Von Wieland Staud
17. April 2008 Albtraumcharts - das sind Kursverläufe von Wertpapieren, die ihren Besitzern ausschließlich Albträume beschert haben. Albtraumcharts - das sind aber auch Charts, die einem technischen Analysten beim Blick in die Zukunft das Wasser in die Augen treiben. In den letzten Monaten hat die Kategorie der Albtraumcharts für Anleger und Analysten reichlich Zulauf erhalten. Erstaunlicherweise werden beide, Anleger und Auguren, damit momentan dieselben Kursbilder meinen: die der Banken. Da fällt sowohl der Blick zurück als auch der in die längerfristige Zukunft nicht besonders verheißungsvoll aus.
Wenn die Aktie der Schweizer Großbank UBS noch im Februar 2007 bei knapp 80 Franken notierte, der Chart 13 Monate später aber nur noch einen Wert von 24,20 Franken ausweist, und wenn die Aktie der amerikanischen Großbank Citigroup in einem vergleichbaren Zeitraum von 57 Dollar auf 18 Dollar zurückfällt, dann sind Glücksgefühle wie an einem Kindergeburtstag fern.
Fortsetzung der begonnenen Erholung wahrscheinlicher als ein Rückfall in den Abwärtstrend
Wenn es auch nur irgendeinen Zusammenhang zwischen Kursentwicklung und fundamentalem Wohlergehen eines Unternehmens gibt, dann hat die Krise für das jeweilige Institut epochale Ausmaße erreicht. Für Charts dieser Albtraumkategorie gilt grundsätzlich immer zweierlei: zum einen, dass eine einsetzende Erholung lang anhalten, volatil sein und im Regelfall auch wesentliche und beeindruckende Kursgewinne erzielen wird. Kurse weit über 30 Dollar für die Citigroup und bis an die 50 Franken für die UBS sind also mittelfristig zumindest vorstellbar. Gleichzeitig und damit zweitens ist aber auch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die jeweiligen Tiefstkurse in beiden Werten bereits hinter uns liegen, nicht wirklich groß. Längerfristig sind die Aussichten also lausig.
Der Chart des Euro Stoxx Banken, das gewichtete Aggregat aller wesentlichen Banken des Euro-Raums, sieht zwar bei weitem nicht so schlimm aus wie die der beiden Großbanken UBS und Citigroup. Aber auch er musste nach dem Bruch des langfristigen Aufwärtstrends Kursverluste von fast 40 Prozent hinnehmen und damit fast doppelt so viel Terrain preisgeben wie die Standardaktienindizes Dax und Euro Stoxx 50. Auch für den Bankenaktienindex gilt, dass jetzt eine nachhaltige Fortsetzung der begonnenen Erholung sehr viel wahrscheinlicher ist als ein Rückfall in den Abwärtstrend. Der jüngste Kursanstieg unterscheidet sich so grundlegend von allen vorangegangenen Erholungen, dass jetzt selbst ein Anstieg auf Werte um oder sogar über 400 Punkte nicht grundsätzlich ausgeschlossen ist. Der Bankenaktienindex würde damit wieder im Bereich der im Januar genannten und erreichten Erholungsniveau notieren.
Aber auch angesichts dieses Bankenindex fällt es einigermaßen schwer, schon jetzt dem Ende der Krise das Wort zu reden. Sorgen bereitet vor allem die im Chart abgebildete negative Divergenz des MACD. Dieser Moving-Average-Convergence-Divergence Indikator misst kurzgefasst die Marktdynamik. Er steigt umso schneller und umso höher, umso schneller und höher der beobachte Kursverlauf steigt. Gleiches gilt auch für einen fallenden Chart. So weit - so gut. Das Problem im vorliegenden Kursbild ist, dass der MACD ab 2006 begann, sich von der Entwicklung des Bankenindex abzukoppeln. Während der noch ein Hoch nach dem anderen erzielte, gelang das dem MACD nicht mehr.
Analytisch bedeutet das im Normalfall dreierlei. Erstens wird die nachfolgende Schwächephase eine Korrektur und keine Konsolidierung werden. Ihre zeitliche Ausdehnung und das Ausmaß ihrer Verluste wird zweitens das normale Maß sprengen. Schließlich deuten drittens solche negativen Divergenzen darauf hin, dass die Baisse erst mit ihrem positiven Gegenstück ihr Ende finden kann. Das ist definitionsgemäß erst dann möglich, wenn der Bankenindex ein neues Tief erzielt hat.
Schneller Optimismus - Totengräber jeder Erholung
Nun zum Dax. Der Deutsche Aktienindex hat auf seiner rasanten Talfahrt in den zurückliegenden anderthalb Wochen den Fuß vom Gas genommen, konsolidiert und damit so ziemlich das Beste getan, was er im Sinne einer anhaltenden Erholung überhaupt tun konnte. Gerade nach heftigen Kursrückgängen suggerieren extrem steile Kursanstiege zwar oft genug, dass alles wieder in bester Ordnung sei. Aber das Gegenteil ist dann meistens der Fall. Wenn zu viele in der gerade erst beginnenden Gegenbewegung schon wieder den Neustart sehen, dann kommt viel zu schnell wieder zu viel Optimismus, der Totengräber jeder Erholung, in den Markt. Auch wenn also diese teilweise dramatischen Kursrückgänge wie zum Beispiel der vom vergangenen Freitag wieder sehr unangenehme Erinnerungen an das erste Quartal wachrufen, so sind es gerade sie, die Grund zur Zuversicht geben.
Es bleibt ohne Einschränkung bei dem Kurszielbereich von 7.280 bis 7.360 Punkten. Dieses Niveau sollte der Dax bis zum Sommer erreichen. Die beiden entscheidenden Hürden auf diesem Weg stellen die Widerstandsbereiche um 6820 und 7010 Punkte dar. Wahrscheinlich wird der Dax jedes dieser Niveaus mehrfach ansteuern müssen, bis ihm der entscheidende Durchbruch gelingen kann. Das analytische Stoploss für diese zuversichtliche Sichtweise und jedwedes Erholungsszenario liegt unverändert bei 6.315 Punkten. Auch wenn wir von Staud Research damit explizit nicht rechnen: ein Unterschreiten dieses Niveaus würde aus heutiger Sicht das Tor zur Hölle weit aufstoßen.
Der Wermutstropfen dieser an sich gar nicht so schlechten Perspektive bleibt die Einschätzung, dass der Dax sich momentan eben nicht zu neuen Ufern aufmacht und er jetzt auch nicht in seinen langfristigen Aufwärtstrend zurückfinden wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er sich in einer klassischen Bärenmarktrally befindet, ist nach wie vor und trotz aller Vorrede noch immer um ein Zigfaches höher. Sobald die Erholungsphase vorbei ist, werden uns die Bären wieder Mores lehren.
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| LINDE AG INHABER - A | +2,07 | +2,47 |
| DEUTSCHE BÖRSE AG NA | +1,16 | +1,82 |
| ADIDAS AG INHABER - | +0,66 | +1,68 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -0,37 | -1,81 |
| INFINEON TECHNOLOGIE | -0,10 | -1,68 |
| FRESENIUS MEDICAL CA | -0,51 | -1,37 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.422,30 | +0,03 |
| TecDax | 827,16 | +0,24 |
| DowJones | 11.612,67 | -0,88 |
| Nasdaq | 2.374,15 | -1,55 |
| STOXX 50 | 3.365,63 | +0,18 |
| Nikkei 225 | 13.072,87 | +2,39 |
| S&P 500 Zert. | 12,95 | +1,17 |
| Euro/Dollar | 1,47 | -0,30 |
| Bund Future | 114,11 | -0,17 |
| Gold | 830,15 | -0,35 |
| Öl | 114,45 | -1,55 |