10. November 2009 Dass im Großen Handelssaal der Alten Börse in Frankfurt eine Scheinwelt aufgebaut wird, ist nichts Neues. Im September 1945 fand hier mit Pucchinis Tosca die erste Opernaufführung in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Auch in den Jahren danach beherrschten die Schauspieler häufig das Parkett. Die Börse diente noch in den fünfziger Jahren regelmäßig als Theaterbühne für das Schauspiel Frankfurt.
Mittlerweile wird der Handelssaal als Fernsehkulisse genutzt. Schauspieler sind dort zwar in erster Linie nicht tätig, aber auch nicht die börsenrelevanten Personen. Die wenigen Händler, die noch verblieben sind, spielen für den Handel mit den großen deutschen Aktien eine unbedeutende Nebenrolle und sind lediglich bei weniger im Rampenlicht stehenden Aktien von Relevanz.
Börsenhändler: Aus dem Handelssaal in die Geschichtsbücher?
Doch auch diese Nische wird in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören, denn die Deutsche Börse arbeitet daran, die Börsenhändler aus dem Handelssaal in die Geschichtsbücher zu verbannen. Erklärtes Ziel ist es, so bald wie rechtlich möglich den kompletten Wertpapierhandel über das elektronische Handelssystem Xetra laufen zu lassen.
Das Handelssystem führt automatisch Angebot und Nachfrage an Aktien zusammen und ermittelt den Preis. Das klappt seit Jahren erfolgreich bei den rege gehandelten Aktien und hat seine Feuerprobe auch bei den mehr als 300 000 Zertifikaten und gut 3000 Fonds bereits bestanden. Vom 1. Dezember an soll dann auch der Handel mit Unternehmensanleihen auf Xetra angeboten werden.
Lediglich das Geschäft mit rund 800 Aktien findet dann neben Xetra auch noch über die Börsenhändler statt, die mittlerweile Skontroführer genannt werden. Die Börse muss nach einem öffentlichen Verteilungsprozedere die Skontren - also das Recht, den Handel in einer Aktie zu betreiben - vergeben. Das ist ihr lästig, zumal das Verfahren regelmäßig von Rechtsstreitigkeiten angeblich zu kurz gekommener Skontroführer begleitet wird.
"Das berufsständische Skontroführermodell gibt es nur noch in Deutschland", sagt Rainer Riess, Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse und bei der Deutschen Börse zuständig für Xetra. "Wettbewerbsbedingt bedarf es daher einer Optimierung des Präsenzhandelsmodells." Diese sieht nach den Vorstellungen der Deutschen Börse ein Spezialistenmodell vor. Da gerade in kleineren Aktien oft nur wenige Geschäfte stattfinden, ist hier der rein elektronische Handel über Xetra ungeeignet. Der Spezialist soll daher den Handel beobachten und gegebenenfalls eingreifen. "Dies ist eine andere Philosophie", sagt Riess. "Im bisherigen Modell ist der Mensch derjenige, der etwas veranlasst, künftig ist es der Computer, der neutral und transparent einen Preis errechnet, und der Mensch kann bei Bedarf eingreifen."
Die Börse verspricht sich davon einen schnelleren und transparenteren Handel. Außerdem will sie damit Umsätze aus dem Ausland an die Deutsche Börse holen. "Ein Portugiese kann bisher einen deutschen Nebenwert nicht direkt auf dem Parkett kaufen", sagt Riess. "Mit dem neuen Modell erweitern wir daher das Angebot für internationale Kunden."
Kleinere Handelshäuser fürchten den Wegfall ihrer Geschäftsgrundlage
Die Börsenhändler auf dem Parkett sehen die Reformpläne teilweise sehr skeptisch. Eine Initiative der Skontroführer hat sich gebildet. Gerade die kleineren Handelshäuser fürchten den Wegfall ihrer Geschäftsgrundlage. Die größeren Handelshäuser wären wohl hingegen eher in der Lage, die Anforderungen der Börse an die Eigenkapitalhinterlegung, die IT-Standards und das Risiko-Controlling zu erfüllen, um dann weiter als Spezialisten arbeiten zu können.
Entscheidungsgremium ist der Börsenrat, in dem 18 Vertreter von Banken, Wertpapierhändlern und Anlegervertretern sitzen. Die von ihm mit Mehrheit zu fällenden Beschlüsse sind bindend. Für das Treffen am 1. März werden Reformkonzepte von den beteiligten Akteuren erarbeitet, die dann als Diskussionsgrundlage dienen. Bis 2012 sind die Skontren ohnehin noch nach dem alten System vergeben.
Doch auch danach soll das Parkett nicht leer stehen. Die Spezialisten, die durchaus dieselben Personen sein könnten wie vorher die Börsenhändler, werden dann in den runden Handelsschranken auf dem Parkett Platz nehmen. "Das Börsenparkett wird es bei uns auch weiterhin noch geben", sagt Frank Gerstenschläger, für den Kassamarkt zuständiger Vorstand der Deutschen Börse. "Der große Handelssaal bedeutet Börse zum Anfassen, da kommen viele Besucher hin, um sich über die Börse zu informieren. Wir stellen dort den Börsenhandel zeitgemäß dar."
Noch etwas näher am Zeitgeist der Börsen wären jedoch wohl Bilder von den in einem Industriegebiet in Frankfurt untergebrachten Großrechnern. Doch die Halle mit lauter blinkenden Computern wäre wohl keine so schöne Kulisse für regelmäßige Fernsehaufnahmen.
Text: dmoh., F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes, picture-alliance/dpa
| Tops & Flops | Kurs | in % |
| Volkswagen | 80,80 € | +0,51% |
| SAP | 31,21 € | +0,34% |
| BASF | 41,93 € | +0,10% |
| Beiersdorf | 46,13 € | −0,24% |
| Henkel Vz | 35,28 € | −0,31% |
| MAN | 52,75 € | −1,60% |
| ThyssenKrupp | 24,89 € | −1,70% |
| BAYER AG NA | 52,76 € | −1,81% |
| Siemens | 62,22 € | −2,02% |
| K+S | 42,29 € | −2,54% |
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.762,87 | −0,94% |
| TecDAX | 803,45 | −0,71% |
| MDAX | 7.359,44 | −0,79% |
| SDAX | 3.513,35 | −0,08% |
| REX | 376,59 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.884,96 | −0,87% |
| Dow Jones | 10.388,90 | +0,22% |
| Nasdaq 100 | 1.791,91 | +0,50% |
| S&P500 | 1.105,98 | +0,55% |
| Nikkei225 | 10.167,60 | +1,45% |
| EUR/USD | 1,4767 | −0,66% |
| Rohöl Brent Crude | 77,35 $ | −0,68% |
| Gold | 1.190,25 $ | −1,53% |
| Bund Future | 122,94 € | +0,11% |
| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
Durchschnitt 200 Tage |
|
|---|---|---|---|
Aktien-Index04.12.2009 13:00 |
1361,93 | 1342,79 | 1276,52 |
Performance-Index04.12.2009 17:35 |
304,98 | 296,72 | 278,83 |
Euro-Aktien-Index04.12.2009 17:35 |
143,93 | 140,04 | 127,71 |
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