British Energy

Eine hässliche Braut wird heftig umworben

17. April 2008 An British Energy ist eigentlich wenig attraktiv, und so sahen es auch lange Zeit die Anleger, die den Titel lange Zeit geflissentlich an der Londoner Börse mieden. Acht der zehn britischen Kernkraftwerke betreibt British Energy, dazu kommt ein Kohlekraftwerk im Südwesten des Landes. Aber der Kraftwerkspark ist veraltet. Immer wieder sinkt die Stromerzeugung wegen außerplanmäßiger Stillstände.

Entsprechend krisenbehaftet ist die kurze Geschichte von British Energy. Und die Zukunft sieht kaum besser aus. In den nächsten 15 Jahren müssen die Kraftwerke weitgehend erneuert werden und plant eine größere Zahl neuer Kernkraftwerke (Großbritannien treibt Kernkraftausbau voran). Dies erfordert einen derart hohen Kapitalbedarf, dass die britische Regierung auch allein deshalb ihren Kapitalanteil von rund 35 Prozent zum Verkauf gestellt hat.

Heftiges Bietergefecht treibt den Aktienkurs

Und dennoch ist um die hässliche Braut ein heftiges Bietergefecht entstanden. Um rund ein Drittel auf derzeit rund 727 Pence ist der Aktienkurs allein in diesem Jahr gestiegen. Auch auch wenn der rasante Kursaufschwung derzeit etwas ins Stocken geraten ist, stehen die Chancen gut, dass die Richtung in den nächsten Wochen weiter nach oben zeigen dürfte.

Sollte die Regierung ihr Aktienpaket en bloc abgeben, müsste der Käufer allen anderen Aktionären ein Übernahmeangebot zu denselben Konditionen unterbreiten. Und dies lässt viele Anleger hoffen, dass sie eine hohe Prämie auf den Aktienkurs einstreichen können.

Auch EDF ist interessiert

Das Werben um British Energy hatte jüngst RWE eröffnet. Der deutsche Stromkonzern bietet knapp 700 Pence je Aktie in bar. Inklusive der Schulden hat das Angebot einen Wert von 11 Milliarden britischen Pfund (13,7 Milliarden Euro). Dies rief den großen französischen Konkurrenten Stromkonzern Electricité de France (EDF) auf den Plan, der seinerseits wohl ebenfalls ein vorläufiges Gebot eingereicht hat.

Aber auch der britische Gasversorger Centrica, der deutsche Energieerzeuger Eon und der schwedische Versorger Vattenfall gelten als Interessenten. Da Vattenfall allerdings zu klein ist, um alleine ein Gebot abzugeben, könnte es sein, dass der Konzern einen Finanzinvestor einbindet.

Regierung hält sich die Optionen noch offen

Die britische Regierung hält sich derzeit jedoch die Optionen noch offen. Möglich ist, dass sie British Energy komplett abgibt oder auch nur allein den Staatsanteil verkauft und das Unternehmen somit als Börsenwert von Gewicht erhalten bleibt.

Allerdings gilt es als politisch heikel, wenn die Regierung unter Premier Gordon Brown das Herzstück der britischen Kernkraft an einen einzelnen ausländischen Konzern abgeben sollte. Von daher hat auch die Option Chancen, dass British Energy an ein Konsortium verkauft wird. So könnte es sein, dass sich EDF und Centrica zusammen tun.

RWE könnte Vattenfall einbinden

Auch die Variante, dass RWE Vattenfall beteiligen könnte, ist neuerdings im Gespräch. RWE wolle allein für British Energy bieten und anschließend einzelne Kraftwerke an Vattenfall abtreten, hieß es in einem Bericht der Londoner Zeitung „Times.“ Zuvor war auch schon über die Möglichkeit spekuliert worden, dass sich EDF, Centrica und RWE den britischen Kraftwerkbetreiber aufteilen könnten. Eon seinerseits dementierte diese Woche Gerüchte, das Unternehmen sei nicht mehr an British Energy interessiert.

Noch laufen die Planspiele zwischen den Interessenten und Beteiligten. Aber es kann nun auch recht schnell gehen. Schon in den nächsten Wochen könnten die endgültigen Gebote eingehen. Und manche Beobachter in Großbritannien schätzen, dass der Verkauf bis Juli abgeschlossen sein könnte.

British Energy hat eine wechselvolle Geschichte

Dann wäre der zweite Versuch des britischen Staates, sich von dem Stromerzeuger zu trennen, beendet. 1996 hatte die Regierung British Energy privatisiert worden. Der Konzern geriet aber von 2001 an durch niedrige Großhandelspreise und eine teure Bereinigung von Altlasten in eine schwere Krise. Daraufhin musste der Staat wieder eingreifen, der daraufhin wieder Aktionär des Stromerzeugers wurde.

British Energy wurde 2004 durch staatliche Überbrückungskredite von 5 Milliarden Pfund und ein komplexes Rettungspaket aufgefangen, in dessen Zuge Schulden in Aktien umgewandelt wurde. Seitdem hält die britische Regierung wieder 35,2 Prozent an dem Unternehmen. Im Januar 2005 kam die Aktie zum Preis von 263 Pence erneut an die Börse.

Auch Konzernchef Montague klagt

14 Prozent des Stroms, der in Großbritannien verbraucht wird, erzeugt British Energy. Allerdings beliefert das Unternehmen nur die Versorger, die dann den Strom an die Endabnehmer verteilen. Doch aufgrund der veralteten Kraftwerke ist der Gewinn in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2007/2008, das am 31. März endete, auf 26,4 Pence je Aktie gefallen. Ein Jahr zuvor lag der Gewinn je Aktie bei 27,1 Pence. Auch Konzernchef Adrian Montague beklagte vor einigen Wochen, dass die Erzeugung durchaus höher hätte ausfallen können.

Das Gebot, das bisher für British Energy vorliegt, ist nur das erste Wort. Wahrscheinlich ist, dass die Interessenten nachbessern müssen. Denn schon heute liegt der Aktienkurs mit 727 Pence deutlich über der Offerte von RWE, die bei 700 Pence liegt.

RWE strebt einen günstigeren Energiemix an

Außerdem dürfte vor allem RWE an British Energy interessiert sein, da sich der deutsche Stromerzeuger vor allem auf Braun- und Steinkohle stützt und einen günstigeren Energiemix anstrebt. Kernenergie ist wieder in den Fokus gerückt, weil diese Energie nur geringe Emissionen von Kohlendioxid verursacht. Allerdings hat die britische Regierung immer noch keine Lösung für die Endlagerung der hoch radioaktiven Abfälle gefunden.

Der hartnäckigste Konkurrent dürfte EDF sein, der ohnehin viel Erfahrung mit der Atomkraft hat und kürzlich auch bei dem Besuch von Präsident Nicolas Sarkozy beim britischen Premier Brown noch politisch unterstützt wurde. Sarkozy sprach nach den Gesprächen von einem britisch-französischen „Atompakt“, der kürzlich vereinbart worden sei.

Der Kurs von RWE und EDF leidet schon

Klar ist allerdings auch, dass auf den Käufer neben einem hohen Preis für den Erwerb enorme Investitionen in neue Kernkraftwerke in Großbritannien zukommen werden. So dürfte auch das Interesse an British Energy zu dem schwachen Börsenkurs von RWE in den vergangenen Wochen erheblich beitragen. Die Kursentwicklung von EDF (Isin: FR0010242511) ist kaum besser.

Die Übernahme ist derzeit das einzige Argument, das für die Aktie von British Energy spricht. Denn mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 28,6 auf Basis des geschätzten Gewinns je Aktie ist der Titel schon sehr hoch bewertet.

Iberdrola wird ungeduldig

Die Spekulationen um British Energy jedenfalls machen nun auch dem spanischen Energiekonzern Iberdrola (Isin: ES0144580Y14) zu schaffen. EDF hatte zwar ein Übernahmeangebot angekündigt, dies aber bis heute nicht konkretisiert.

Iberdrola-Chef Ignacio Sánchez Galán, die zögerliche Haltung von EDF belaste zunehmend Iberdrola und grenze an „unlauteren Wettbewerb“. Doch offenbar wollen die Franzosen erst einmal abwarten, wie ihre Geschäfte in Großbritannien vorankommen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @hlr
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

 
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