglich: Wir haben die Talsohle durchschritten.
Prognose trotz zusätzlicher Belastungen bestätigt
Für das Gesamtjahr bestätigte das Unternehmen trotz zu erwartender Belastungen im Schlussquartal seinen Ausblick. Der Vorsteuergewinn werde wie geplant über dem des Vorjahres liegen, das operative Ergebnis (Ebitda) stärker als der Umsatz zulegen. Dabei habe das Unternehmen eine nicht erwartete Ergebnisbelastung im vierten Quartal berücksichtigt.
Celesio hatte Ende September Ergebnismehrbelastungen von mehr als 30 Millionen Euro in Großbritannien angekündigt. Grund sei die dort geplante Kürzung der Arzneimittelerstattungspreise und Apothekenvergütungen. Auch der verschärfte Wettbewerb in Deutschland und höhere Finanzierungskosten würden die Geschäftsentwicklung hemmen, hieß es nun. Der Geschäftsbereich Celesio-Apotheken werde im Geschäftsjahr 2007 über dem vergleichbaren Markt wachsen, sagte der Vorstand voraus. Die Marktposition der Celesio-Apotheken werde durch Akquisitionen und Neueröffnungen ausgebaut.
Liberalisierung könnte ein schwerer Schlag werden
Etwas weniger enthusiastisch als Anleger und die Mehrzahl der Analysten gaben sich die Experten von Sal. Oppenheim, die die Aktie sei gegenwärtig angemessen bewertet ansehen. Die Quartalszahlen seien etwas schlechter als erwartet ausgefallen. Gesundheitsreformen, ein schwieriger deutscher Markt mit intensivem Wettbewerb und die Vorbereitungen der Wettbewerber auf die Liberalisierung des deutschen Apothekenmarktes mit zu erwartendem hartem Wettbewerb würden für den Pharmahändler ein schwerer Schlag sein. Das Unternehmen habe daher seine mittelfristigen Wachstumsziele gesenkt. Die Aktie sei nicht günstig bewertet und die Analysten sehen keine Impulse für den Kurs.
Demgegenüber hofft das Unternehmen auf einen baldigen Anstieg der Gewinnspannen im Pharma-Großhandel. Es ist möglich, dass wir am Wendepunkt stehen, sagte der stellvertretender Vorstandschef Stefan Meister am Dienstag in einer Telefonkonferenz. Die Pharmagroßhändler lieferten sich Rabattschlachten, die auch einige große Wettbewerber für inakzeptabel hielten.
2008 wird ein schwieriges Jahr
Schwieriger als erwartet scheinen sich dagegen die Verhandlungen über einen Einstieg in den russischen Markt zu gestalten. Es sei momentan schwer abzuschätzen, wann die Verhandlungen abgeschlossen werden könnten. Celesio hatte im Oktober vereinbart, exklusive Verhandlungen zum stufenweisen Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung an der russischen Protek-Gruppe zu führen. Einen Abschluss der Verhandlungen hatte das Stuttgarter Unternehmen bis Mitte Dezember angepeilt.
Insgesamt erwartet man für 2008 ein schwieriges Jahr. Anschließend rechnet man aber wieder mit einem stärkeren Ergebniswachstum. Die Ende September vorgenommene Korrektur der mittelfristigen Prognose bedeute nicht, dass Celesio das Ergebnis dauerhaft nicht mehr zweistellig steigern könne. Ende September hatte das Unternehmen erklärt, man gehe für die Zeitperiode 2006 bis 2010 nicht mehr von einem durchschnittlich zweistelligen Wachstum des Vorsteuerergebnisses aus. Diese Anpassung der Prognose beruhe auf den Wachstumsraten des Ergebnisses der Jahre 2006 und 2007 und der Erwartung eines herausfordernden Jahres 2008.
Technische Lage eher weniger günstig
Angesichts der offenkundigen Uneinigkeit über die Aussichten und einer Bewertung der Aktie mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 15,2 für das laufende und 14,3 für das kommende Jahr erscheint fraglich, ob der Einstiegszeitpunkt jetzt wirklich so günstig ist. Im Gegenteil ist allein schon am Mittwoch wieder mit Gewinnmitnahmen zu rechnen.
Zudem hat sich charttechnisch nicht allzu viel ereignet. der Kursanstieg vom Dienstag revidiert lediglich einen Teil der Kursverluste vom Monatsanfang und reicht damit gerade einmal aus, um das Oktober-Tief von 38,56 Euro zu überwinden, nicht jedoch, um die Widerstandsline bei 40 Euro zu gefährden, auch nicht die abwärts laufenden Trendlinien.
Auch der MACD weist kein Kaufsignal aus. Positiv ist zu vermerken, dass sich der RSI im überverkauften Bereich befindet. Das deutet daraufhin, dass das Erholungspotential vor allem eher kurzfristiger Natur ist. Von einem stabilen Aufwärtstrend wäre hingegen erst bei Überwindung des Septemberhochs von 49,31 Euro auszugehen - und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: ddp, FAZ.NET
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| INFINEON TECHNOLOGIE | +0,21 | +5,71 |
| K+S AKTIENGESELLSCHA | +1,53 | +4,01 |
| DEUTSCHE BÖRSE AG NA | +2,15 | +3,49 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -1,69 | -14,20 |
| DEUTSCHE BANK AG NAM | -4,28 | -8,94 |
| DEUTSCHE POSTBANK AG | -2,36 | -7,65 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 5.326,63 | -1,12 |
| TecDax | 573,04 | -5,15 |
| DowJones | 9.447,11 | -5,11 |
| Nasdaq | 1.754,88 | -5,80 |
| STOXX 50 | 2.878,82 | +0,22 |
| Nikkei 225 | 10.155,90 | -3,03 |
| S&P 500 Zert. | 10,50 | -1,78 |
| Euro/Dollar | 1,36 | +0,67 |
| Bund Future | 117,28 | +0,26 |
| Gold | 888,40 | +3,10 |
| Öl | 85,76 | -1,06 |
Gier nach Geld ist eine Krankheit,die keine Grenzen kennt.Das neue Goldene Kalb?
20:44The Honorable Angela Merkel, Berlin, Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin:
20:41zu arrogant, zu langsam im Denken, beratungsresistent, zu teuer, ....