15. März 2004 Nach der Parlamentswahl in Spanien präsentierte sich die Börse in Madrid am Montag erneut mit starken Kursverlusten. Der Leitindex Ibex 35 fiel um 4,2 Prozent auf 7.699 Punkte, wodurch sich das Minus seit vergangenen Montag auf acht Prozent beläuft.
Bei der Wahl am Sonntag hatte die Sozialistische Partei (PSOE) deutlich mehr Stimmen als die bisher mit absoluter Mehrheit regierende konservative Volkspartei (PP) erhalten. Diese war nach den Terroranschlägen in Madrid wegen ihrer Informationspolitik stark in die Kritik geraten: Die PP hatte trotz zahlreicher Hinweise auf einen radikalislamischen Zusammenhang hartnäckig an der These festgehalten, die Bombenanschläge seien eine Tat der baskischen Terrororganisation Eta.
Terroranschläge sind noch nicht verdaut
Die Verluste zum Wochenauftakt fallen somit stärker aus als am Morgen von Händlern erwartet. Das Ausmaß der neuerlichen Einbußen zeige, daß der Markt die Terroranschläge der vergangenen Woche noch nicht verdaut habe. Ebenfalls werde eine Verunsicherung des Marktes aufgrund des Regierungswechsels nach den Wahlen gesehen.
Einem Analysten zufolge könnte das Bekenntnis der Al Qaida zu den Terroranschlägen vom Donnerstag Druck auf die Aktienwerte ausüben, besonders auf den Reise- und Tourismussektor. Dazu sagte Rafael Pampillon, Wirtschaftsprofessor an der Madrider Business-Schule Instituto de Empresa. Die Tatsache, daß es so aussieht, als ob Al Qaida für die Anschläge verantwortlich war, wird die Tourismus-Konzerne treffen. Das wird Aktien von Hotels und Fluglinien belasten.
Für den Hintergrund: Der Tourismus steht in Spanien für ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts. Trotz dieser großen Bedeutung heißt es von Händlerseite aber auch, kurzfristig betrachtet sei die Eröffnung an den amerikanischen Märkten am Nachmittag entscheidend für den weiteren Verlauf an der Madrider Börse.
Ehemalige Staatsunternehmen unter Druck
Unter den Einzelwerten geben die Aktienkurse von Telefonica, Repsol-YPF und Endesa am Tag nach dem überraschenden Wahlausgang zum Teil überproportional nach. Die Managements dieser ehemals öffentlichen Unternehmen könnten durch eine neue Links-Regierung unter Druck gesetzt werden, erklären Marktteilnehmer. Sie waren von der Partido Popular unter Jose Maria Aznar eingesetzt worden. Endesa verloren 6,8 Prozent und Telefonica 4,7 Prozent.
Allerdings ist man sich unter Marktbeobachtern noch nicht sicher, was der Regierungswechsel für die Wirtschaft wirklich bedeutet. Eine gewisse Verunsicherung ist aber nicht übersehbar, nachdem die bisher regierende konservative Volkspartei auf diesem Feld in den vergangenen Jahren durchaus Erfolge vorzuweisen hatte. So wurden die Steuern gesenkt, Staatsfirmen privatisiert, erstmals seit 1975 ein ausgeglichener Staatshaushalt vorgelegt und als Resultat daraus ist das Wirtschaftswachstums auch im Vorjahr mit 2,4 Prozent höher als die im europaweiten Vergleich erzielte Zuwachsrate von 0,4 Prozent ausgefallen.
Wahlausgang nicht überbewerten
Den Börsianern wäre es daher vermutlich am liebsten, wenn sich an der Wirtschaftspolitik möglichst wenig ändern würde. Genau davon geht Luis Benguerel, Fondsmanager bei Interbrokers, aus: Die Sozialisten werden keine drastischen Maßnahmen beschließen, welche die Wirtschaft belasten, so seine Annahme. Bei UBS rechnet man lediglich mit einer künftig etwas expansiveren Fiskalpolitik.
Als kursbelastend wird allgemein vor allem die fehlende Regierungsmehrheit gewertet und die Tatsache des Wandels an sich. So heißt es in einer Markteinschätzung vom Broker Banesto Bolsa: Der Markt bevorzugt Stabilität und stabile Regierungen. Zur Erinnerung: Im Jahr 1996 war der Ibex um 5,2 Prozent gefallen, als die konservative Volkspartei die Wahlen ohne eine absolute Mehrheit gewonnen hatte.
Die Börse hat sich davon aber auch damals relativ schnell erholt und für gewöhnlich haben politische Börsen kurze Beine. So hebt dann auch UBS hervor, daß sich trotz aller kurzfristiger Unsicherheit an den konjunkturellen Aussichten der nächsten zwölf bis achtzehn Monate vermutlich nichts ändern werde. Das Wachstum im Inland wird weiter robust gesehen und werde zudem gestützt von einer sich bessernden Weltwirtschaft. Gleichzeitig verharre die Inflation nahe an einem Rekordtief und die Staatsfinanzen seien geordnet. Mehr als die Politik kann an dieser soliden Bestandsaufnahme vermutlich in der Tat eher der Terror etwas ändern.
Der Chart zeigt die Kursentwicklung beim spanischen Aktienindex Ibex 35.
Text: @JüB
Bildmaterial: REUTERS
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| INFINEON TECHNOLOGIE | +0,26 | +5,28 |
| BAYER AG INHABER - A | +1,96 | +3,63 |
| LINDE AG INHABER - A | +2,85 | +3,19 |
| MUENCHENER RUECKVERS | -8,55 | -7,34 |
| ALLIANZ SE VINK.NAME | -5,26 | -4,60 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -0,91 | -4,11 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.436,71 | -0,06 |
| TecDax | 725,17 | +0,50 |
| DowJones | 11.362,55 | +0,12 |
| Nasdaq | 2.299,32 | +0,84 |
| STOXX 50 | 3.351,13 | -0,10 |
| Nikkei 225 | 13.334,76 | -1,97 |
| S&P 500 Zert. | 12,50 | -2,34 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,14 |
| Bund Future | 110,36 | -0,52 |
| Gold | 928,50 | +0,09 |
| Öl | 125,98 | +0,80 |
