Warren Buffett

Geld und Liebe in der amerikanischen Provinz

Von Norbert Kuls

06. Mai 2008 Die Barmixer mussten sich beeilen, um die Cocktails in die mit Eiswürfeln gefüllten Plastikbecher zu gießen. Die Schlangen vor den Bars waren lang, die Getränke gratis, und im Zelt neben dem Juweliergeschäft „Borsheim's“ tanzten irgendwann zwei Pärchen um die Sechzig vor der Bühne mit der lauten Rock-Band. In den Verkaufsräumen von „Borsheim's“ drängten sich die Leute derweil vor den Auslagen und zückten ihre Kreditkarten.

Der Cocktailempfang beim großen Juwelier von Omaha am Freitag ist der traditionelle Auftakt zur Hauptversammlung von Berkshire Hathaway, der Holding-Gesellschaft des berühmten amerikanischen Investors Warren Buffett. Buffett hat die Veranstaltung in Anlehnung an das legendäre mehrtägige Rockkonzert Ende der sechziger Jahre „Woodstock für Kapitalisten“ getauft.

Die größte Party des Jahres in Omaha

In Omaha heißt es nur „Berkshire-Wochenende“. Das sagt alles. „Das ist die größte Party des Jahres in Omaha“, berichtet Tanya Cook, die in der beschaulichen Metropole von Nebraska wohnt und wie viele Einwohner dort Berkshire-Aktien besitzt. Und die Party wird immer größer. Otto Schwarzwälder, ein aus Regensburg angereister Berkshire-Aktionär, erinnert sich noch an Aktionärstreffen, als nur 8000 Leute nach Omaha pilgerten.

Am vergangenen Samstag strömten 31.000 Aktionäre in die Sportarena Qwest Center, um dem fünfstündigen Frage-und-Antwort-Marathon von Buffett und seinem Vize-Chairman Charlie Munger zu lauschen. Darunter waren auch zahlreiche internationale Investoren, wie die lange Schlange vor der eigens für Ausländer abgehaltenden Audienz beim Meister unterstrich. „Das wird immer mehr zum Oktoberfest“, findet Schwarzwälder.

Gute Stimmung in unsicheren Zeiten

Dabei wurde das Fest in diesem Jahr in unsicheren Zeiten abgehalten. Die Häuserpreise in Amerika fallen, das Benzin wird teurer, und die andauernde Finanzkrise sorgt an der Wall Street für schwankende Aktienkurse. All das drückt auf das Gemüt der amerikanischen Verbraucher, von denen die amerikanische Konjunktur überwiegend abhängt.

An Omaha geht dies trotz der hohen Zahl von Berkshire-Aktionären nicht vorbei. Auch dort steigt die Zahl der Zwangsversteigerungen. Neubauten und protzige Modellhäuser im weitläufigen Westen der Stadt bleiben leer oder unvollendet. „Aber es hat bei den Häuserpreisen hier nie die spekulativen Ausmaße gegeben wie in Kalifornien oder in Florida. Deswegen ist der Einbruch auch nicht so stark“, sagt Vince Leisey, der Chef des Immobilienmaklers Prudential Ambassador Real Estate.

Buffett stimmt auf niedrigere Renditen ein

Aber auch die Aktionäre von Berkshire müssen sich auf ein Ende der fetten Jahre einstellen. „Die Party ist vorbei“, hatte Buffett vor einigen Monaten in seinem Aktionärsbrief mitgeteilt. Die Gewinnmargen aus dem für Berkshire wichtigen Versicherungsgeschäft werden in diesem Jahr fallen, prognostizierte Buffett. „Es ist keine Frage, dass die Renditen von Berkshire niedriger sein werden als in der Vergangenheit“, sagte Buffett bei der Hauptversammlung.

Berkshire wird mittlerweile der eigene Erfolg zum Problem. Der Konzern hat 36 Milliarden Dollar Barmittel, die nicht so einfach angelegt werden können. „Unser Anlageuniversum ist geschrumpft“, sagte Buffett. Der für seine trockenen Kommentare bekannte Charlie Munger, der auf dem Podium des Halle wie immer links neben Buffett saß, drückte das so aus: „Wir werden weniger Geld verdienen, und ich schlage Ihnen vor, die gleiche Einstellung zu entwickeln.“

62 Milliarden Dollar hat Buffett auf der hohen Kante

Diese Einsicht dürfte den erfolgsgewohnten Aktionären schwerfallen. Immerhin ist der Aktienkurs von Berkshire im vergangenen Jahr um 22 Prozent gestiegen. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 ist dagegen um 5 Prozent gefallen. Leute, die vor vierzig Jahren für 1000 Dollar Berkshire-Anteile gekauft hatten, sind zu Millionären geworden. Buffett selber ist mit einem vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ geschätzten Vermögen von 62 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt.

Trotz seines Reichtums gibt sich Buffett bodenständig. Er trinkt während der Hauptversammlung fortwährend aus einer Dose Cola und nascht Süßigkeiten - ein wenig subtiler Hinweis auf die Beteiligungen von Berkshire. Jeder im Saal weiß, dass Berkshire ein großes Aktienpaket am Getränkehersteller Coca-Cola besitzt und der Süßwarenhersteller See's Candies zu den rund 70 Tochtergesellschaften gehört.

Buffetts bodenständige Art trägt gehörig dazu bei, dass er von den Aktionären und der Bevölkerung verehrt wird. „In Omaha kann man nicht sehr überheblich sein, weil man sonst keine Freunde hat“, meint Aktionärin Cook. Für manche Aktionäre ist Buffett daher nicht nur Geldverwalter, sondern ganz offenbar eine Art Berater für allgemeine Lebensfragen. Buffett führt auf die Frage eines Schülers aus, dass man sich nach seiner Leidenschaft fragen und den richtigen Ehepartner finden muss, um Erfolg im Leben zu haben. „Ich schätze mich glücklich, dass ich meine Passion früh gefunden habe.“ Der legendäre Investor hat mit 11 Jahren seine erste Aktie gekauft. Jetzt ist er 77 Jahre alt. Geschäftspartner Munger ist 84.

Die Ära Buffett neigt sich dem Ende zu

Deswegen neigt sich die Ära Buffett zweifellos ihrem Ende zu, auch wenn Buffett und Munger mit ihrem Alter kokettieren und einen wachen Eindruck machen. „Ein fünfzigjähriger Vorstandschef altert pro Jahr prozentual stärker als ein achtzigjähriger“, rechnet Buffett vor. Irgendwann ist also Schluss. „Das kann morgen passieren oder erst in drei Jahren“, sagt Buffett. Für die Nachfolge in seiner Rolle als Vorstandschef gibt es daher drei interne Kandidaten.

Für die Rolle des Chefanlegers hat er externe Kandidaten ausgewählt. „Dem Verwaltungsrat liegen vier Namen vor“, sagt Buffett. Alle hätten gute Jobs, sind vergleichsweise jung und bereits reich, weswegen die Vergütung kein großes Thema sei. „Die werden kommen, und es wird keine Unterbrechung bei der Verwaltung des Geldes geben“, versichert er. Buffett verlangte bei der Ausschreibung, dass sein Nachfolger „genetisch programmiert“ sein müsse, zukünftige Risiken zu vermeiden - auch solche, die sich bisher noch nicht absehen ließen.

Keine Hochachtung vor Investmentbankern

„Die Investmentbanken haben alle Risikomodelle, aber sie haben nicht die leiseste Ahnung“, kritisiert Buffett angesichts des jüngsten Beinahe-Zusammenbruchs der Investmentbank Bear Stearns. Investoren schenken Buffett offenbar Vertrauen, dass er die genetische Risiko-Programmierung seiner potentiellen Nachfolger prüfen kann - was immer das sein mag. „Wenn Buffett nicht mehr da ist, wird es nur eine zeitweilige Pause beim Anstieg des Aktienkurses geben“, ist Vermögensverwalter Byran Schneider überzeugt, der in Omaha für das örtliche Wertpapierhaus Smith Hayes arbeitet. „Berkshire hat eine extrem talentierte Ersatzbank“, sagt er auf der Party beim Juwelier Borsheim's, der natürlich auch zu Berkshire Hathaway gehört.

Aber genaue und konkrete Informationen gibt Buffett nicht preis. Vereinzelt kritisieren Aktionäre Buffetts Art, seine Aussagen vage und generell zu halten. „Er ist ein Meister im Nichtssagen“, meint der deutsche Vermögensverwalter Burkhard Wittek. Andere Aktionäre schätzen aber gerade die Fähigkeit von Buffett, komplexe Ideen einfach darzustellen. „Buffett investiert mit gesundem Menschenverstand“, lobt der deutsche Verleger und Investor Norman Rentrop.

Für die meisten Aktionäre hat sich der Kontakt mit Buffett daher wohl gelohnt. Geldverwalter Schneider hat sogar Buffetts Lebensweisheiten befolgt und die Sängerin Bo geheiratet. „Meine Familie besitzt schon ganz lange Berkshire-Aktien“, sagt Bo, die mit ihrer populären Gruppe Mulberry Lane einmal bei der deutschen Show „Geld oder Liebe“ aufgetreten ist. Für die Aktionäre von Berkshire stellt sich diese Frage daher nicht. In Buffetts Omaha geht es um Geld und Liebe.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z., HO, REUTERS

 
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