Pharmaziebranche

Amerikanische Pharmabranche unter Dauerdruck

Auch Viagra kann Pfizer derzeit nicht helfen

Auch Viagra kann Pfizer derzeit nicht helfen

21. Oktober 2005 Was waren das noch für Zeiten, als eine kleine blaue Pille bei der Pfizer-Aktie für einen steilen Aufwärtstrend sorgte. Doch die Wirkung von Viagra ist längst abgeklungen. Seit nunmehr fünf Jahren geht es mit dem Papier abwärts. Und die jüngsten Ergebnisse geben keine Veranlassung zu glauben, daß sich das ändern könnte.

Denn im dritten Quartal verbuchte der weltgrößte Pharmakonzern einen drastischen Gewinnrückgang. Gegenüber dem Vorjahr halbierte sich der Gewinn auf 1,6 Milliarden Dollar oder 22 Cents je Aktie. Auch der Umsatz sank um fünf Prozent auf 12,2 Milliarden Dollar. Der Neunmonatsumsatz stagnierte mit 37,7 Milliarden Dollar, wohingegen der Gewinn für diesen Zeitabschnitt um 37 Prozent auf 5,4 Milliarden Dollar oder 0,72 (Vorjahr: 1,12) Dollar fiel. Pfizer hat außerdem auch eine vorsichtige Geschäftsprognose für das Schlußquartal abgegeben und machte keine Prognosen für 2006 und 2007.

Pfizer unter Druck von allen Seiten

Was dem Unternehmen zu schaffen macht, ist eine Häufung branchentypischer Probleme. Nachdem der Patenschutz für das Antibiotikum Neurontin ablief, nagen Generika-Hersteller am Umsatz, der im vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent fiel. Der Patentschutz für wichtige Medikamente lief ab, der Umsatz mit dem Rheumamittel Celebrex geht weiter stark zurück, nachdem die Gesundheitsbehörden einen Warnhinweis wegen Risiken für das Herz auf dem Beipackzettel verordnet hatten. Das Alternativ-Präparat Bextra mußte ganz vom Markt genommen werden.

Außerdem steht der Konzern wegen Viagra chronisch unter Druck, dessen Umsatz ebenfalls um vier Prozent zurückging. Auch hier hatte Pfizer einen zusätzlichen Warnhinweis wegen eines Erblindungsrisikos anbringen müssen - doch Verbraucherschützern reicht das nicht. Sie wollen einen Warnhinweis, vergleichbar mit dem auf europäischen Zigarettenschachteln.

Pfizer ist in der amerikanischen Pharmabrachen kein Einzelfall. Unter Dauerdruck stehen auch Merck & Co. wegen des Schmerzmittels Vioxx, das der Konzern im vergangenen Jahr vom Markt nehmen mußte, nachdem sich Herzinfarkte im Zusammenhang mit der Anwendung gehäuft hatten. Derzeit versucht Merck in einem Verfahren, das 6.500 frühere Anwender gegen den Konzern angestrengt haben, die Ungefährlichkeit von Vioxx nachzuweisen.

Merck im Vioxx-Strudel

In einem ersten Verfahren in Texas im August wurde Merck bereits zu Entschädigungszahlungen von 253 Millionen Dollar verurteilt. Allerdings muß Merck davon nur 25 Millionen bezahlen, da Texas nach dem Texaco-Urteil eine Deckelung auf Schadensersatzforderungen an Unternehmen eingeführt hat.

Als ob das nicht genug wäre, wurde vor kurzem auch das Diabetes-Medikament Pargluva verzögert, das Merck gemeinsam mit Bristol-Myers Squibb entwickelt, weil die Gesundheitsbehörden (FDA) weitere Informationen zu Risiken verlangen. Obendrein verlor das Unternehmen vor dem Supreme Court eine Klage gegen den zehn Jahre früher als geplanten Patentablauf beim Umsatzbringer Fosamax, einem Osteoporose-Medikament.

Die Liste läßt sich praktisch beliebig fortsetzen. Abbott Laboratories erfuhren einen heftigen Rückschlag, nachdem die FDA vor wenigen Tagen die Zulassung von Xinlay, eines Medikaments gegen Prostatakrebs wegen Bedenken gegen dessen Sicherheit und Effektivität ablehnte. Auch bei Abbott fiel der Nettogewinn im vergangenen Quartal deutlich um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 680,7 Millionen Dollar - nicht zuletzt wegen der Kosten von Entlassungen.

Eli Lilly kämpft sich durch

In der Restrukturierung befinden sich auch Eli Lilly, die indes den Quartalsgewinn dank gewachsener Nachfrage nach Medikamenten gegen Depressionen und Impotenz um fünf Prozent auf 794 Millionen Dollar steigern konnten. Eli Lilly hat in den Vereinigten Staaten Schwierigkeiten mit seinem Schizophrenie-Medikament Zyprexa. Starke Konkurrenz und Sorgen um eine Gewichtszunahme durch das Mittel ließen den Umsatz abermals um zehn Prozent auf 503,9 Millionen Dollar sinken. Außerdem soll das Medikament Diabetes begünstigen. Allein dieser Rückschlag zwang Eli Lilly zur Kostenreduzierung und Entlassungen.

Auch das Präparat Strattera gegen Aufmerksamkeitsstörungen wurde weniger verkauft, weil es mittlerweile mit einem starken Warnhinweis auf das Risiko von Selbstmordgedanken bei Kindern und Jugendlichen versehen ist.

Amerikanische Konzerne unter politischem Druck

Gerade hinsichtlich der Impotenz-Medikamente stehen mittlerweile die FDA selbst unter Druck. Kongreßmitglieder und Patientenschutzgruppen werfen ihr vor, daß sie die Sicherheit von Medikamenten nicht angemessen überwache. Diesen Druck geben die Behörden natürlich weiter.

Unter diesen Umständen ist es auch wenig verwunderlich, wenn sich Verzögerungen, Nachträge auf Beipackzetteln und Prozesse häufen - und die Anleger das vertrauen zu Pharmatiteln verlieren. An den Bewertungen der amerikanische Pharma-Aktien läßt sich der Grad der Schwierigkeiten ablesen, in denen die Unternehmen stecken. Pfizer und Merck kommen auf ein geschätztes Kurs-Gewinn-Verhältnis für das laufende Geschäftsjahr von elf, Bristol-Meyer Squibb von 15, Abbott und Eli von 18. Ledilgich Schering Plough macht mit 62 eine Ausnahme - was aber daran liegt, daß das Unternehmen immer noch eine Restrukturierungsphase durchläuft.

Zukunft deutsche Pharmazeuten unsicher

Wenig erfolgreich zeigt sich auch die deutsche Pharmabranche. Schering verdient zwar gut, aber die Frage nach den Nachfolgern für die Erfolgsmedikamente werden immer drängender. Am Donnerstag erst gab es wieder eine schlechte Nachricht: die Zulassung eines Wirkstoffs zur Behandlung von „Morbus Crohn“ wird sich voraussichtlich um ein Jahr verschieben.

Bei Altana beunruhigen immer noch die unklaren Umstände der Beendigung der Kooperation mit Pfizer beim Lungenmedikament Daxas. Gerade weil Pfizer selbst massiv unter Druck steht, sind die Erfolgsaussichten von Daxas fraglich geworden. Und Schwarz Pharma sucht bereits seit über einem Jahr nach einem Nachfolger für sein generisches Magenmittel, das früher der Hauptumsatzbringer war. Nicht viel besser sah es zuletzt beim französisch-deutschen Konzern Sanofi-Aventis aus, bei dem zuletzt ein Anti-Depressivum scheiterte und ein Thrombosemedikament verschoben wurde.

Roche „nicht von der Pipeline abhängig“

Viel besser stellen sich die Schweizer Pharmawerte dar. Roche steigerte im dritten Quartal den Pharma-Umsatz um 21 Prozent in lokalen Währungen, vor allem dank erfolgreicher Krebsmedikamente und der Nachfrage nach dem Grippemittel Tamiflu. Das Unternehmen bekräftigte seine im Sommer abgegebene Prognose, daß auch für das gesamte Jahr 2005 der Pharma-Umsatz in lokalen Währungen zweistellig wachsen und die operative Marge höher als im Vorjahr ausfallen werde.

„Sie haben ein gesichertes Wachstum, weil sie nicht wirklich von irgendetwas abhängig sind, was sie in der Pipeline haben“, sagt Fondsmanager Luis Correia von der Clariden Bank. Die Krebsmittel Avastin und Herceptin sind gerade erst gestartet und sehr erfolgreich. Ein Teil des Erfolges sind erfolgreiche Kooperationen und Beteiligungen.

Kein Zweifel an Novartis' Pipeline

Roche wächst dreimal so schnell wie der Weltmarkt und doppelt so schnell wie Novartis, die jüngst gleichfalls hervorragende Ergebnisse vorlegten. Daß Novartis ein wenig schwächer in den Bereichen Selbstmedikation und Tiermedizin abschnitt, waren nicht mehr als Schönheitsfehler.

Und an Novartis Pipeline gibt es keine Zweifel. Das jüngste Update wurde wohlgefällig aufgenommen. Novartis liege gut in der Zeit und in der Richtung, hieß es von Analysten. Fünf Zulassungsanträge sollen in den kommenden zwölf Monaten gestellt werden, unter anderem für ein vielversprechendes Diabetes-Medikament und einen Blutdrucksenker.

Dafür sind die Schweizer Aktien entsprechend hoch bewertet. Roche kommt auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) für das laufende und kommende Jahr von 28,5 und 24, Novartis von 21 und 18. Im Branchenvergleich ist Novartis damit gar nicht mal so teuer, kommen doch Abbott und Eli Lilly auf KGVs von 18.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
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